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kultur

20.03.2006 - WELTWASSERTAG

"Die ungekosteten Quellen will ich suchen ..."

Ein Streifzug durch die Kulturgeschichte des Wassers

von Josef Tutsch

 
 

Pont du Gard, römische
Wasserleitung in der Provence

Fluss durch Rom, fünf Buchstaben. Beinahe hätten die alten Römer selbst dafür gesorgt, dass wir ins Kreuzworträtsel an dieser Stelle nicht "Tiber" eintragen dürften. Unter Kaiser Nero gab es Pläne, den Fluss umzuleiten, um die ständigen Überschwemmungen loszuwerden. Aber die Widerstände waren stärker, wie beim Historiker Tacitus zu lesen ist: "Die Natur habe, indem sie den Flüssen ihren Lauf angewiesen habe, aufs beste für das Wohl der Sterblichen gesorgt. Die Bitten oder die Schwierigkeiten der Anlagen oder auch die religiösen Bedenken gewannen den Sieg; man einigte sich, dass nichts geändert werde."

Man sieht, der Ehrgeiz, die Natur durch Technik zu beherrschen, ist nicht neu und die Bedenken dagegen sind es auch nicht. Reste römischer Wasserleitungen sind noch heute in der Eifel wie in der Provence und in Latium zu bewundern. Solche Anlagen hat es aber nicht bloß für das lebensnotwendige Trinkwasser gegeben. Seneca erzählt, dass in manchen römischen Villen Meerwasser bis in die Speisekammer geleitet wurde, um Meeresfische möglichst frisch verspeisen zu können. Der Moralist wetterte gegen diesen Wasserluxus mit einer makabren Schilderung: Die Seebarbe wurde in gläsernen Gefäßen vor den Augen der Gäste gekocht, die den Veränderungen der Farbe an den sterbenden Fischen mit großem Vergnügen zuschauten.

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Michelangelo, Die Sintflut (in der
Sixtinischen Kapelle)
"Das beste ist das Wasser ...", hatte der Dichter Pindar im 5. Jahrhundert vor Christus im Preislied auf einen Olympiasieger vor Christus gesungen. Eine Wahrheit, die in den heißen und trockenen Ländern am Mittelmeer schon in vorindustrieller Zeit plausibel gewesen sein muss. Pindars schlichte Aussage wurde Jahrhunderte lang immer wieder zitiert, ebenso wie die Spekulation des ersten aller Philosophen, des Thales von Milet, der das Prinzip oder die Quelle aller Dinge im Wasser ausgemacht hatte. In einem rhetorischen Übungsstück aus der Kaiserzeit, das zufällig erhalten blieb, ist die Idee zu Schulbuchwissen geronnen: das Wasser sei die Ursache der Entstehung von Menschen gewesen.

Thales mag sich an orientalischen Mythen orientiert haben. Im babylonischen Enuma Elis heißt es, in der Urzeit, "als die Götter noch nicht existierten", seien der Süßwasserozean und das Salzwassermeer noch ungetrennt gewesen. Einen Reflex kennen wir aus dem Anfang der Bibel: "Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser." Dass die Wasser die geordnete Welt zerstören könnte, ist uns aus der Sintfluterzählung vertraut. In der christlichen Predigt kam denn auch früh der Vergleich der Kirche mit einem Schiff auf: "Die Laien würden nicht selig, wo ihnen nicht die Regenten der Arche oder Kirche die Hände reichten", geißelte Luther, der das alte Establishment ablehnte, die Vorstellung mit seinem Spott. Bereits aus dem Jahr 1508, Jahre vor Luthers Thesenanschlag, ist ein Holzschnitt bekannt, auf dem das Kirchenschiff mitsamt Papst und Bischöfen unterzugehen droht.

