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14.02.2006 - GEHIRNFORSCHUNG

Brain Pong - Spiel mit Fantasie

Tennis spielen allein durch die mentale Kraft der Gedanken

Isabelle Bareither

 
 

Spielen in der Röhre - Hirnforscher experi-
mentieren mit einem altbekannten Spiel

Kein bisschen bewegen muss man sich im neuen Lieblingsspiel der Gehirnforscher. Das wahrscheinlich teuerste Spiel der Welt funktioniert durch die pure Kraft der Vorstellung. Spielplatz des von Professor Rainer Goebel von der Universität Maastricht in den Niederlanden entwickelten „Brain-Pong Game“ ist ein Labor in Nijmegen. Hier stehen sich zwei riesige Maschinen - funktionelle Magnetresonanz-Tomographen - gegenüber, in die die nicht körperlich, aber geistig trainierten Spieler platziert werden.

Gemütlich sieht das ganze zwar aus, ist es aber wohl nicht. Die Probanden werden flach auf dem Rücken liegend langsam in die Röhre hineingeschoben. Der Kopf wird mit Watte in einer Spule fixiert. Das ganze soll natürlich nicht schmerzen, aber doch den Kopf vor kleinsten Bewegungen bewahren. Denn diese würden das vom Gehirn gemachte Bild erheblich stören. Zusätzlich bekommen die Versuchspersonen Kopfhörer aufgesetzt. Diese sollen nicht nur vor dem Lärm schützen, den die Maschine macht, sondern auch die Kommunikation mit dem Team im Vorraum sicherstellen.

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Prof. Rainer Goebel, Universität Maastricht
Bilder: Brainvoyager

Auf einem Bildschirm sehen die Spieler, genau wie das im Labor mitfiebernde Team um Rainer Goebel, einen Ball der zwischen zwei Schlägern langsam hin und herfliegt. Die vertikal beweglichen Schläger gehören jeweils zu einem der Probanden und werden nur durch dessen Gehirnaktivität gesteuert. Wenn die Gehirnaktivität steigt, geht der Schläger nach oben, wenn sie sinkt, geht er nach unten.

Durch ein komplexes Training im Vorfeld des Experimentes lernen die Spieler ihre Hirnsignale bewusst, aber ohne jegliche Art der Bewegung zu beeinflussen. Dabei sind der Fantasie bei der Wahl der Strategien keine Grenzen gesetzt. Rainer Goebel motiviert sogar die Spieler dazu, ihre ganz individuelle Taktik zu entwickeln. Einer der Probanden, Musiker aus Leidenschaft, stellt sich z. B. ein Musikorchester mit Pauken und Trompeten vor um den Schläger nach oben zu katapultieren. Dagegen herrscht Stille in seinem Kopf wenn der Schläger nach unten soll. Für moderatere Höhen und Tiefen stellt er sich mehr oder weniger laute und zahlreiche Musikanten vor. Was auch immer er sich vorstellt, der Magnetresonanz-Tomograph registriert die Signale in seinem Gehirn und verwendet sie zur Steuerung der Schläger.

Die für den Menschen harmlose funktionelle Magnetresonanz-Tomographie (fMRT) wird schon seit Jahren in Labors auf der ganzen Welt angewendet um die Funktionen des komplexesten Organs des Menschen zu erforschen. Durch einen Magneten der so stark ist, dass er schon kleinste Metalle im Bereich von drei Metern einsaugt, wird mit fMRT der Sauerstoffgehalt im Blut gemessen. Blut wiederum wird in erhöhter Form in Gehirnregionen transportiert, die beim Denkprozess aktiviert werden. Dadurch ist es den Forschern möglich zu sehen, welche Hirnteile bei welchem Denkprozess angeregt werden. So haben Forscher z.B. herausgefunden, dass eine bestimmte Gehirnregion auf Gesichter reagiert, eine andere dagegen auf Objekte usw.

Im Falle des von Rainer Goebel entwickelten Brain Pong Spiels wird in einem Vortraining analysiert, welche Sektoren des Gehirns optimal auf die individuelle Strategie des Spielers reagieren. Die Strategie des Musikers z.B., aktivierte eine Region im auditorischen Kortex, zuständig für Hörprozesse im Gehirn. Ähnlich wie beim hören von sehr lauter oder leiser Musik, wurde diese Region bei der Vorstellung von lauter und leiser Musik stärker bzw. schwächer aktiviert.

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 ...eines der ältesten Computerspiele von
 Hirnforschern neu entdeckt
Bisher folgte der Daten- Gewinnung eines fMRT Experimentes eine lange, komplizierte Analyse, die meist mehrere Tage, wenn nicht Wochen dauerte. Durch die Verbesserung der Forschungsmaschinerie jedoch ist es nun möglich, den fMRT-Probanden praktisch ‚live’ ins Gehirn zu schauen. Nach nur zwei Sekunden hat der Forscher durch das sogenannte „Real-Time fMRI“ die Ergebnisse nun auf dem Tisch. Und nicht nur der Forscher, sondern auch die Probanden selber können nun die Aktvitäten in ihrem Gehirn live mitverfolgen. Durch das sogenannte „Neurofeedback“ wird den Testpersonen ihre eigene Gehirnaktivät während des Experimentes vorgespielt. Hierdurch wird es den Spielern möglich, ihre Strategien für ein erfolgreiches Match zu verbessern.

