| |
11.04.2006 - MODERNE LITERATUR
"Es geht vielleicht zu Ende ..."
Zum 100. Geburtstag von Samuel Beckett
von Josef Tutsch
 | | Samuel Beckett
13. 4. 1906 – 22. 12. 1989
| | | "Wenn ein vernunftbegabtes Wesen auf die Erde zurückkehrte und uns lange genug beobachtete", sinniert Hamm in Samuel Becketts "Endspiel", würde es sich dann nicht Gedanken über uns machen?" Der vorweggenommene Kommentar des Dichters zu den Interpretationen, die das Stück auslösen würde. Beckett lässt seine Figur denn auch gleich in die Rolle des Interpreten schlüpfen: "Mit der Stimme des vernunftbegabten Wesens: Ah, ja, jetzt vesteh ich, was es ist, ja, jetzt begreife ich, was sie machen!"
"Weh dem, der Symbole sieht!" hatte Beckett bereits in einem frühen Roman gewarnt. Eine harte Nuss für Schüler, die vom Lehrer mit der Frage konfrontiert werden "Was will der Dichter uns damit sagen?" Man fühlt sich an Kafka erinnert: Immer wieder wittert man Andeutungen, versucht den Text in theoretische Sätze umzuformulieren – philosophisch, politisch, soziologisch, psychologisch, theologisch, wie auch immer. Irgendwie ist auch was dran und irgendwie geht es nicht auf.
 | "Warten auf Godot" 1975 in Berlin
| Zum Beispiel "Warten auf Godot" 1953: Estragon und Wladimir warten – worauf? Auf den Messias, die Revolution, den Lottogewinn, den Tod? Oder "Endspiel" 1957: "Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende", stammelt Clov. Die Interpreten haben längst die Parallele zum "Es ist vollbracht" des gekreuzigten Christus entdeckt – und auch die Unstimmigkeit in der Parallele. In der Passionsgeschichte ist es das letzte Wort des sterbenden Christus, bei Beckett beginnt das Stück mit dieser Feststellung vom Ende, die noch dazu mit dem "vielleicht" halb und halb dementiert wird.
Wer will, kann sich auf Schritt und Tritt an den Bibeltext erinnert fühlen. An die Seitenwunde Christi: "Diese Nacht habe ich in meine Brust gesehen, darin war eine große Wunde." Und an das Leichentuch: "Altes Linnen! Dich behalte ich." Aber ebenso gut lässt sich die nukleare Katastrophe assoziieren, wenn Clov mit dem Fernrohr durchs Fenster die Außenwelt beobachtet: "Alles ist kaputt."
| | "Endspiel" 1964 in London
| Im Berliner Probentagebuch von 1967 findet sich eine Bemerkung Becketts, wir könnten die Welt nicht loswerden. Ohne vorgegebene Bilder geht es nicht, soll das wohl bedeuten, nicht für den Dichter und nicht für seine Interpreten. Aber in Becketts Stücken wird die Welt bis nahe an den Nullpunkt reduziert. In einem "Spiel ohne Worte" von 1957 steht nur eine einzige Person auf der Bühne. Häufigste Regieanweisungen: "Er überlegt" und "Er rührt sich nicht". Das 35-Sekunden-Stück "Atem" von 1969 begnügt sich mit dem Geräusch menschlichen Atems und einem Schrei.
Dergleichen künstlerische Reduktion bildet ein gefährliches Manöver an der Grenze, ähnlich jenen Monochrom-Bildern, mit denen Maler seit den 1950er Jahren Aufsehen erregten. Wiederholen lassen sich solche Experimente nur begrenzt. Populär geblieben ist Beckett bis heute mit einem früheren Stück, das Mitte der 1950er Jahre als Höhepunkt eines sparsamen Theaterspiels bewundert wurde: "Warten auf Godot". Eine Landstraße und ein kahler Baum, Personen ohne Biographie, kaum äußere Handlung, ein Dialog, der sich mit Banalitäten befasst und dem Leser keinerlei Sinnangebote unterbreitet.
