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15.04.2006 - OSTERN

"Es gibt nichts Eigenartigeres und nichts Größeres"

Ostern in Rom - in den Berichten von Reisenden

von Josef Tutsch

 
 

Urbi et orbi

Vater Leopold Mozart wusste sich vor Stolz kaum zu fassen. Anderthalb Jahrhunderte lang war es den päpstlichen Behörden gelungen, die Partitur des berühmten "Miserere" von Gregorio Allegri, das zur Karwoche in der Sixtinischen Kapelle gesungen wird, geheim zu halten. Der 14-jährige Wolfgang hatte sie nach dem Hören aufgeschrieben, einfach so.

Allegris Vertonung des 50. Psalms gehörte zu den Höhepunkten jeder Osterreise nach Rom. "Diese Verkettung der Töne, diese langsame, zögernde Auflösung der disharmonischen Klänge, dieses scheinbar einfache und doch kunstreiche Fortschreiten des Gesanges verfehlt seine Wirkung nicht", schwärmte Franz Grillparzer; durch das "Sonderbare, Eindringliche" im Gesang der Kastraten werde diese Wirkung ungemein verstärkt. Dazu stellte sich sein Kollege Friedrich Hebbel allerdings ganz anders: "schöne Musik, von ekelhaften Kastratenstimmen schlecht vorgetragen". Und Charles Dickens bekam im Gedränge von der Musik kaum etwas mit: "Zuweilen vernahm man einen Akkord klagender Stimmen, der sehr pathetisch und trauervoll klang und wieder leise verhallte."

In der Sixtinischen Kapelle
Karwoche und Ostern in Rom: Seit dem 17. Jahrhundert war das ein Pflichtpunkt im Programm aller Bildungsreisen durch Europa. Johann Caspar Goethe, Frankfurter Patrizier, der Vater des Dichters, zeigte sich überrascht von der Weltläufigkeit in der päpstlichen Residenz: "Ich habe mich zusammen mit einigen anderen unter die Schar gewagt, die vor dem Hochaltar kniete, und blieb während der gesamten feierlichen Handlung unbeirrt stehen, ohne dass irgend jemand auf den Gedanken gekommen wäre, mich dazu zu zwingen, ebenfalls auf die Knie zu fallen und den Reliquien zu huldigen."

Aus den verschiedenen Eindrücken im österlichen Rom ließe sich eine ganze Kulturgeschichte schreiben. Wilhelm Müller, der Dichter der "Schönen Müllerin": "Das Ganze hat den Eindruck einer überaus prächtigen heiligen Komödie auf mich gemacht." Dickens: "Die kirchlichen Feierlichkeiten sind im allgemeinen von der allerlangweiligsten und ermüdendsten Art." Dagegen Felix Mendelssohn-Bartholdy: "Man hat ein vollkommenes Ganzes, das einen mächtigen Eindruck vor Jahrhunderten ausgeübt hat und noch jedes Mal ausübt."

Karneval in Rom
Im Grunde begannen die Osterzeremonien bereits sieben Wochen zuvor mit dem Karneval. "Man bekam so etwas wie eine Ahnung von dem Flair einer öffentlichen Orgie im alten Babylon", schrieb, halb verschreckt, halb fasziniert, der Amerikaner Henry James. "Mit dem Schlag der Mitternachtsstunde muss jeder Laut der Freude verstummen", ist im Reisebericht des Kunsttheoretikers Carl Ludwig Fernow zu lesen: "Wie kurz vorher im Karneval der Taumel des Vergnügens, so steigt jetzt der Taumel der Andacht immer crescendo bis zur letzten Fastenwoche."

Einen ersten Höhepunkt bildete der Mittwoch vor Ostern in der Sixtinischen Kapelle. Es muss eine wahre Tortur gewesen sein. "Alle werden gezwängt wie in einem Schraubstock", klagte der französische Historiker Hippolyte Taine: "Glücklich, wer eine Säule findet! Man sieht nichts als einen Wald von Köpfen." "Bei dem ungeheuren Gedränge, in dem man gequetscht dasteht", würden die Psalmen "beinahe widerlich", gestand auch Grillparzer ein. "Nun ist das letzte Licht an dem großen Leuchter verlöscht und es wird still in der Kapelle. Da – nach einer langen Stille – das Miserere beginnt." "Das", ist bei Taine zu lesen, "wiegt alle Knie- und Rückenschmerzen, die man ausgehalten hat, auf ... Kein deutlicher Gesang und keine rhythmisierte Melodie, sondern Mischungen und Kreuzungen, lange Töne, unbestimmte klagende Stimmen ... Es gibt nichts Eigenartigeres und nichts Größeres."

