23.07.2004 -WELTRAUMMEDIZIN
Schöne Frau und Himmelsschiff
Europa oder der friedliche Weg in den Weltraum
Hanns-Christian Gunga
 | | International Space Station - Bild:NASA
| | | Zu Beginn des 21. Jahrhunderts verkörpert das Weltall All einen Schlüssel zur Entwicklung unse- rer Gesellschaft in den unter- schiedlichsten Bereichen. Während des Kalten Krieges standen die intensiven tech- nischen Aktivitäten im Zuge der Eroberung des Weltraums ganz im Zeichen der militärischen Rivalität der Supermächte. Europa gelang es jedoch bereits in den 70-er Jahren, eigene Schritte ins All zu tun und sich im Bereich ziviler Anwendungen als Akteur zu profilieren. Seit 1973 geschieht dies unter dem Dach der ESA, der European Space Agency, die eine beispielhafte Zusam- menarbeit zwischen dem öffentlichen und privaten Sektor der Raumfahrt in Gang gesetzt hat. In den 70-er Jahren galt der Weltraum noch als Bereich der „freiwilligen zwischenstaatlichen Arbeit“ am Rande der wirtschaftlich ausgerichteten Kompetenzen der Union. Doch inzwischen hat die ESA ganz eigene Strukturen und Netzwerke geschaffen, die wesentlich dazu beitragen, die gemeinsame Aufgabe der europäischen Einigung voranzutreiben. In diesem Sinne ist die ESA ein Schrittmacher in der EU und trägt auf ihre Weise dazu bei, diese politische Vision zu verwirklichen.
Dazu gehört die Einrichtung von Kompetenzzentren auf europäischer Ebene. In Berlin wird dies das Zentrum für Weltraummedizin (ZWMB) sein – das dafür die besten Voraussetzungen hat. Schon Prof. Otto H. Gauer, einer der frühen Direktoren des Instituts für Physiologie an der FU, war maßgeblich an den ersten Weltraummissionen beteiligt. Prof. Karl Kirsch, ein Schüler von Gauer, führte ab 1979 die weltraummedizinische Forschung als Leiter der Arbeitsgruppe für angewandte Humanphysiologie mit seinem Team an der FU Berlin fort. Im Juli 2000 wurde das Zentrum für Weltraummedizin Berlin in einer Initiativpartnerschaft mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) als Zusammenschluss von sechs Arbeitsgruppen des damaligen Fachbereichs Humanmedizin der Freien Universität und der Charité, Humboldt-Universität, gegründet. Insgesamt waren Wissenschaftler der FU in den vergangenen 20 Jahren an über 30 weltraummedizinischen Studien beteiligt, unter anderem im Space-Shuttle, auf der MIR-Station und auf der Internationalen Raumstation (ISS).
Das All ist eine extreme Umwelt, die auf den ganzen Menschen wirkt, und zwar auf Leib und Seele. So zählen erfahrungsgemäß die letzten Tage vor der Rückkehr auf die Erde zu den gefährlichsten bei jeder Weltraummission. Die Astronauten werden euphorisch und sind dadurch in Gefahr, die Selbstkontrolle zu verlieren. Kommunikationsstrukturen verändern sich dramatisch. Diese Situation hat auch Auswirkungen auf den ganzen Körper, insbesondere auf Herz und Kreislauf sowie andere Organe und Organsysteme. Im ZWMB untersuchen wir diese Phänomene – in einer Zeit, in der die biologischen Wissenschaften von molekulargenetischen Forschungen geprägt werden – in einem integrativen Ansatz und in enger Kooperation mit zahlreichen anderen Forschungseinrichtungen.
Arbeitsgruppen des ZWMB sind darüber hinaus an europäischen Langzeit-BedRest-Studien beteiligt, die mit finanzieller Förderung der ESA durchgeführt werden. Über mehrere Wochen werden dabei Kandidaten zur Simulation einer Marsmission einer absoluten Bettruhe, einer Art Simulation der Schwerelosigkeit im All, ausgesetzt. Wir untersuchen dabei den Einfluss der Körperlage auf die Blutbildung, den Salz-Wasserhaushalt und auf die Knochen und Muskeln. Denn die werden aufgrund der fehlenden Gravitation im Weltraum wenig in Anspruch genommen. Die Folge ist ein rascher Abbau von Muskel- und Knochensubstanz, der allerdings mit einem „Training“ mit dem Galileo Space Vibrationsgerät des Zentrums für Muskel- und Knochenforschung kompensiert werden kann. Ab 2005 tritt die gemeinsame europäische Vorbereitung einer bemannten Marsmission in die nächste Phase. „Aurora“, benannt nach der Göttin der Morgenröte, ist der Name eines Langzeitprogramms der ESA zur Erforschung des Planeten Mars. Zuerst sind es 30 Tage, dann 90 und ab 2007 schließlich 500 Tage, die zukünftige Astronauten in einem Container aushalten müssen, denn solange dauert die Reise zum Mars.
Mehr im Internet: Zentrum für Weltraummedizin (ZWMB)

Hanns-Christian Gunga ist Nathan-Zuntz-Professor für Weltraummedizin und extreme Umwelten an der Charité und Koordinator des Zentrums für Weltraummedizin Berlin (ZWMB)
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