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17.04.2006 - KUNSTGESCHICHTE
"Wie ein Querschnitt durch eine Blume"
Vor 500 Jahren wurde in Rom der Grundstein zum Petersdom gelegt
von Josef Tutsch
 | | Donato Bramantes Grundriss zum
Petersdom, 1506
| | | Man könnte die Geschichte auch ganz anders erzählen. Die bedeutendste Kirche der ganzen Christenheit wurde brutal abgerissen, ohne viel Rücksicht auf fast 1.200 Jahre Kunstgeschichte. Viele schöne Dinge wurden zerstört, berichtet Vasari, der Biograph der Renaissance-Künstler: Grabmäler, Malereien und Mosaiken. Und ohne Rücksicht auf die Bedeutung der Basilika über dem Grabe des Apostelfürsten für die Kirchengeschichte. Kaiser Konstantin hatte sie nach einem seiner Siege gestiftet, die ihn zur Alleinherrschaft führten. Jetzt wollte Papst Julius II. an dieser Stelle sein grandioses Grabmal errichten, für das Michelangelo die Pläne lieferte.
Oder noch ganz anders. 1510 war ein Augustinermönch aus Sachsen in Rom. Er muss gesehen haben, wie unter Julius II. an der neuen Peterskirche gebaut wurde. Wenige Jahre später konnte Martin Luther auch zu Hause in Erfurt und Wittenberg das päpstliche Finanzierungskonzept beobachten. Julius' Nachfolger Leo X. wollte die erforderlichen Summen für den Bau (vom Grabmal war inzwischen nicht mehr die Rede) durch den Ablass zusammenbringen: Gegen Geld erwirkten die Gläubigen für sich oder ihre Angehörigen eine Verkürzung der Sündenstrafen im Fegefeuer. Ende Oktober 1517 machte Luther seine Argumente gegen den Ablasshandel öffentlich. Das Neubauprojekt für Sankt Peter gab den Anstoß zur Reformation.
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Bramantes Skizze der Vorderansicht
| Bereits 1452 hatte Papst Nikolaus V. begonnen, den ehrwürdigen Bau des Kaisers Konstantin durch eine neue Kirche im "modernen" Stil der Renaissance zu ersetzen. Doch nach seinem Tod geriet die Arbeit ins Stocken. Spätestens im November 1505 war Julius II., als Bauherr ebenso energisch wie als Krieger, entschlossen, "den riesenhaften und Angst einjagenden Bau von Sankt Peter zu unternehmen, ließ die alte Kirche zur Hälfte niederreißen und begann das Werk mit dem Vorhaben, es solle an Schönheit, Kunst, Erfindung und Anordnung wie an Größe, Reichtum und Schmuck alle Gebäude übertreffen, die der Macht des römischen Staates, der Kunst und dem Geiste so vieler begabter Meister ihre Entstehung danken", ist bei Vasari zu lesen.
Der Grundstein zu einem der Kuppelpfeiler wurde am 18. April 1506 gelegt. Den Entwurf lieferte Donato Bramante, der angesehenste Architekt seiner Zeit. Geplant war ein streng symmetrischer Zentralbau, auf dem Grundriss eines Kreuzes mit gleichen Armen, zwischen denen vier kleinere überkuppelte Kreuze das Ganze zu einem Quadrat vollenden sollten. Bramantes Plan gleiche "einem Querschnitt durch eine Blume", schrieb Eckhart Peterich in seinem Rom-Führer poetisch und vermutete, der Architekt habe sich durch eine Ideenskizze Leonardo da Vincis anregen lassen: die Verbindung eines griechischen Kreuzes mit vier kleineren, ebenfalls griechischen Kreuzes in den Ecken.
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Grundriss Michelangelos, 1547
| In der Mitte war eine mächtige Kuppel vorgesehen, als reine Halbkugel nach dem Vorbild des Pantheon. Unter dieser Kuppel wollte Julius sein Grabmal sehen, natürlich auch als Ruhmesmal für seine Familie della Rovere – an Selbstbewusstsein mangelte es dem kriegerischen Papst wahrlich nicht. Heute sind von Bramantes Bau nur die vier majestätischen Pfeiler erhalten, auf denen die Kuppel ruhen sollte. Bei den traditionsbewussten Römern wurde Bramante aber wegen der Zerstörung der alten Domkirche mit einem Schimpfnamen bedacht: "maestro ruinante". Der Klerus musste sich Jahrzehnte lang damit begnügen, die vordere, östliche Hälfte der Basilika nutzen zu können, die durch eine Querwand von dem Bauplatz abgetrennt war.
