Berlin, den 25.08.2019 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

04.04.2006 - KULTURWISSENSCHAFTEN

Gesungenes Bild und fester Buchstabe

Auf den Spuren des Iconic Turn

von Josef Tutsch

 
 

Macht der Bilder: Salvador
Dalís Verfremdung der Mona
Lisa (1954)

Es hat sich bereits zu Lexikon-Wissen verfestigt: Der Terminus "iconic turn" wurde 1994 von dem Kunsthistoriker Gottfried Boehm geprägt. Vorbild war der Begriff der "linguistischen Wende" in der Tradition der angelsächsischen Sprachphilosophie, und dahinter stand die neidvolle Feststellung, dass es so etwas wie eine allgemeine Bildwissenschaft noch nicht gibt – erstaunlich und beunruhigend in einer Zeit, wo Video und Fernsehen die Macht der Bilder derart unübersehbar kundtun.

"In einem Zeitalter, das zunehmend von Wenden bestimmt scheint, erweist sich jene zum Bild offenbar auf Dauer angelegt", haben Richard Hoppe-Sailer, Claus Volkenandt und Gundolf Winter zum 60. Geburtstag von Gottfried Boehm festgestellt. Das war 2002, gerade acht Jahre nach dem Aufkommen des Begriffs und insofern, von einer longue durée der Wissenschaftsgeschichte aus betrachtet, vielleicht etwas kühn. Sicher ist immerhin, dass der "turn" sich sehr rasch von der Kunstgeschichte in andere Fächer, vor allem die Literaturwissenschaft, verbreitet hat.

Klicken zum schliessen
Jan Vermeer, Allegorie der
Malerei, 1665

Zu Boehms Geburtstag haben sich seine Kollegen in einer Zwischenbilanz versucht. Der Bochumer Philosoph Bernhard Waldenfels bringt einerseits die alltägliche Bilderflut auf den Punkt: "Die Reklame vollführt mit bildnerischen Mitteln, was traditionell der Rhetorik zugedacht war, nämlich die Fertigkeit, an die Affekte der Zuhörer zu appellieren und nach Bedarf mit ihnen zu spielen", spricht andererseits von der "Macht der Bilder", "dass der Blick, der uns trifft, mehr bedeutet als etwas, das wir als solches erfassen und das unsere Augenlust befriedigt", "ein Durchbrechen der Vermittlungen, eine Wort- und Bildlosigkeit im Herzen der Worte und Bilder".

Die religiösen Sprachanklänge lassen ahnen, dass die rationale Analyse da ihre Probleme hat. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, weiß das Sprichwort. "Die Art und Weise, wie sich jener Sinn in Bildern konstituiert, kann gegenwärtig kaum als aufgehellt gelten", bilanziert nüchtern Stefan Majetschak, Philosoph in Bonn. Mehr noch: "Über Bilder reden wir bis heute primär mit Ausdrucksweisen, die wir historisch an Phänomenen der Sprache gewonnen haben." Die Frage, wie ein den Bildern "sachangemessenes Kategoriensystem" möglich sein könnte – ohne aus der "logos-zentrierten" europäischen Wissenschaftstradition auszubrechen –, bleibt offen.

Klicken zum schliessen
Gottfried Böhm

Mag sein, dass es ein Legitimationsbedürfnis ist, wenn das neue Paradigma längst die Befassung mit dem Altbekannten, von Vermeer bis Mondrian, von Hölderlin bis Kafka durchdringt. Der Altmeister der Medientheorie, Hans Belting, weist darauf hin, dass die Metaphernspiele von Gesicht und Maske, durch die Nam June Paik sich in der Kunstszene der letzten Jahrzehnte hervorgetan hat, barocke Vorläufer haben. Etwa bei Johannes Gumpps Bild von einem Maler in Rückenansicht, der links in den Spiegel blickt und rechts sein eigenes Porträt malt. Oder Jan Vermeers "Kunst der Malerei": Der Künstler entwirft ein Gesicht auf der Leinwand, diesmal aber nicht sein eigenes, sondern das einer allegorischen Figur, der Malerei selbst.

Belting stellt diese "Porträts" in die Jahrtausende alte Tradition der Maske. "Das Gesicht ist eine Lebend-Maske, die sich in der Lebenszeit laufend verändert." Ein Bereich, wo das begriffliche Denken an seine Grenzen stößt: "Die soziale Realität wurde dadurch erworben, das jemand ein Gesicht trug." Das führt auf die Auseinandersetzungen um die Macht des Bildes, wie sie etwa zwischen Luther und den radikalen Bilderstürmen der Reformationszeit ausgetragen wurden – auch der neueste "turn" in den Kulturwissenschaften hat eben seine Vorgeschichte.

Klicken zum schliessen
Nam June Paik
TV Cello (2000)

Der Gießener Germanist Gerhard Kurz hat sich einen Ausschnitt aus dieser Vorgeschichte vorgenommen, Gedichte von Friedrich Hölderlin. Hölderlin, "imprägniert von der protestantischen Theologie des Wortes", "arbeitete sich am theologischen Potential des Bilderstreites ab". "Viel hab ich schönes gesehn und gesungen Gottes Bild", heißt es in einer Hymne. Eine provokative Anspielung auf das biblische Verbot, sich ein Bild zu machen. Kurz zeichnet nach, wie Hölderlins Haltung im Laufe der Jahre schwankte. In einem anderen Gedicht heißt es gut reformatorisch, "dass gepfleget werde der feste Buchstab und Bestehendes gut gedeutet".

Belehrung über die Macht der Bilder hätte Hölderlin jedenfalls nicht benötigt. Die Frage nach der "Logik der Bilder" wurde in der abendländischen Philosophie jedoch bis heute nicht beantwortet. "Die Helligkeit der Vernunft geht weiter als die Sprache", hat Boehm gelegentlich gesagt; aber es ist eben nicht die Helligkeit der Aussagesätze. Karlheinz Lüdeking, Kunstwissenschaftler in Berlin, spricht scheinbar paradox von der "Undurchsichtigkeit der Fotografie". Das fotografische Bild zeigt unweigerlich ein anderes, aber anders, als wenn man die Dinge leibhaftig vor sich hätte. An dieser Stelle wäre natürlich über die Kulturwissenschaften hinauszugehen: Was im Gehirn erscheint, ist ebenfalls ein "Bild", wie die Neurobiologen längst festgestellt haben.

Auch dieses Changieren der Fotografie hat seine Vorgeschichte. Seit dem Mittelalter finden sich in den Abendmahlsdarstellungen oft kleine "Tisch-Stücke", die sich später als Stillleben verselbständigten. Der Betrachter "sah" eine Alltagswirklichkeit von Brot und Wein, zugleich "zeigte" sich das Mysterium der Transsubstantiation. Wenn auf niederländischen Stilllebenbildern die Lichtstrahlen artifiziell gebrochen werden, erklärt der Münchener Germanist Gerhard Neumann, dann wurde "das Mystische durch eine naturwissenschaftliche Strategie vergegenwärtigt, das Unsichtbare durch die Aufmerksamkeit auf das Medium präsent gemacht". Eine Bildlogik, in der Tat, die sich nur schwer in die Logik von Aussagen und Kalkülen transformieren lässt.


Neu auf dem Büchermarkt:
Logik der Bilder. Präsenz – Repräsentation – Erkenntnis,
herausgegeben von Richard Hoppe-Sailer, Claus Volkenandt und Gundolf Winter,
Dietrich Reimer Verlag 2005 (ISBN 3-496-01328-1), 47,- €


Mehr im Internet:
iconic turn





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


forschung


politik


innovation


kultur


campus


kontakt