Die bewusste Beherrschung der mentalen Aktivitäten ist für dieses Spiel von großem Nutzen. Können die Probanden ihre Gehirnaktivität bewusst steuern, können sie die Schläger optimal bewegen und damit punkten. Dies ist natürlich das Ziel des Spiels, hat aber auch noch andere Vorteile. In der Theorie könnte die Erlernung der Regelung von Hirnaktivitäten auch bei vielen psychischen und körperlichen Krankheiten eingesetzt werden.

So verspricht diese Methode Besserung für Menschen die unter Angstzuständen oder Schizophrenie leiden. Diese psychischen Krankheiten werden oft durch exzessive Aktivitäten in bestimmten Gehrinregionen ausgelösst, und könnten mit der willentlichen Beeinflussung dieser unter Kontrolle gebracht werden. Forscher haben z.B. herausgefunden, dass der Hörprozess bei einem gesunden Probanden und auditorische Halluzinationen bei Schizophrenen oft genau dieselben Hirnregionen beanspruchen. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass dies der Grund für die Authenzität der Halluzinationen ist. Könnte der Schizophrene nun die fehlerhaften Aktivitäten unter Kontrolle bringen, wäre dies ein grosser Schritt für ihn – und die Wissenschaft an sich.

Bei Angstpatienten sind oft Fehlinterpretationen von körperlichen Reaktionen Schuld an der unrealistischen Angst. Verschiedene Strategien können helfen, die körperlichen Reaktionen unter Kontrolle zu bringen. Diese Strategien könnte ein Patient nun unter dem Tomographen ausprobieren. Der Phobiker würde dann direkt erfahren, welche Strategie am besten hilft, die Überreaktionen des Körpers zu dämmen. Andersrum könnten auch Krankheiten wie Depressionen, die durch eine Unterfunktion bestimmter Gehirnareale ausgelösst werden mit dieser Methode beeinflusst werden.

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 Trotz Lärm hatten die Versuchspersonen
 beim Brain Pong viel Spaß

Ferner wurde das Prinzip des Neurofeedback auch schon von Niels Birbaumer benutzt um „Locked-In“ Patienten zu helfen. Meistens wird diese Krankheit durch die Nervenerkrankung Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) hervorgerrufen. Diese führt zur Zerstörung motorischer Neuronen, und damit zum kompletten Verlust der Beweglichkeit. Was bei der Taubheit in der Fingerspitze anfängt, endet in vielen Fällen mit der völligen Gelähmtheit. Das noch intakte Bewusstsein dieser Patienten wird damit in einen starren Körper eingeschlossen. Jahrelang wusste die Medizin nicht einmal, dass diese Patienten noch bei Bewusstsein sind, doch sie sind oft so klar wie eh und je. Nur können sie das nicht mehr kommunizieren. Jedenfalls nicht ohne Hilfe. Niels Birbaumer von der Universität Tübingen schaffte es jedoch durch die Einsetzung des klassischen Elektro-Enzephalograms (EEG) und des Prinzip Neurofeedback die Patienten kurze Briefe schreiben zu lassen.

Bei der Methode des EEG werden dem Patienten Elektroden an den Kopf gesetzt, die dann elektrische Gehirnaktivitäten aufnehmen. Im Unterschied zum fMRT ist das EEG zwar beim räumlichen Lokalisieren von Gehirnregionen nicht so präzise, dafür aber zeitlich genauer, also schneller wie das fMRT. Ähnlich wie beim Brain Pong Spiel, lernen die Patienten auch bei diesem bildgebenden Verfahren ihre Gehirnaktiviät zu steuern. Die Aktivitäten werden durch das EEG aufgenommen, und dienen der Selektierung von Buchstaben aus dem Alphabet. Die Buchstaben werden dabei jeweils in zwei Hälften verteilt. Ist die Gehirnaktivität hoch, wird die obere Hälfte genommen, ist sie niedrig die Untere. Die selektierte Hälfte wird dann wiederum geteilt und so weiter bis ein Buchstabe übrig bleibt. Zwar ist der Prozess sehr langsam und mühselig, doch er funktioniert bei einem drittel der Patienten.

Auch die Locked-In Patienenten erlernen also, ihre eigene Gehirnaktivät bewusst zu beeinflussen. Das Erlernen dieser Methode ist jedoch sehr beschwerlich, daher geben viele Patienten zu früh auf. Beim Brain Pong Spiel Rainer Goebels dagegen, haben die Versuchspersonen soviel Spass, dass sie es gerne in Kauf nehmen mehrere Stunden in der lärmenden Röhre des fMRT Scanners zu verbringen. Daher auch die Hoffnung, Patienten wie gesunden Testpersonen die Kontrolle der Gehirnaktivät spielerisch bei zu bringen.


Mehr im Internet:
Elektroenzephalographie (EEG)
Funktionelle Magnetresonanz Tomographie (fMRI)

Website Rainer Goebel

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