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20.02.2006 - AUSSTELLUNG
Schwarze Galle, große Kunst
"Genie und Wahnsinn" in der Berliner Nationalgalerie
von Josef Tutsch
 | | Arnold Böcklin, Selbstbildnis mit
fiedelndem Tod, 1872
Bild: Staatl. Museen zu Berlin
| | | Aus welchem Grunde sind alle hervorragenden Männer, sei es, dass sie sich in der Philosophie, der Politik, der Poesie oder den bildenden Künsten ausgezeichnet haben, eigentlich Melancholiker? fragte im 3. Jahrhundert vor Christus ein griechischer Schriftsteller. Der Aristoteles-Schüler, dem der Traktat zugeschrieben wird, konnte nicht ahnen, dass er gerade einen der wirkungsmächtigsten Sätze der Ideengeschichte formulierte. "Es hat keinen großen Geist ohne Beimischung von Wahnsinn gegeben", setzte der Stoiker Seneca den Gedanken fort, und die Intellektuellen der Renaissance wollten auch die Umkehrung gelten lassen. "Aus der aristotelischen Meinung", resümiert der Kunsthistoriker Erwin Panofsky, "dass alle großen Männer Melancholiker seien, wurde die Behauptung, dass alle Melancholiker große Männer wären."
"Melancholie, Genie und Wahnsinn in der Kunst": Die Réunion des Musées Nationaux in Frankreich und die Staatlichen Museen Berlin haben diesem Zusammenhang eine große Ausstellung gewidmet. Ursprünglich, verrät der Kurator Gérard Régnier, der ehemalige Direktor des Musée Picasso, hatte er dieses Unternehmen bereits zum vergangenen Millennium realisieren wollen. Anscheinend fand man in Paris das Thema aber zu wenig zukunftshell. Vorbehalte, die sich in Berlin wohl fortgesetzt haben: Peter-Klaus Schuster, der Generaldirektor der Staatlichen Museen, muss einräumen, dass es nicht gelungen ist, einen Sponsor zu finden.
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Albrecht Dürer, Melencolia I, 1514 Bild: Staatliche Museen zu Berlin
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Wenn die potentiellen Sponsoren erst geahnt hätten, was an dem Thema alles dranhängt ... "Ich frage mich, ob die abergläubischen Vorstellungen, die sonst den Begriff des ‚Genies’ umgaben, noch stark genug sind, dass sie uns hindern sollten, unsern Freund ein Genie zu nennen." Zitat von Thomas Mann, mit dem "Freund" war "Bruder Hitler" gemeint. Wo es wirklich dunkel wird, hält die Ausstellung sich bemerkenswert zurück. Aber das Thema ist ohnedies sehr weit gespannt, von den Theorien antiker Mediziner über die "schwarze Galle" bis zu barocken Allegorien der Eitelkeit, von Caspar David Friedrichs sehnsuchtsvollen Landschaftsbildern bis zur Umwertung der Melancholie im modernen Künstlerbildnis.
Über 300 prachtvolle Werke aus fast zweieinhalb Jahrtausenden. Im Mittelpunkt steht, wie könnte es anders sein, Albrecht Dürers "Melencolia I" von 1514. Ein Blatt, das immer wieder zu den unterschiedlichsten Interpretationen Anlass gegeben hat; Schuster versucht sich in einer neuen Deutung. Ausgangspunkt ist ein Holzschnitt, der vier Jahre zuvor in Paris erschienen war. Dort sitzt die Weisheit der Glücksgöttin gegenüber, ähnlich wie Dürers Melancholie mit dem Zirkel in der Hand dem unbeständigen Meer und der rollenden Kugel. "Der schöpferische Mensch der Neuzeit durchmisst die Welt und orientiert sich dabei stets am Maß und an der tugendhaften Mäßigkeit. Nur so vermag er sein gefährliches melancholisches Temperament zu balancieren." Mehr noch: Die Art, wie Dürer seine Frauenfigur zwischen ihre wissenschaftlichen Instrumente platziert, ähnelt einer viel älteren Bildtradition, Christus zwischen den Passionsgeräten. "Nur durch ein alles menschliche Wissen übersteigendes Liebesstreben lässt sich für Dürer in der Nachfolge Christi zur göttlichen Weisheit aufsteigen."
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Deodato Di Orlandi, Trauernder Johannes, um 1280/1290 Bild: U. Edelmann, Artothek |
Es gelingt Schuster, die großen Kupferstiche Dürers seit 1503 als Zyklus der vier Temperamente aufzufassen. Adam und Eva würden das sanguinische Temperament verkörpern, das durch den Sündenfall verloren geht, der heilige Hieronymus wäre der gelehrte Phlegmatiker, der Rittersmann der streitbare Choleriker, der es mit Tod und Teufel aufnimmt. "Doch so muss ich loben ihn, auf Kunst und Weisheit steht sein Sinne", hatte bereits im frühen 15. Jahrhundert Heinrich von Laufenberg seine Darstellung des Melancholikers beschriftet. Ob Schusters Deutung standhält, werden die Dürer-Spezialisten zu diskutieren haben. Die Berliner Ausstellung zeigt, wie seine Darstellung von späteren Künstlern immer wieder aufgegriffen wurde. Zum Beispiel Alberto Giacometti formte 1934 den Kubus, der links im Kupferstich zu sehen ist, als Bronzeplastik.