Fußwaschung am Gründonnerstag
Donnerstags, erzählt Dickens, "sahen wir den Papst das Sakrament aus der Sixtinischen Kapelle nach der Capella Paolina, ebenfalls im Vatikan, tragen, eine Zeremonie, welche an die Bestattung des Heilands vor seiner Auferstehung erinnern soll, während man in der Sixtinischen Kapelle wieder das Miserere sang". Zur Symbolik der Grablegung hielt Vater Goethe als Protestant aber doch eine kritische Bemerkung für angebracht: "Auf diese Weise beschäftigt man das Volk, das an solchen Torheiten großen Anteil nimmt, da man es ja daran gewöhnt hat."

Das illuminierte Grab in der Paolina sei "eitel Prunk", urteilte auch die dänische Schriftstellerin Friederike Brun, und könne "nur Kinder ergötzen". St. Peter sei eben eine Kirche "für italienische Andacht", meinte Grillparzer. Dennoch: "Es bleibe jeder Andächtige fern und gönne seinen Platz dem Neugierigen." Soweit Andacht für die Besucher überhaupt in Frage kam, der Schriftsteller Reinhold Schneider über einen Gottesdienst in der Peterskirche: "Etwa ein Drittel hatte den Baedeker statt des Gebetbuches in der Hand, es waren Reisende."

Blick auf Rom, von Johann Wolfgang
Goethe
"Dann", berichtet der preußische Diplomat Kurd von Schlözer über den Gründonnerstag, "zog die ganze Gesellschaft von Kardinälen, Diplomaten und Sängern in den St. Peter, wo am Altar, angesichts einer ungeheuren Menschenmasse, die Fußwaschung von 13 sogenannten, auch als solche verkleideten, Pilgrimen stattfindet." Dickens leicht spöttisch: "Die Kardinäle und die übrigen Personen des Gefolges sahen sich von Zeit zu Zeit mit einem Lächeln an, als ob die ganze Sache ein großes Possenspiel wäre ..."

Johann Wolfgang Goethe über den Karfreitag: "Der Augenblick, wenn der aller seiner Pracht entkleidete Papst vom Thron steigt, um das Kreuz anzubeten, ist eine der schönsten unter den merkwürdigen Funktionen." "Undenkbar schön" fand der Dichter auch Palestrinas Musik der "Improperien", der Vorwürfe, die der gekreuzigte Gott seinem Volk macht.

Der Ostersegen (um 1870)
Befremden löste bei manchen Besuchern das Schauspiel am Samstag in der Laterankirche aus, die Taufe der "Ungläubigen". Die Schriftstellerin Fanny Lewald, vor wenigen Jahren selbst vom Judentum zum Protestantisms übergetreten: "Nun stand er da, der junge Neubekehrte, ein Glied der aus christlicher Liebe verdammenden Gemeinschaft, berechtigt, sein Volk zu verfluchen und zu verdammen wie jene ... Es lag für mich ein tiefer Schmerz darin, das gerade an dem Tag, de die Juden um das Ostermahl versammelte, ein Jüngling sich lossagte von Familie und Volk."

Ostersonntag, wieder der junge Goethe: "Soeben steht der Herr Christus mit entsetzlichem Lärm auf. Das Kastell feuert ab, alle Glocken läuten."  Der Musikkritiker Louis Ehlert: "Der Papst wird beim Eintritt in die Kirche mit dem Tu es Petrus von Palestrina empfangen ... Unmittelbar nach der Kommunion begibt sich alles Volk auf den Platz, um den Papst von der Loggia den Erdkreis segnen zu sehen."  Der Romancier Karl Philipp Moritz: "Plötzlich, wie eine Erscheinung, fährt der Papst mit der dreifachen Krone auf dem Balkon in die Höhe, und an jeder Seite wird ein glühender Pfauenschweif empor gehalten ... Der Anblick der niederstürzenden, sich vor die Brust schlagenden Menge ist groß und rührend, man mag auch von der Abgeschmacktheit und Unbedeutsamkeit des ganzen Vorgangs noch so überzeugt sein."

