 |
 |
| |
|
|
|
|
|
Copyright by scienzz. All rights reserved.
|
|
|
|
 |
|
|
 |
 |
|
|
| |
| |
20.04.2006 - KULTURWISSENSCHAFTEN
Mittelalter-Phantasien und kartographisches Lesen
Beiträge zum aktuellen "topographical turn"
von Josef Tutsch
Vielleicht ist es ja eine Nebenfolge der Globalisierung. Wenn die Regionen auf dieser Erde enger nebeneinander rücken, wird sichtbarer, dass es da Ungleichzeitigkeiten gibt und dass womöglich nicht einmal alle "Räume" auf demselben Weg in die Zukunft sind. Seit ein paar Jahren ist in den Geschichts- und Kulturwissenschaften viel vom "topographical turn" oder auch "spatial turn" die Rede. Eingeführt wurden die Termini 2002 durch die Berlin Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel – vorläufig die letzte der vielen "Wenden" und "Kehren", die den akademischen Diskurs derzeit aufmischen oder auffrischen, je nachdem.
"Der Raum", blickt der Berliner Kulturtheoretiker und Mentalitätshistoriker Hartmut Böhme in die Vorgeschichte dieses "turns", "wurde philosophisch wie ein unreiner Stiefbruder der Königin Zeit behandelt, die am ehesten der göttlichen Sphäre der Zahlen nahe zu kommen schien". Das gilt erst recht in den Geisteswissenschaften, wie sie sich seit Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt haben. Die Ursprünge macht Böhme viel früher aus: "Nicht erst im Christentum, sondern bereits im Platonismus begann eine Abwertung von Körper und Materie, mithin des räumlich Verkörperten."
 |
Chrisoforo Colombo
| Im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat Böhme ein Symposion ausgerichtet, um das Paradigma von Raum, Bewegung und Topographie für die deutsche Literaturgeschichte im transnationalen Kontext fruchtbar zu machen: drei Dutzend Beiträge vom mittelalterlichen Alexanderroman bis zur jüngsten türkisch-deutschen Literatur, die jetzt in Buchform vorliegen. "Die Quellen des spatial turn sprudeln reichlich", hatte der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel schon 2003 in gehobenem Ton verkündet, "und der von ihnen gespeiste Strom ist mächtig – mächtiger als die Dämme und Barrieren der Disziplinen." Man kann es mit dem Bielefelder Literaturhistoriker Matthias Buschmeier auch ein Stück nüchterner betrachten: "Die sogenannten turns bringen in der Wissenschaftslandschaft naturgemäß eine Absetzungsrhetorik mit sich, die Gräben einzeichnet, wo es meist nur um Perspektivwechsel geht."
"Die Repräsentation der Ordnung des Wissens baut seit jeher auf Metaphern des Raumes", stellt Buschmeier pointiert fest. Immanuel Kant sprach in der "Kritik der reinen Vernunft" vom "Land der Wahrheit, umgeben von einem weiten und stürmischen Ozeane, dem eigentlichen Sitze des Scheins". Eine Kartographie des Verstandes; soviel von "topographical turn" gab es bereits in der hohen Zeit des Fortschrittsdenkens. Buschmeier weist darauf hin, dass im Anfang der Neuzeit statt der Karte das Theater das prägende Ordnungsmodell abgegeben hat. Die moderne Karte "bildet Landschaft nicht ab, sondern bezeichnet sie lediglich".
 |
Niebuhrs Reisebeschrei- bung von 1772
| Einen bemerkenswerten Fall, dass Dichtung und Philosophie nach Art der kartographischen "Messkunst" aufgefasst werden, im Sinne einer Orientierungsaufgabe, hat der Germanist Chenxi Tang (Chicago) in Novalis’ "Lehrlingen von Sais" aufgetan. Der romantischste aller deutschen Dichter und Denker war als Kartograph an der geologischen Landesuntersuchung Sachsens beteiligt. Die "Sattelzeit" des späten 18. Jahrhunderts erscheint in einem ganz ungewohnten Licht: "Die Pädagogik entdeckt die Kartographie und macht sich daran, dem Schüler kartographische Lesefähigkeit beizubringen." Mit einem handgreiflich politischen Erfolg: Der Staatsbürger lernt, "das Staatsterritorium als ein Ganzes zu imaginieren.