Böse Gerüchte wollten wissen, der Baumeister hätte schlechtes Material verwendet; jedenfalls fand Michelangelo es später angebracht, die Pfeiler zu verstärken. Zunächst aber versuchten sich, nachdem Papst Julius 1513 und Bramante 1514 verstorben waren, Raffael, die Brüder Sangallo und schließlich Peruzzi an dem Bau. Vielleicht war es Raffael, der die entscheidende Änderung des Plans brachte: Aus dem griechischen Kreuz sollte ein lateinisches werden, für die praktischen Bedürfnisse des Gottesdienstes war in der größten Kirche der Christenheit mehr Raum angebracht, also ein Langhaus.
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Donato Bramante
| Die Arbeiten kamen jedoch nur langsam voran. 1546 berief Papst Paul III. Michelangelo – "wie ich glaube, auf göttliche Eingebung", so Vasari. Michelangelo, bereits 72 Jahre alt, wollte ablehnen ("die Baukunst sei eigentlich nicht sein Fach"), fügte sich aber dem Willen des Papstes und kehrte mit seinem Entwurf zu Bramantes Zentralbauidee zurück. Lediglich eine Säulenhalle sollte dem griechischen Kreuz vorgesetzt werden. Wer sich von Bramante entferne, der weiche von den Regeln der Kunst ab, sagte Michelangelo mit polemische Spitze gegen seine Konkurenten. Soviel Bescheidenheit wollte ihm aber schon Vasari nicht abnehmen: "Nach Michelangelos Zeichnung und Angabe wurde alles erbaut, obwohl er mir zu mehreren Malen sagte, er führe nur die Zeichungen und Anordnungen Bramantes aus."
Michelangelo nahm den Ecksystemen ihre Selbständigkeit, band sie in den zentralen Raum unter der Kuppel hinein und gestaltete das Ganze zu einem schwellenden Organismus. Mit ihrer imposanten Höhe, aufgesetzt auf einen mächtigen Tambour, orientierte sich seine Kuppel am Florentiner Dom. Heute beherrscht sie das Panorama der Ewigen Stadt, zumal die Nachfolger ihr Profil noch steiler gemacht haben als in Michelangelos eigenhändigen Modell. Nur vom Petersplatz aus ist sie schlecht zu sehen. Auf Befehl von Papst Paul V. musste Carlo Maderna die Kirche durch ein Langhaus verlängern. Alle Einsichtigen wussten, meint Peterich, dass es "künstlerisch gesehen ein Unglück war". Aber der Zentralbau, das Ideal der Renaissance-Ästhetik, entsprach doch allzu schlecht der mittelalterlichen, in der Gegenreformation wieder aufgekommenen Vorstellung, dass der Weg zur Erlösung sich im Kirchenbau zu versinnbildlichen habe.
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Der vollendete Bau nach dem Plan Carlo Madernas
| Auch Madernas Fassade zum Petersplatz blieb nicht ohne Kritik (Jacob Burckhardt: "ein ungeheures Dekorationsstück"), ist aber bis heute eine der großen Tribünen des Weltgeschehens. Um 1660 vollendete Gianlorenzo Bernini die Anlage durch das riesige Säulenoval. Die Kirche selbst, mit über 15.000 Quadratmeter Fläche zweieinhalb mal so groß wie der Kölner Dom, hat Papst Urban VIII. bereits am 18. November 1626 eingeweiht. Es war auf den Tag genau 1.300 Jahre nach Einweihung der alten Basilika unter Kaiser Konstantin. Seit Julius’ Grundstein waren 120 Jahre, 20 Päpste und zehn Architekten dahin gegangen.
Wenigstens eine Eigenart der frühchristlichen Peterskirche ist aber im Renaissancebau erhalten geblieben: Im Unterschied zu den allermeisten anderen Kirchen ist Sankt Peter nicht nach Osten, sondern nach Westen ausgerichtet. Es kam darauf an, den Papstaltar präzise über jener Stelle zu errichten, wo man glaubte, das Grab Petri gefunden zu haben. Und da ließ die Lage am Abhang des Vatikanischen Hügels eben keine andere Möglichkeit, als den Chor nach Westen zu legen.
Mehr im Internet: Donato Bramante Rom, Petersdom
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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