Illumination der Peterskirche
Geradezu überschwänglich liest sich Grillparzers Schilderung: "Auf seinem weit hervorragenden Thron der Papst in vollem Schmuck, mit ausgestreckter Hand den Segen spendend urbi et orbi, alles niedergeworfen, er allein, ein Gott, thronend über allem". Aber man konnte es auch anders sehen, Lewald: "Man sprach rund um uns her von Frauen, Geldangelegenheiten, Diners. Niemand schien daran zu denken, dass hier eine religiöse Feier vor sich gehen solle." "Der Papst warf zwei Papiere herunter", geht Märchendichter Hans Christian Andersen ins Detail. "Das eine war eine Sündenvergebung, das andere der alljährliche Bann über, wie ich glaube, die Familie Colonna, die mit den Päpsten in Streit gelegen hat." Oder eher über alle Feinde der Kirche, wie Andersen an anderer Stelle bemerkt.

Dickens beeindruckte viel mehr die Illumination des Petersdomes am Abend, "als eine glänzendrote Feuermasse von dem Gipfel der Kuppel hinauf zur äußersten Spitze des großen Kreuzes stieg und in dem Augenblick, wo es seinen Platz erreicht hatte, das Zeichen zum Aufflammen zahlloser ebenso großer und roter Lichter wurde ... Der Dom stand in der stillen Nacht wie ein Juwel funkelnd und glänzend!" Unzählige Arbeiter, berichtet Ehlert, "befinden sich auf allen Punkten der Kirche, welche die Operation mit unbegreiflicher Schnelligkeit ausführen. Der Mann, welcher das Kreuz auf der Kuppel ansteckt, nimmt vorher das Abendmahl, denn es ist auf Leben und Tod."

Die Girandola, von Franz Theodor
Aerni (um 1880)
Am Montag Abend dann die "Girandola", ein Feuerwerk, so August Graf von Platen: "das nach der Angabe Michelangelos in der Form des Vesuvs von den Zinnen der Engelsburg abgefeuert wird". Dickens: "ein Labyrinth von Feuerrädern von jeder Farbe, Größe und Schnelligkeit ... die Schlussszene war wie das In-die-Luft-Sprengen der ganzen großen Burg ohne Rauch oder Staub." Später fand der spektakuläre Abschluss der Heiligen Woche auf dem Monte Pincio am linken Tiberufer statt. Ferdinand Gregorovius, der Geschichtsschreiber der Stadt Rom im Mittelalter: "Der Himmel scheint Myriaden Sterne auf uns herabzuregnen."

"Ich habe durch Gunst und Mühe guter Freunde alles gesehen und gehört" meldete Johann Wolfgang Goethe nach Deutschland und rühmte den "großen Geschmack" und die "vollkommener Würde" der Veranstaltungen: "Es kann aber auch nur da geschehen, wo seit Jahrhunderten alle Künste zu Gebote standen." Sein älterer Freund Johann Gottlieb Herder, protestantischer Pfarrer aus Ostpreußen, der ein Jahr später nach Rom kam, konnte das gar nicht nachvollziehen: "Ich schäme mich nicht, in Rom einen Teil der Fasten hindurch gewesen zu sein, ohne die berühmte Musik der heiligen Woche samt den andern Zeremonien abgewartet zu haben."

Zu einem abgeklärten Urteil kam Hippolyte Taine: "Für einen religiösen Geist ist das Schauspiel im Innern der Sankt-Peterskirche nicht sehr erbauend ... Die Leute plaudern, begrüßen sich und gehen auf und ab, wie in dem Wandelgang eines Opernhauses." Und dennoch: "Vom malerischen Standpunkt aus ist der Eindruck ein ganz anderer ... Alles wetteifert, um aus diesem Fest einen Triumph und Jubelgesang zu machen. Ich möchte hier von dreihundert Sängern und einem Orchester Moses' Gebet Moses vaus der Oper on Rossini hören."


Auf dem Büchermarkt:
Ostern in Rom, herausgegeben von Stefan Janson, Frankfurt am Main und Leipzig 2000


Mehr im Internet:
Bräuche und Riten rund um das Osterfest






Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation


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