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17.03.2006 - RASSISMUS
Weizenfarbe und Blutreinheit
Zum Tag der Beseitigung der Rassendiskriminierung
von Josef Tutsch
 | | Lovis Corinth, Sklave aus einer
Illustration zu 1001 Nacht
| | | "Wechselweise schwarz und weiß, gescheckt wie eine Elster": So beschreibt Wolfram von Eschenbach den Halbbruder seines Helden Parzival, die Frucht einer Fahrt seines Vaters in den Orient. Von anderen Rittern, die auf Kreuzfahrt gegangen waren, wusste der Dichter, dass es Menschen mit dunkler Hautfarbe gibt. Ob er sich Mischlinge wirklich "gescheckt" vorgestellt oder bloß einen Scherz fürs Publikum eingebaut hat – wer weiß.
Bemerkenswert, dass der Roman aus dem frühen 13. Jahrhundert mit keinem Wort ein rassistisches Vorurteil durchscheinen lässt. Feirefiz, so der Name des Halbbruders, wird von der höfischen Gesellschaft umstandslos akzeptiert. Ohne Vorurteile geht es dennoch nicht ab. Bevor der Heide seine Prinzessin heiraten darf, muss er sich taufen lassen: "Willst du die Ehe mit meiner Verwandten, so musst du dich, um ihretwillen, von allen deinen Göttern lösen, musst den Feind des höchsten Gottes stets bekämpfen.
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Illustration zu Wolfram von Eschenbachs "Parzival"
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Die Taufe als Entrée-Billet, wie Heinrich Heine das 600 Jahre später genannt hat, der anders als Feirefiz feststellen musste, dass diese Legitimation von großen Teilen der Gesellschaft doch nicht anerkannt wurde. Wie sich der moderne Rassismus auf dem Boden des christlichen Abendlandes ausgebildet hat, gibt bis heute Rätsel auf. Die Ursprünge reichen ebenfalls in die Zeit der Kreuzzüge zurück. So führte der älteste geistliche Ritterorden Spaniens, der von Calatrava, sehr früh die Regel ein, dass niemand aufgenommen wurde, der bis zur dritten Generation zurück auch nur einen einzigen jüdischen oder maurischen Vorfahren hatte.
Immer wieder stellten die christlichen Könige, die nach und nach die Iberische Halbinsel von den Mauren eroberten, ihre neuen jüdischen Untertanen vor die Alternative: Zwangstaufe oder Auswanderung. Mag sein, dass der Taufe, erzwungen oder nicht, eine wunderbare Wirkung zugetraut wurde – die christlichen Eiferer scheinen überrascht gewesen zu sein , dass unter den "Neu-Christen" jüdische Traditionen vielfach weiter gepflegt wurden. Bereits 1449 erließ Toledo das berüchtigte Statut über die "Blutreinheit": Jüdische Abstammung führte zum Ausschluss von öffentlichen Ämtern.
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Gustave Doré: Noah verflucht seinen Sohn Ham
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Dieser Quasi-Rassismus hat nicht daran gehindert, dass sich verarmte Adelsfamilien durch Heirat mit reichen Konvertiten zu sanieren versuchten. Abstammung und religiöses Bekenntnis gingen in der Argumentation durcheinander, zusätzlich aufgeladen durch ökonomische Konkurrenz. Sich durch Heiratsbeschränkung "rein" zu halten, ist noch keiner Gruppe auf Dauer gelungen. Weder den "Arien", die ab 1500 vor Christus das nördliche Indien unterwarfen und sich viel auf die "Weizenfarbe" ihrer Haut und ihrer Haare zugute hielten, noch den Juden, die auch in 2000 Jahren Diaspora versuchten, die Vorstellung vom gemeinsamen Stammvater Abraham aufrechtzuerhalten.