| "Krapps letztes Band" 1983 als Film
| Nur das "Warten". "Morgen hängen wir uns auf", sagt Wladimir zum Ende des Stücks, "es sei denn, dass Godot käme." Estragons letztes Wort: "Gehen wir!" mit dem Hinweis zur Regie: "Sie gehen nicht von der Stelle." "Absurdes Theater" lautete das Schlagwort, das sich aufgrund solcher komischen, clownesken Effekte damals rasch verbreitete. Die Literaturwissenschaftler sprachen ernsthafter von einem "Theater des Absurden", von der Poesie einer absurden Welt. Die Philosophiegeschichte kam den Interpreten zu Hilfe, gerade ein Jahrzehnt zuvor hatte Albert Camus in seinem "Mythos von Sisyphos" einen Versuch über das Absurde vorgelegt.
Beckett jedoch hat ein philosophisches Bekenntnis immer vermieden. Auf die Frage, was er im "Godot" eigentlich ausdrücken wollte, antwortete er ironisch: "Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich es im Stück gesagt." Dabei stehen die Anspielungen im Vergleich mit denen im späteren Werk noch ganz unverhüllt da, zentral die Diskussion der beiden Landstreicher über die beiden Schächer in der Passionsgeschichte. "Man sagt, der eine sei erlöst worden und der andere verdammt", grübelt Wladimir. "das ist ein angemessener Prozentsatz." Also eins zu eins. Aber leider spricht nur einer der vier Evangelisten von einem erlösten Schächer. Estragon ist gelangweilt: "Die Leute sind blöd!"
| "Warten auf Godot" 1954 in Hamburg
| In seinem berühmten Buch über das "Theater des Absurden" schlägt Martin Esslin vor, das andere Figurenpaar im Stück von dieser vagen Erlösungshoffnung her aufzufassen. Der Herr ist mit seinem Knecht, den er an der Leine führt, auf dem Weg zum "Markt des Heilands". Will er ihn verkaufen, um seine Heilschancen zu verbessern? "Denke!!" befiehlt der Herr, und was dann folgt, ist einer der perfektesten Monologe, die das moderne Theater zu bieten hat: "Auf Grund der sich aus den letzten öffentlichen Arbeiten von Poincon und Wattmann ergebenden Existenz eines persönlichen Gottes kwakwakwakwa mit weißem Bart kwakwa außerhalb von Zeit und Raum der aus der Höhe seiner göttlichen Apathie göttlichen Athambie göttlichen Aphasie uns gern hat bis auf einige Ausnahmen man weiß nicht warum ..."
Sollte Esslins Auslegung richtig sein, scheitern die Verhandlungen auf dem Markt: Am nächsten Tag führt der Knecht seinen erblindeten Herrn an der Leine. Eine irgendwie positive Religiosität macht das nicht aus, so wenig wie sich behaupten lässt, der Godot, auf den die Landstreicher warten, sei die klassenlose Gesellschaft. "Herr Godot hat mir gesagt, Ihnen zu sagen, dass er heute Abend nicht kommt, aber sicher morgen."
Kommt Godot irgendwann wirklich? Becketts Dichtung verweigert sich allen Versuchen, Antworten in Form von Urteilen mit Wahrheitsanspruch zu geben. Was bleibt, ist der künstlerische Ausdruck. "Die einzige Möglichkeit, über nichts zu sprechen, ist, darüber so zu sprechen, als ob es etwas wäre", wird in einem der Romane die Logik dieses Künstlertums formuliert. Einmal wurde Beckett gefragt, warum er sich weiterhin der Sprache bediene, obwohl er ihr doch so gründliche misstraue. Seine Antwort: "Was wollen Sie, mein Herr? Die Wörter sind da. Man hat nur sie."
Mehr im Internet: Samuel Beckett
 |
Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
|
|