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kultur

14.03.2006 - MUSICAL

Love Story einer künstlichen Herzogin

Vor 50 Jahren wurde "My Fair Lady" uraufgeführt

von Josef Tutsch

 
 

My Fair Lady 1956

Den Ärger des Jahres 1908 hat George Bernard Shaw niemals mehr abgelegt. Unter dem Titel "Der tapfere Soldat" (englisch: "The Chocolate Soldier") hatte Oscar Straus sein erstes Erfolgsstück, die "Helden", zu einer Operette verarbeitet. Shaw fand das Ergebnis unerträglich sentimental. Seitdem weigerte er sich standhaft, noch ein Drama zur Vertonung freizugeben.

Was hätte Shaw wohl zu "My Fair Lady" gesagt? Erst 1954, nach jahrelangen Verhandlungen mit den Erben des Schriftstellers, konnte der Filmproduzent Gabriel Pascal den Librettisten Alan Jay Lerner und den Komponisten Fredrick Loewe mit dem Musical nach Shaws Komödie "Pygmalion" (1912) beauftragen. Am 15. März 1956 war am Broadway in New York die Uraufführung.

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My Fair Lady in der Karikatur
Es folgte eine unerhörte Serie von 2.717 Vorstellungen mit Rex Harrison und Julie Andrews. "My Fair Lady" wurde das Musical aller Musicals, nicht zuletzt durch den Film 1964 von Georges Cukor mit Rex Harrison und Audrey Hepburn. Wenn man so will, sind es sogar zwei Stücke in einem. Der Theaterbesucher, der mag, kann hinter dem schwungvollen Melodienreigen immer noch den ironischen Ton von Shaws Vorlage ahnen, alten Verwandlungsmythen nachsinnieren oder sich in sprachphilosophische Kontroversen vertiefen.

Es geht um einen Dressurakt. Einem Blumenmädchen ("Ah-ah-oh-au-au-uhu!") wird sein "vulgärer" Akzent ab- und der Tonfall der High society antrainiert, ganz wie der Professor für Sprachwissenschaft es ankündigt: "Ich werde aus diesem schmutzigen Straßenmädel eine Herzogin machen." Shaw hat sein Publikum mit dem Stücktitel auf die zweitausendjährige Motivtradition hingewiesen. Der Bildhauer Pygmalion, erzählt Ovid, verliebte sich in eine von ihm gefertigte Elfenbeinstatue. Auf seine Bitte hin belebte die Liebesgöttin die Figur. "Nun endlich vereint er wirklichem Munde den Mund, und die Jungfrau fühlt mit Erröten, wie er sie küsst ..."

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My Fair Lady - der Film 
zum Musical, 1964
Das Mittelalter sah in Pygmalions Geschichte wahlweise entweder ein Beispiel von Liebestorheit und Liebesverhexung oder für den Lohn des Minnedienstes; die Aufklärung träumte von der Belebung des künstlichen Menschen und von der Schöpferkraft des Genies. Die Idee eines pädagogischen Experiments entnahm Shaw vielleicht einem englischen Roman des 18. Jahrhunderts, "Peregrine Pickle" von Tobias G. Smollett. Er hätte auch in der deutschen Literatur fündig werden können. Karl Leberechts Immermanns Novelle "Der neue Pygmalion" von 1825 erzählt, wie sich ein Baron eine Försterstochter zur Frau heranbildet.

Männliche Herrschaftsphantasien. Shaws Professor Higgins, der Fanatiker der Phonetik, erlebt mit seinem Glauben an die Allmacht der Aussprache aber bereits mitten im Stück sein Debakel, als das dressierte Blumenmädchen der Gesellschaft in akzentfreiem Englisch erklärt, man habe ihre Tante "abgemurkst" ... Dass Eliza dann doch lernt, sich kultiviert zu benehmen, liegt mehr am Gegner der Wette, an Oberst Pickering, der sie, freilich ohne Einsicht n die Probleme, von Anfang an als Dame behandelt hat. Shaws Pygmalion entpuppt sich am Ende als Hagestolz, der von seinem Geschöpf zur Liebe bekehrt wurde.

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Audrey Hepburn als Eliza 
Doolittle
Und am Ende dann doch allein bleibt. Shaws Komödie endet grausam, für den Schöpfer wie für sein Geschöpf. Eliza schreit ihre Not heraus: Früher hat sie Blumen verkauft, "jetzt, da Sie eine Dame aus mir gemacht haben, bin ich nicht mehr imstande, irgend etwas zu verkaufen. Ich wollte, Sie hätten mich dort gelassen, wo Sie mich gefunden haben." Die Mutter des Professors formuliert es mit beinahe soziologischer Nüchternheit: Die Vorteile, die dem Blumenmädchen durch die Dressur verschafft wurden, sind "die Manieren und Gewohnheiten, die es einer feinen Dame unmöglich machen, ihr Brot selbst zu verdienen, ohne ihr auch das Einkommen einer feinen Dame zu geben".

Das Dilemma ist unlösbar; logisch, dass Shaw der Phantasie des Zuschauers alles offen hält. Das war für den Broadway denn doch inakzeptabel. Ein Happy-End à la Aschenputtel musste her, bei Shaw als Möglichkeit angedeutet durch einen vornehmen jungen Herrn, der sich in das ehemalige Blumenmädchen verliebt hat. Elizas Ankündigung "Ich werde Freddy heiraten, sobald er imstande ist, mich zu erhalten", hat Shaw in seinem Nachwort zu einem ebenso brillanten wie zynischen Exkurs über die Ehe ausgestaltet.

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Film zum Schauspiel, 1938
Unsere Einbildungskraft, ist dort zu lesen, sei geschwächt durch die "üble Abhängigkeit von der Massenware in Trödelläden, wo die Romantik ihre Vorräte an glücklichen Ausgängen verschleißt". Als Theaterpraktiker und Musikkritiker wird Shaw geahnt haben, was den Musical-Autoren durch die Gesetze ihrer Gattung aufgedrängt wurde. Und in der Tat, ohne Love-Story wäre der Welterfolg von "My Fair Lady" vermutlich ausgeblieben. Sogar der grausamen Sprachdressur haben Alan Jay Lerner und Frederick Loewe einen versöhnlichen Abschluss gegeben. Als der Professor, allein geblieben, sich Aufnahmen von Elizas Stimme anhört, kommt sie selbst noch einmal zurück.


Mehr im Internet:
My Fair Lady
Pygmalion








Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

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