So haben sich die Anthropologen denn auch niemals auf eine präzise Einteilung der Menschheit in "Rassen" verständigen können. Linné und Carus unterschieden Weiße, Rote, Gelbe und Schwarze, Kant sprach von Weißen, Gelben, Braunen und Schwarzen; Comte und Gobineau kannten bloß drei Rassen: Weiße, Gelbe und Schwarze. Retzius unterschied Langschädelige und Kurzschädelige, Le Bon wusste von primitiven, niederen, mittleren und höheren Rassen. Der holländische Anatom Pieter Camper reihte Affen- und Menschenschädel nach ansteigender Steilheit des Winkels vom Kinn bis zur Stirn; dem Ideal von 100 Grad (zu sehen an der griechischen Statue des Apollon von Belvedere) kam der Europäer mit durchschnittlich 97 Grad am nächsten.
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Ein schwarzer Heiliger: Mauritius im Isenheimer Altar (M. Grünwald)
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Bald verband sich diese Ästhetik mit Intelligenzmessung und Geschichtsphilosophie: Der weiße Europäer bildete die Avantgarde der Menschheit und hatte die "Farbigen" in despotischer Fürsorglichkeit anzuleiten. Es wird gerade die scheinbare Wissenschaftlichkeit solcher Konzepte gewesen sein, die den Rassismus für ein säkularisiertes Zeitalter annehmbar machten. Schon im 4. Jahrhundert vor Christus hatte Aristoteles eine quasi-wissenschaftliche Rechtfertigung der Sklaverei vorgelegt: "dass ein Teil der Menschen durch die Natur selbst zu freien Leuten und ein anderer zu Sklaven bestimmt ist und dass es für die letzteren gerecht und zuträglich ist, auch wirklich Sklaven zu sein". Aristoteles’ feinsinnige Unterscheidung, Sklaverei könne im konkreten Fall auch ungerecht sein, wurde leicht übersehen.
Für die Neuzeit schien die Nutzanwendung klar: Der weiße Europäer war "von Natur aus" zur Freiheit und also zum Sklavenhalter bestimmt. Für die Frommen wurde die aristotelische Position durch die Bibel gestützt, Noahs Verfluchung seines Sohnes Ham, der als Stammvater der Schwarzen galt: "Als niedrigster Sklave soll er seinen Brüdern dienen." Auch in der Sklavenhierarchie islamischer Reiche bildeten schwarze Afrikaner zumeist die unteren Ränge. Aber ebenso ist belegt, dass 651 ein byzantinischer Befehlshaber in Ägypten gegen den Feldherrn der Muslime auszuspielen versuchte, dass er ein Schwarzer war. Erfolglos: Jener Feldherr war ein Kampfgenosse des Propheten.
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Negersklaven auf dem Transport nach Amerika
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Rassismus und Sklaverei gehören aufs engste zusammen. "Die Erinnerung an die Sklaverei entehrt die Rasse, und in der Rasse dauert die Erinnerung an die Sklaverei fort", schrieb 1835 Alexis de Tocqueville in seinem Buch "Über die Demokratie in Amerika". Eine klarsichtige Analyse, dass die Diskriminierungsprobleme mit der Sklavenbefreiung, sie kam in den USA drei Jahrzehnte später, nicht erledigt sein würden. "Die Ungleichheit setzt sich in dem Maß in den Sitten fort, als sie aus den Gesetzen verschwindet."
Als Tocqueville schrieb, war die Sklaverei in Mitteleuropa formell bereits seit Jahrhunderten abgeschafft. Aber was die Zoologischen Gärten im späten 19. Jahrhundert dem zahlenden Publikum zeigten ... Nubier, Eskimos, Sioux, Inder, Singhalesen, Suaheli präsentierten wochenlang lebende Bilder, nicht anders als die zivilisierten Zoobesucher es sonst von Gorillas und Elefanten zu sehen bekamen. Man darf getrost unterstellen, dass die zivilisierten Zoobesucher bei den "Wilden", die in ihren Augen irgendwie vielleicht doch keine richtigen Menschen waren, vor allem das suchten, was es sonst in der europäischen Öffentlichkeit nicht gab: nacktes Fleisch.
Auf dem Büchermarkt: Imanuel Geis, Geschichte des Rassismus, Frankfurt am Main 1988
Mehr im Internet: Rassismus
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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