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kultur

01.04.2010 - RELIGIONSGESCHICHTE

Fehlerhaftes Kirchenlied und toller Mensch

Variationen über das Karfreitagsthema

von Josef Tutsch

 
 

Tod Jesu, von Matthias Grünewald
Isenheimer Altar, um 1510, Unter-
linden-Mus. Colmar © Wikipedia

"O große Not! Gott selbst liegt tot!" dichtete der holsteinische Pfarrer Johann Rist 1641 in einem Karfreitagslied. Im 19. Jahrhundert, als sich atheistische Parolen in breite Schichten der Bevölkerung verbreiteten, erschien das den Kirchenoberen allzu anstößig. Der gängige Text in den Gesangbüchern lautet seitdem "Gotts Sohn liegt tot."

Ein sterbender Gott ist anstößig, jedenfalls unter bestimmten religiösen Voraussetzungen. Die Helden in Homers Epen hätten den Gedanken gar nicht verstanden, im Unterschied zu den sterblichen Menschen waren die Götter per definitionem unsterblich. Das alte Ägypten dagegen wusste, dass der Tod eines Gottes Heilsbedeutung haben kann. Der König und Gott Osiris wurde von seinem Bruder Seth ermordet, doch seiner Gattin Isis gelang es, von dem toten Gatten einen Sohn zu empfangen, in dem der Vater sozusagen von neuem auflebte. Die Mysterien der Isis mit ihrer Jenseitsverheißung wurden zur wichtigsten Konkurrenz des frühen Christentums.

Osiris, ägyptisches Toten-
buch, 14. Jh. v. Chr.
Louvre Paris, © Fredduf

Auch in Griechenland muss der Gedanke, dass Götter sterben (und Menschen unsterblich sein) können, trotz Homer schon früh heimisch geworden sein. Die Eleusinischen Mysterien feierten Persephone, die vom Unterweltsgott entführt worden war, als seine Gattin aber für einige Monate im Jahr auf die Erde zurückkehren durfte, um das Wachstum zu ermöglichen. Vom Zeussohn Zagreus ging die Sage, er wäre von den Titanen zerrissen worden und sein noch zuckendes Herz von Zeus verschlungen worden; durch die Verbindung des Göttervaters mit Semele sei er dann als Dionysos wiedererstanden.

Der Tod des Gottes als Voraussetzung, dass er auferstehen konnte, das ist der Akzent, den auch die Verfasser der Evangelien im Neuen Testament gesetzt haben. "Musste nicht Christus dies leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen?" Manche Richtungen im frühen Christentum wollten allerdings die Passion als ärgerliches Moment aus dem Heilgeschehen wieder ausscheiden. Der Theologe Basilides lehrte, Christus habe mit Simon von Cyrene die Gestalt getauscht und sich so dem Tod am Kreuz entzogen. Später wurde diese Aussage in den Koran übernommen: "Sie haben ihn nicht getötet und sie haben ihn nicht gekreuzigt, sondern es erschien ihnen eine ihm ähnliche Gestalt.

Hussein-Moschee in Kerbela
© SFC Larry E. Johns

Dahinter standen heidnische Kritiken, wie sie etwa bei dem Platoniker Celsus zum Ausdruck kommen. Christus, argumentierte Celsus, hätte seine Gottheit erweisen können, indem er plötzlich vom Kreuz verschwunden wäre. Das Verhalten, das die Evangelien berichten, passe nicht zu einem Gott oder Heiland. Kein Wunder, dass die christliche Theologie sich mit der Begründung, warum Gottes Sohn am Kreuz sterben musste, zweitausend Jahre lang Mühe geben musste. Die klassische Formulierung lieferte Anselm von Canterbury um 1200: Die Schöpfung habe Gottes Ehre verletzt; der Mensch sei aber gegenüber Gottes Willen ohnehin zu völligem Gehorsam verpflichtet und habe also nichts, um darüber hinaus Genugtuung zu leisten. Wenn aber die erwähnte Genugtuung "niemand leisten kann außer Gott und niemand schuldet als der Mensch, so muss sie notwendig ein Gottmensch leisten".

