Ein französischer Philosoph zu den Grenzen Europas
von Josef Tutsch
Istanbul - Europa oder nicht Europa?
Hand auf Herz: Wenn ein Intellektueller in Berlin sich an die europäische Öffentlichkeit wendet, wird er sich vermutlich nicht gerade auf Fichtes "Reden an die deutsche Nation" von 1808 berufen. Eher schon auf den "Discours à la nation européene", den Julien Benda 1933 verfasst hat. Philippe Nemo, Professor an der École supérieure de Commerce de Paris, benennt gleich beide als Kronzeugen: "Fichte und Benda versuchten, die Ideale und Werte zu bestimmen, die diese Gemeinschaften" – die deutsche und die europäische "Nation" – verkörperten.
Eben darum geht es auch Nemo. Der Professor für Wirtschaftsphilosophie, will klären, was das eigentlich ist, Europa. Oder, wie er lieber sagt, die "abendländische Zivilisation" oder "der Westen". Der Unterschied der Begriffe lenkt auf die aktuelle politische Frage hin: Wo liegen die Grenzen, die sich eine Europäische Union bei ihrer Erweiterung nach Osten und Südosten sinnvoll setzen kann, soll, muss? Wie halten wir es also mit Ost- und Südosteuropa, mit Russland und mit der Türkei?
Auch eine Voraussetzung des Abendlandes: das Römische Recht (Gemälde Raffaels, Rom)
Deutsche Leser werden überrascht sein. Hierzulande reden die einen von Wirtschaftsinteressen und Geostrategie, die anderen von Unterschieden der Religion. Nemo argumentiert mit Aristoteles und dem römischen Recht und der Konkurrenz zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt im Mittelalter. Ob ein Professor an einer Pariser Wirtschaftshochschule Gelegenheit hat, seinen Studenten dergleichen nahe zu bringen?
Jedenfalls ist mit dem Traktat zur aktuellen Politik nebenbei ein Abriss der abendländischen Geistesgeschichte entstanden, auf der Höhe der wissenschaftlichen Diskussion und dabei bemerkenswert verständlich geschrieben. Nemo nennt fünf historische Vorgänge, in denen sich die Identität des Westens ausgebildet hat. Von den Griechen wurden der Bürger als politisches Subjekt und die rationale Wissenschaft erfunden. Die Römer entwickelten den Gedanken der Rechtspersönlichkeit. Die hebräische Bibel legte den Grund für die Idee des historischen Fortschritts. Die Kirche des Mittelalters legitimierte den Einsatz von Natur und Vernunft, um ethische Ideale zu verwirklichen. Und die Neuzeit schließlich schuf den intellektuellen und ökonomischen Liberalismus und den demokratischen Staat, wie wir sie heute kennen.
Langer Weg zur Säkularisierung: Papst und Kaiser im Mittelalter
Über jeden dieser Schritte wäre endlos zu diskutieren, auch über die Unkosten, die dabei in Kauf genommen wurden. Zum Beispiel: "Es ist die Bibel, die jene Ablehnung der ewigen Wiederkehr des irdischen Lebens mit seinem unentwirrbaren Verbund von Bösem und Gutem bewirkt hat, jener Bestimmung, welche die archaische Menschheit stets ruhigen Mutes hingenommen hat." Die historische Analyse ist wohl richtig; aber man kann fragen, ob der Westen sich da nicht in eine (für unser Menschenglück heilsame) Illusion verstrickt hat.
Am aufschlussreichsten dürften Nemos Ausführungen zum hohen Mittelalter sein. Die Erkenntnisse des amerikanischen Historikers Harold J. Berman vor einem Vierteljahrhundert über die "päpstliche Revolution" haben in der Fachwelt viel Beifall gefunden, sind aber ins allgemeine Bewusstsein kaum durchgedrungen. Der Vorgang scheint auch allzu paradox: Der Papst beanspruchte unbeschränkte Macht, um die Welt zu christianisieren. Im Ergebnis wurde der Einsatz der Vernunft, also des römischen Rechts und der griechischen Wissenschaft, für den "westlichen" Menschen zur Pflicht. Wenig bekannt sind auch die Thesen des Australiers Graham Maddox über die frühdemokratische Ideologie des Calvinismus: Den Hintergrund bildete die Distanz der alttestamentarischen Propheten zu den Königen Israels.