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Manneken Pis in Colonnas 
"Traumliebesstreit"
Andererseits war das Wasser schon in den Mysterienreligionen der Spätantike zum Sakrament und zum Symbol des ewigen Lebens geworden. Wir kennen das Motiv vom Wasser des Lebens auch aus den Märchen. Im Alexanderroman des sogenannten Pseudo-Kallisthenes wird erzählt, Alexander der Große habe sich am Rand der Welt von seinem Koch in einer Quelle einen Dörrfisch waschen lassen. "Doch kaum war der Fisch von dem Wasser benetzt, so wurde er wieder lebendig und entglitt den Händen des Kochs." Der Koch verschweigt das Wunder und erlangt so als einziger die Unsterblichkeit. Als der König den Vorgang erfährt, versenkt er ihn zur Strafe mit einem Mühlstein um den Hals in ein Gewässer. Der ungetreue Koch muss dort als Wasserdämon fortleben.

Nüchterner lesen sich die Ausführungen unter dem Namen des Arztes Hippokrates: "Allen Menschen, deren Bauch hart ist und zur Erhitzung neigt, nützt das süßeste, leichteste und klarste Wasser, allen aber, deren Bäuche weich, feucht und voll Schleim sind, das härteste, schwerstverdauliche und etwas salzige; denn so werden sie am besten abtrocknen." Oder beim Ingenieur Vitruv: "Das Wasser, das uns nicht nur Trank bietet, sondern durch seine Verwendung unzählige Bedürfnisse befriedigt, bietet einen willkommenen Nutzen, weil es unentgeltlich zur Verfügung steht."

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Richard Wagners Rhein-
töchter (Arthur Rackham)
Unentgeltlich – zwei Jahrtausende später ahnt man in diesem Wort die ökologische Problematik. In griechischen Städten gab es bereits Gesetzesvorschriften, die das Waschen oder Baden in Brunnen und Zisternen verboten, um einer Verunreinigung vorzubeugen. Bei den Dichtern, zum Beispiel Lukrez, wurden die "ungekosteten Quellen" zur Metapher für Authentizität. Als Kaiser Nero, wohl um seine Göttlichkeit zu demonstrieren, in den Quellen der Trinkwasserleitung Roms badete, wertete die Öffentlichkeit das als "allzu weit getriebene Zügellosigkeit". Tacitus: "Man fand, dass er das heilige Wasser und den weihevollen Ort durch dieses Bad verunreinigt habe."

Religiöse Bedenken gingen mit dem, was wir heute Umweltschutz nennen würden, Hand in Hand. Zur kultischen Reinigung durfte von alters her nur frisches Wasser aus dem Meer oder aus Quellen und Flüssen benutzt werden. Die frühe Neuzeit verwandelte die alte Ehrfurcht zum lockeren erotischen Spiel. 1499 erzählt Francesco Colonna, wie der Held seines "Traumliebesstreits" ein Badehaus betritt. Auf einem Relief ist ein kleiner Junge zu sehen, der nach Art von "Manneken Pis" "mit beiden Händen sein Glied hält und in die heißen Wasser des Beckens einen außerordentlichen Strahl schickt, damit es lauwarm würde". Als Poliphilo näher tritt, schnellt durch einen verborgenen Mechanismus plötzlich das Glied des Jungen nach oben und schießt dem Besucher den kalten Wasserstrahl ins Gesicht.

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Wasserspiele im Park von Tivoli
Die Gartenkünstler der Renaissance und des Barock liebten solche Neckereien. Ist es ein Zufall, dass ausgerechnet in den ersten Jahrzehnten der industriellen Revolution, um 1800, die Wassernymphen der Mythologie als Nixen, Melusinen, Undinen und Loreleyen wieder modern werden? Ein romantisches Spiel mit der "Ersatzverzauberung" einer durch Wissenschaft und Technik entgötterten Welt. Derweil ließ Goethe seinen altgewordenen Faust sich sehr modern als Ingenieur betätigen: "das herrische Meer vom Ufer auszuschließen ... das ist mein Wunsch!" Manche Kritiker Goethes fanden diese technokratische Vision höchst unpoetisch. Der Kommentar, den Fausts Helfer Mephisto dazu abgibt, klingt dagegen wiederum sehr modern, ökologisch, wenn man so will: "Auf Vernichtung läufts hinaus."


Auf dem Büchermarkt:
Kulturgeschichte des Wassers, herausgegeben von Hartmut Böhme, Frankfurt am Main 1988


Mehr im Internet:
Wasser






Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

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