Einblicke in den göttlichen Heilsplan, die Martin Luther sich nicht erlauben wollte. Er beschränkte sich auf das schlichte "hat gelitten, ist gestorben und begraben worden, um für mich genugzutun und zu bezahlen, was ich verschuldet habe, nicht mit Silber und Gold, sondern mit seinem eigenen, teuren Blute". Das paradoxe Ineinander von Passion und Triumph hatte bereits Paulus im 1. Korintherbrief ausgesprochen: "Der Tod ist verschlungen in den Sieg." Die christliche Kunst schwankte denn auch zwischen dem Gekreuzigten als Triumphator mit der Herrscherkrone auf dem Haupt und krassesten Schmerzens- und Leidensdarstellungen. Es wäre lohnend, das Ineinanderfließen christlicher und heidnischer Motive in der Kunstgeschichte zu verfolgen. Zum Beispiel Maria, die den toten Sohn auf ihrem Schoß beweint: Malern der Renaissance und des  Barock diente das Bildschema zu Darstellungen der Göttin Venus, die um ihren auf der Jagd ums Leben gekommenen Geliebten Adonis trauert.

Briefmarke zu den Passions-
spielen Oberammergau 1960
© Nobbel

Solche Anklänge an Blasphemie wären den Kirchenvätern bekannt vorgekommen. Im dritten Jahrhundert hielt Origenes es für erforderlich, scharf und ausführlich gegen den Kult des Antinoos zu polemisieren, jenes bithynischen Jünglings, der nach seinem Tod im Nil von Kaiser Hadrian zum Gott erklärt worden war. Selbst in einer derart streng monotheistischen Religion wie dem Islam ist die sterbende Heilandsgestalt geläufig. Die Shiiten begehen heute noch Jahr für Jahr Passionsspiele zum Gedenken an den Prophetenenkel Hussein, der 680 bei Kerbela bei einer Schlacht gegen das Heer des Kalifen ums Leben kam. Von einem anderen Führer der Shia heißt es, ähnlich der Lehre von Jesus im Koran, er sei nicht gestorben, sondern in die Verborgenheit entrückt und werde am Jüngsten Tag wiederkommen, um die Erde mit Gerechtigkeit zu füllen.

"O selig ist zu jeder Frist, der dieses recht bedenket, wie der Herr der Herrlichkeit wird ins Grab gesenket", dichtete Rist. Wie oft mag der Theologiestudent Hegel im Tübinger Stift die Verse gesungen haben? Ein Vierteljahrhundert später gab er dem Thema eine spekulativ-philosophische Deutung: "Gott ist gestorben, Gott ist tot – dieses ist der fürchterlichste Gedanke, dass alles Ewige, alles Wahre nicht ist ..." Als gelernter Theologe kannte Hegel aber die Fortsetzung: "Gott steht wieder auf." Dialektisch verklausuliert: "Der Geist ist nur Geist als dies Negative des Negativen."

Nochmals Jahrzehnte später. Friedrich Nietzsche, Sohn aus protestantischem Pfarrhaus, ließ seinen "tollen Menschen" auf dem Markt sein "Gott ist tot" herausschreien. Nietzsche sprach nicht von Theologie, sondern von Ideengeschichte, von jenem Prozess, den wir heute reichlich vage  "Säkularisierung" oder "Entchristlichung" nennen. Auf dem Markt standen "viele von denen zusammen, die nicht an Gott glaubten", und doch erregte der tolle Mensch großes Gelächter –den Zeitgenossen war das Ereignis ihres Unglaubens noch gar nicht bewusst geworden. Nietzsche, als Pfarrersohn mit geistlichen Traditionen vertraut, schrieb das barocke Kirchenlied mit wahrhaft barocker Drastik fort: "Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung?"

"Gott, was tust du hier?", soll ein Rabbi gefragt haben, als er Gott in einem dunklen Winkel seiner Synagoge sitzen sah. Und Gott antwortete leise: "Ich bin müde, Rabbi, ich bin müde bis zum Tod." Die Parabel mag in einer der vielen Judenverfolgungen der Geschichte entstanden sein. Dem Christentum ist das Thema aus der Passionsgeschichte geläufig, Jesus in Gethsemane: "Meine Seele ist betrübt bis in den Tod."


Mehr im Internet:
scienzz Dossier Rund um das Osterfest


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation


 

 

 

 

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