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02.03.2006 - ISLAMWISSENSCHAFT

Alibigötzen der Freiheit

Religiöse Werte in muslimischen Printmedien

von Josef Tutsch

 
 

Gott ist barmherzig, allwissend und gerecht; dem Menschen obliegt es, Gottes Schöpfung zu achten. Er bedarf dabei der Leitung durch die Propheten, die Gott den Menschen gesandt hat, damit sie an das Gute im Menschen erinnern. Der Teufel führt den Menschen in die Irre, wenn er ihn zum Beispiel dazu verleitet, seinen Gelüsten ungehindert nachzugeben. Überwiegen die guten Werke, kommt der Gläubige nach dem Tod ins Paradies, hat er sich in schlechte Taten verstrickt, wird er in die Hölle verbannt.

Wenn jemand noch bezweifeln sollte, dass die Ideenwelten von Islam und Christentum einander verwandt sind, hier findet er den Beweis. Eine Nachwuchswissenschaftlerin in Jena hat über 300 deutschsprachige Bücher, Broschüren und Zeitschriften untersucht, die (außerhalb des Schulunterrichts) Religion vermitteln wollen – und zwar die islamische Religion. Was Silvia Kaweh da referiert, liest sich, wenn man Wörter wie "Islam" oder "Mohammed" einmal unbeachtet lässt, streckenweise wie für ein christliches Publikum geschrieben.

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 Der Erzengel Gabriel offenbart dem
 Propheten Mohammed den Koran

Interessant sind natürlich die Unterschiede. Dass der Islam in diesen muslimischen Traktaten als beste, höchste, überlegene Religion gilt, kann nicht überraschen; es liegt in der Definition von Bekenntnissen, dass sie sich selbst so sehen. Eine überraschend geringe Rolle spielt heute offenbar das klassische Argument, mit den Dreifaltigkeits- und Mariendogmen würde die Einzigkeit Gottes, der Monotheismus, angetastet. Der schwierige Punkt liegt vielmehr in einer, so die Zeitschrift "Al-Islam", "modernen Form von Mitgötterei": "Der Obergötze Europas heißt ‚Wachstum’, die Nebengötzen heißen ‚Sicherung des Fortschritts’ und ‚Wettbewerbsfähigkeit’, die zahlreichen Alibigötzen haben Namen wie ‚Ausbildung’, ‚Freiheit’, ‚Menschenrecht’, ‚Liebe’, ‚Gleichberechtigung’. Die Aufgabe der Alibigötzen ist es, diese an sich guten Werte dem Kontext der göttlichen Offenbarung zu entreißen und sie zu verselbständigen."

Diese Sätze werden keineswegs repräsentativ sein, zeigen aber die Schwierigkeit, vor die sich islamische Theologen heute gestellt sehen: nicht so sehr durch das Christentum selbst, sondern durch Säkularisierung und Pluralismus, wie sie in den letzten Jahrhunderten aus den Voraussetzungen des christlichen Europa gewachsen sind. Die Religionswissenschaftlerin ist sich der praktischen, politischen Brisanz bewusst. Im Hintergrund steht die Frage, "inwieweit Muslime aufgrund ihres religiösen und kulturellen Wertehorizontes in die deutsche Gesellschaft integriert werden können".

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 Das heilige Buch

Am aufschlussreichsten wird die Jenaer Studie, wo sie nach dem idealen Gegenbild fragt, wie es in den Medien gezeichnet wird. Es geht um die "umma", die Gemeinschaft der Gläubigen zur Zeit des Propheten. Aus einer Zeitschrift des Islamischen Zentrums Hamburg: "Wir Muslime sollten uns mit dem ganzen Demokratieschwindel gar nicht erst befassen. Wir haben eigentlich ein echt demokratisches System, und das ist das System der ersten ‚umma’." Historisch wäre allerdings zu vermerken, dass es im "Urislam" nur um Gleichheit und Gerechtigkeit innerhalb einer herrschenden Kriegerkaste gehen konnte, der Juden und Christen gegen eine Sondersteuer als Schutzbefohlene unterstellt waren, zu schweigen davon, dass für Anhänger anderer Richtungen gar kein Platz vorgesehen war.

Distanz zu dem, was hierzulande "Demokratie" heißt? Hier ist terminologische Klarheit angesagt. Das Problem liegt nicht im Gedanken demokratischer Partizipation, sondern in Individualismus, Liberalismus und Pluralismus. Immer wieder beklagen die Autoren, einer der größten Mängel der säkularisierten Gesellschaften sei "das Verdrängen der ethischen Werte von der allgemeinen, für jedermann gültigen Ebene in den individuellen Bereich der Gesinnung. Der Islam kennt einen solchen Pluralismus nicht." Der Westen als areligiös, konsumorientiert, sexuell zu freizügig, eine egoistische Ellenbogengesellschaft: Dergleichen Stichworte kommen auch in den Traktaten anderer Weltanschauungen vor; aber man ahnt den Unterschied. Die großen christlichen Bekenntnisse haben sich mit der Moderne arrangiert, der "Kommunismus", der von der Urgemeinde erzählt wird, spielt praktisch-politisch keine Rolle.

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 Moschee in Berlin

Unterschiedliche Ursprungsgeschichten beider Religionen: Unterdrückung und Verfolgung einerseits, ein beispielloser militärischer Siegeszug andererseits. Dass sich gläubige Muslime eher von gläubigen Christen als von der areligiösen Gesamtgesellschaft verstanden wissen, glaubt man dennoch gern – trotz der Barriere, die hier etwa die Trinitätslehre darstellt. Der Zugang zur Religion muss freiwillig sein, darf keinem Zwang unterliegen, wird der Koran in den Missionsschriften immer wieder zitiert – fragt sich nur, wie das mit dem stereotypen Protest gegen eine "Privatisierung" von Religion vereinbart werden könnte.

Wie weit die Argumente aus der Traktatenliteratur bei den 3,2 Millionen Muslimen in Europa durchdringen, muss offen bleiben. Der Shell-Studie aus dem Jahr 2000 zufolge lesen gerade 19 % der türkischen Jugendlichen wenigstens gelegentlich "religiöse Literatur". Zu recht betont die Forscherin, dass islamische Religiosität keineswegs zwangsläufig als fundamentalistische "Gegenbewegung zur Moderne" zu sehen ist. Aber die Studie macht nachvollziehbar, was vielen Muslimen an der westlichen Mehrheitsgesellschaft befremdlich erscheinen muss. Zivilisatorischer Hochmut wäre gerade in Deutschland unangebracht: Ein Blick in das politische Schrifttum des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bringt Vorbehalte gegen die liberale Demokratie westlicher Art ans Licht, die denen in muslimischen Medien von heute in nichts nachstehen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Silvia Kaweh: Integration oder Segregation. Religiöse Werte in muslimischen Printmedien. Eine systematische Inhaltsanalyse muslimischer (außerschulischer), religionsvermittelnder, deutschsprachiger Printmedien,
Traugott Bautz, Nordhausen 2006 (ISBN 3-88309-340-8), 40,- €


Mehr im Internet:
Islam
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

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