Dürers Figur stützt ihren Kopf auf eine Hand. Diese gestische Formel der Melancholie findet sich in Berlin auf einer attischen Grabstele des 4. Jahrhunderts vor Christus, im berühmten Bild Walters von der Vogelweide in der Manessischen Handschrift, auf vielen Altargemälden aus dem Mittelalter, auf einem Porträtbild Goyas, bei Rodins "Denker" usw. usf. Jüngstes Beispiel: Ein sitzender dicker nackter Mann von Ron Mueck, Polyesterharz aus dem Jahr 2000. Im Falle der mittelalterlichen Heiligen ist aber vielleicht gar kein melancholisches Temperament gemeint, die Trauer ist heilsgeschichtlich zu verstehen im Sinne der Verheißung "Eure Traurigkeit soll in Freude verkehrt werden".
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Caspar David Friedrich, Mönch am Meer, 18108-1810 Bild: Staatliche Museen zu Berlin
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Da liegt wohl eine Schwäche der Ausstellung: Das Thema ist derart vieldeutig und voraussetzungsreich, dass der Besucher leicht verwirrt sein könnte. Man sollte zuvor das höchst informative Ausstellungsmagazin lesen. Wem ist schon gegenwärtig, dass der antiken Medizin zufolge die vier Temperamente jeweils durch das Übergewicht eines besonderen "Saftes" im Körper begründet sind? Die "schwarze Galle" wurde für das melancholische Temperament verantwortlich gemacht. Neben diesem medizinischen Phänomen kannte das Mittelalter aber auch die Todsünde der Trägheit. Beide Konzeptionen vermischten sich seit dem 13. Jahrhundert miteinander. 1489 stützte der Humanist Marsilio Ficino das anthropologische Konzept durch die Modewissenschaft der Astrologie: Melancholiker – also Genies – sind Menschen, die vom Planetengott Saturn regiert werden.
Musik galt als Heil- oder wenigstens Linderungsmittel gegen Melancholie. Dieses Bildmotiv hatte durch den jungen David, der vor dem trübsinnigen König Saul die Zither spielt, sogar eine biblische Legitimation. Andererseits konnte Musik auch genutzt werden, um eine melancholische Stimmung erst hervorzurufen. Es werden nicht zuletzt solche Ambivalenzen gewesen sein, die das Melancholie-Konzept für eine moderne, streng naturwissenschaftliche Medizin untauglich gemacht haben. Die Künstler schreckte das nicht ab. Das 18. Jahrhundert steigerte den barocken Gedanken von der Eitelkeit alles Irdischen zu einem lustvollen Sichversenken in Tod und Vergänglichkeit – in Berlin eindrucksvoll demonstriert durch Bilder von der Dichterin Sappho, die sich aus unerfüllter Liebe ins Meer gestürzt haben soll.
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Salvador Dalí, Bildnis Isabel Styler- Tas (Melancolia), 1945 Bild: Staatliche Museen zu Berlin |
Das 19. Jahrhundert, das sich einerseits so ausgiebig mit den pathologischen Phänomenen der Depression beschäftigte, entdeckte andererseits, dass auch Teufel und Hölle ihren melancholischen Charme besitzen. Um 1890 malte Franz von Stuck einen Luzifer in der klassisch-melancholischen Haltung, den Kopf auf die linke Hand gestützt. Und heute? Da hat Moritz Wullen, Ausstellungsleiter der Berliner Nationalgalerie, eine überraschende These parat: In einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Differenzierung verhalten sich ganze Bereiche wie Kunst oder Wissenschaft sozusagen "melancholisch", nämlich auf sich selbst bezogen, mit der Chance gesteigerter Leistung, aber auch der Gefahr des Wirklichkeitsverlustes.
Das entspricht sehr genau der Definition, die Hippokrates um 400 vor Christus gegeben hat: "Melancholiker", also Menschen mit einem Überschuss schwarzer Galle im Blut, sind Menschen, die in ihren Gedanken so sehr um sich selbst kreisen, dass sie mehr und mehr das Interesse an der äußeren Wirklichkeit verlieren und immer tiefer in sich selbst versinken. Dass das Außergewöhnliche, von dem Hippokrates und jener Aristoteles-Schüler sprachen, nicht unbedingt positiv gemeint sein muss, hat nicht nur der geniebegeisterte Ficino geflissentlich übersehen. In der Berliner Ausstellung wird manches eher angedeutet als ausgeführt. Etwa die "Werwolfskrankheit", die vorübergehende Verwandlung des Menschen in eine Bestie, wurde als Extremform der Melancholie angesehen: Die schwarze Galle war ins Ungleichgewicht geraten.
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Edward Hopper, Kino in New York (Ausschnitt), 1939 Bild: Digital Image, Mus.of Mod. Art, NY/Scala, firence
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À propos schwarz: Nur konsequent, dass das umfangreiche Veranstaltungs- und Filmprogramm zur Ausstellung mit "Salon Noir" überschrieben ist. Die Nationalgalerie entlässt den Besucher mit einem großformatigen Monochrombild, schwarz in schwarz, von Johannes Geccelli, Acryl auf Leinwand, gemalt 2003. Titel: "Melancholia".
Ausstellung: Melancholie, Genie und Wahnsinn in der Kunst, Neue Nationalgalerie Berlin, Kulturforum Potsdamer Platz, Potsdamer Stresse 50, 10785 Berlin, bis 7. Mai 2006, Dienstag, Mittwoch und Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 bis 22 Uhr, Freitag und Samstag 10 bis 20 Uhr; Eintritt 10 €, ermäßigt 6 €- Zur Ausstellung sind ein umfangreicher Katalog (45 €) und ein Magazin (6 €) erschienen.
Mehr im Internet: Melancholie, Genie und Wahnsinn in der Kunst
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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