Fremde Länder wollte der Bibelwissenschaftler Johann David Michealis imaginiert sehen, als er 1753 der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften das Projekt einer Arabienreise vortrug. Oder eigentlich wollte er im Arabien von heute etwas über die Verhältnisse zur Zeit der Bibel herausfinden. Daniel Weidner: "Der Proto-Orientalismus des 18. Jahrhunderts ist besonders in Deutschland ein Unternehmen von Philologen, das mehr an Texten als an der Welt und mehr an der Vergangenheit als an der Gegenwart interessiert ist." Als sich 1762 eine königlich dänische Expedition mit dem Geographen Carsten Niebuhr wirklich auf den Weg macht, ist alles ganz anders. Zur Enttäuschung von Michaelis, der in Göttingen auf die Berichte wartet, lässt sich zum Beispiel der Ort, wo die Israeliten durch das Rote Meer gezogen sind, nicht bestimmen. Weidner: "Für Niebuhr wird der Orient nicht biblisch, sondern die Bibel orientalisch."
 |
Dichter-Philosoph und Berg- auingenieur: Novalis
| Einen sozusagen gegenläufigen Fall hat Meike Steiger an den Reisebeschreibungen ausgemacht, die Friedrich Schlegel um 1800 verfasste. Schlegel reiste durch das napoleonisch neugeordnete Europa und entdeckte eine versunkene Welt: das Mittelalter. Lücken in dem, was zu sehen war, füllte Schlegel mit Phantasie – das "Eigentliche" war ohnehin nicht mehr zu sehen. Steiger: "Schlegel entdeckt oder konstruiert genau solche Fakten, die das Absehen vom Konkreten zugunsten eines Allgemeinen notwendig machen und legitimieren."
Noch ein Beispiel, wieder in Mitteleuropa und im hellen Licht der Geschichte. Daniel Fulda weist darauf hin, dass die Literaturhistoriker des 19. Jahrhunderts die Komödie des 18. konsequent im Sinn einer norddeutschen "Leitkultur" verzeichnet haben. Gegenüber der "Reform" Gottscheds wurde die Tradition des Wiener Volkstheaters ausgeblendet oder aber, so bereits in Friedrich Nicolais Reisebeschreibung von 1781, als "fremd" (in diesem Fall: italienisch) bestimmt aufgefasst. Fulda: "Freilich braucht Nicolais Österreichkritik gar keine fremdnationale Positivfolie, ist der Berliner doch mit der prinzipiellen Überzeugung einer allgemeinen Überlegenheit des protestantischen Norddeutschland angereist."
 |
Behaims Globus von 1492
| Eigenwillige Konzepte von "Raumzeit", wenn man so will. In seinem "Heinrich von Ofterdingen" schildert Novalis eine Höhlenerkundung, einen Besuch im Erdinnern, wo die Zeit auf mystische Weise verräumlicht wird. Sabine Haupt stellt den ideengeschichtlichen Zusammenhang her: Es war etwa dieselbe Zeit, wo in der Philosophie die Natur historisiert wurde. Offenbar war der "historiographical" oder "temporal turn" der spätaufklärerisch-frühromantischen Epoche doch nicht so einseitig, wie das auf den ersten Blick scheinen könnte. Für die Gegenwart warnt Böhme denn auch beiläufig vor "historischer Kurzatmigkeit", wie sie in den Kulturwissenschaften gelegentlich wohl vorkommt.
Dass sich zum Beispiel auch vom Äquator eine Kulturgeschichte schreiben lässt, hat Kyung-Ho Cha an einigen Episoden von Columbus bis Humboldt demonstriert. Im Hintergrund stehen die antiken Spekulationen über eine spiegelsymmetrisch aufgebaute Erdkugel einerseits, die biblische Geschichte von den drei Söhnen Noahs andererseits. Einen bewohnten Kontinent im Süden konnte es nach christlichen Voraussetzungen eigentlich nicht geben, vielleicht aber lag unter dem Äquator das Paradies? Am Äquator, berichtet Cha von Columbus, "siegte der Leser der Heiligen Schrift über den erfahrenen Seemann, den Leser der Natur". Columbus eigene Begründung: "... weil ich überzeugt bin, dass dort das irdische Paradies liegt, zu dem niemand gelangen kann".
Neu auf dem Büchermarkt: Topographien der Literatur. Deutsche Literatur im transnationalen Kontext, herausgegeben von Hartmut Böhme, Verlag J. B. Metzler, Stuttgart Weimar 2005, ISBN 13: 978-3-476-021117-5, 129,95 €
|

|
Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation
|
|
|
|
| |
|
 |
|
|
 |
|