Zwang Russland auf den Weg nach Westen: Zar Peter der Große
Merkwürdig, dass Nemo Renaissance und Reformation aus seinem historischen Abriss ausgespart hat. Gerade für jenen Punkt, auf den die Darstellung hinaus will, die Frage eines Beitritts der Türkei zur Europäischen Union, ist es aber bedeutsam, dass die Humanisten die Antike als Autoritätsquelle neben die Bibel stellten und dass die Glaubensspaltung den Grund legte für einen religiösen Pluralismus. Nemos Gedanke wird dennoch klar: Das orthodoxe Osteuropa und die Türkei zehren zwar ebenfalls, wenigstens in gewissem Maße, vom antiken und vom biblischen Erbe, haben jedoch weder die päpstliche Revolution des Mittelalters noch die demokratische der Moderne mitvollzogen.
Dem ist nicht zu widersprechen. Eine andere Frage ist, ob Nemos Folgerung zwingend sein kann: "Da muslimische Kandidatenländer – und zu einem großen Teil auch orthodoxe Länder wie Rumänien und Bulgarien – nicht als westlich zu betrachten sind, läuft ihre Integration Gefahr zu scheitern." Was die orthodoxen Länder angeht, wäre jedoch auf das Beispiel Griechenland zu verweisen. Seit dem frühen 19. Jahrhundert hat das westliche Europa, im Gedanken an seine antiken Wurzeln, das neue Griechenland sozusagen adoptiert. Für die anderen Völker Südosteuropas auf dem Boden des ehemaligen türkischen Reiches wird mehr oder weniger dasselbe gelten müssen.
Begeisterung für den griechischen Freiheitskampf: Lord Byron
Man sollte die Probleme nicht klein reden. Wenn die Integration Rumäniens und Bulgariens (oder demnächst Serbiens) irgendwann einmal gelungen ist, wird mancher dort Schwierigkeiten haben, sein Land wiederzuerkennen. Aber auch in Polen, einem "westlichen" Land, wird erst langsam bewusst, was man sich mit dem Beitritt eingehandelt hat. Konservative wettern gegen eine unheilige Dreieinigkeit von Abtreibung, Pornografie und Schwulenehe. Und ganz unbekannt sind solche Argumentationen auch hierzulande nicht. Nemos Feststellung "Das Konzept der Laizität stammt aus der Bibel" ist eben auch im "Westen" selbst keineswegs selbstverständlich.
"Dies ist der Grund, warum die Demokratie allein im Abendland entstanden ist" führt Nemo, historisch zutreffend, seinen Gedanken fort. An der Prognose allerdings sind Zweifel erlaubt und geboten: "... und warum sie sich wahrscheinlich nur dort voll entfalten kann". Immerhin geben Beispiele wie Japan, Indien und die Türkei Anlass zur Hoffnung, dass so etwas wie eine "Konversion" zur politischen Kultur des Westens möglich sein kann.
Zwang den Türken des lateinische Alphabet auf: Präsident Atatürk
Aber natürlich handelt es sich bei dem Komplex von Liberalismus, Pluralismus und Volkssouveränität, den wir kurz als "Demokratie" bezeichnen, nicht bloß um eine juristische Formalität. Nemos Beispiel: Ist es völlig ausgeschlossen, dass nach einem Beitritt verlangt wird, Teile der islamischen Sharia ins europäische Recht aufzunehmen? wenn doch die Bevölkerung eines großen Mitgliedslandes das vielleicht mit überwältigender Mehrheit verlangt?
Der Philosoph mit seinem ideengeschichtlichen Ansatz verzichtet darauf, solche Fälle zukünftig möglicher Politik zu erörtern. Wahrscheinlich lässt sich der Dissens zwischen Beitritts- befürwortern und Beitrittsgegnern aber gerade an dieser Frage präzise festmachen: Die einen hoffen, dass die Eingewöhnung in Europa solche Anläufe verhindern wird, die anderen hätten gern zuvor die Gewissheit, dass dergleichen nicht vorkommt.
Neu auf dem Büchermarkt: Philippe Nemo, Was ist der Westen? Die Genese der abendländischen Zivilisation, Mohr Siebeck, Tübingen 2005, ISBN 3-16-148672-2, 39,- €
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