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kultur

15.03.2005 - IKONEN

Vom Maler Lukas zum Priester Raffael

Als die Bilder noch verehrt wurden -
und manchmal in den Krieg zogen

von Josef Tutsch

 
 

Christus Pantokrator,
Sinai, 6. Jahrhundert

"Das Anbringen von Gemälden in der Kirche soll verboten werden", beschloss 306 nach Christus die Kirchenversammlung von Elvira. Die Entwicklung ist dann aber ganz anders gelaufen. So entschied 786 das Konzil von Nicaea, "dass die verehrungswürdigen und heiligen Bilder geweiht und in den heiligen Tempeln Gottes aufgestellt und in Ehren gehalten werden". Noch fast ein Jahrhundert nach Elvira hatte ein Bischof gewarnt: "Stellt Bilder auf, und ihr werdet sehen, die Bräuche der Heiden tun den Rest!" In Nicaea hätte er seine Sorgen vermutlich bestätigt gefunden ... Wenige Jahrzehnte später wurde die nicaenische Argumentation nochmals verschärft: "Wenn einer die Ikone Christi nicht verehrt, so soll er auch nicht imstande sein, seine Gestalt bei der Wiederkunft zu schauen."

Die Kirchenväter von Nicaea haben sich durchgesetzt; von den großen christlichen Konfessionen hat nur der Calvinismus das Verbot von Elvira wiederaufgegriffen. Am Genfer Rathaus erinnerte früher eine lateinische Inschrift an den Bildersturm von 8. August 1535: "Wir haben dem Aberglauben abgeschworen und die sakrosankte Religion Christi wieder in den Urzustand zurückversetzt." Luther neigte eher zu einer pragmatischen Haltung. Zwar sei Bilderkult ein Missbrauch, aber Historienillustrationen, am besten mit einem Bibelzitat ("dass man Gottes Werk und Wort an allen Enden immer vor Augen habe"), könne man gelten lassen.

Ob nun in der calvinistischen oder in der lutherischen Variante: Die Religion im Protestantismus ist unsinnlich geworden. Reisende in den katholischen Süden oder den orthodoxen Osten Europas haben ihre Verständnisschwierigkeiten, wenn sie eine Kirche besichtigen oder an den Devotionalienständen eines Wallfahrtsortes vorbeischlendern. Der Kunsthistoriker Hans Belting hat darauf hingewiesen, dass sich auch im katholischen Bereich die Funktion der "heiligen" Bilder verändert hat. Zwar gibt es kein Verdikt gegen die Verehrung, aber unter der Hand wurden sie zum "Kunstwerk" verwandelt.

Kronzeuge für Beltings These: Raffaels "Sixtinische Madonna", gemalt etwa 1513, in der Dresdner Galerie. Unter strengen Protestanten Raffael, Sixtinische Madonnamuss das Bild einige Verwirrung angerichtet haben. Wie Friedrich Schlegel 1799 berichtet, warf man einander vor: "Sie sind in Gefahr, katholisch zu werden!" Die Antwort lautete: "Es ist keine Gefahr dabei, wenn Raffael der Priester ist." Der Dialogsplitter lässt ahnen, dass für die romantischen Schwärmer Religion nur noch als ästhetisches Phänomen begreiflich war. Genau diesen Weg hatte der katholische Raffael in seinem Bild vorgezeichnet. Die himmlische Erscheinung ist auf keine Weise mehr an einen äußeren Raum gebunden, der gemalte Vorhang wird, so Belting, sozusagen vor einer reinen Vorstellung weggezogen, die sich allein aus der Imagination des Künstlers rechtfertigt und an die Imagination des Betrachters wendet.

Um sich den Weg der christlichen Kunst über die Jahrhunderte hinweg zu verdeutlichen, ist an die Legende zu denken, die im 6. Jahrhundert von den Madonnenbildern aufgekommen war: Maria mit ihrem Kind hätte dem Evangelisten Lukas Modell gesessen. Das sollte ein "authentisches" Abbild verbürgen – die Gottesmutter und der Heiland als historische Personen, im Gegensatz zu den Göttermüttern und Erlöserfiguren der Heiden. Um 600 übernahm Maria in Konstantinopel offiziell die Aufgabe einer Stadtheiligen und Heerführerin, wie sie zu heidnischen Zeiten einer Athena Promachos zugekommen war. Die Kaiser hatten ihr – also ihrer Ikone – bei den Triumphfeiern den Vortritt zu lassen.

Wenn Byzanz sich im 8. und 9. Jahrhundert im Kampf um die Kultbilder zerfleischte, dann ging es also nicht bloß um theologische Spitzfindigkeiten, sondern um handfeste politische Interessen. Nachdem die Venezianer 1203 eines der hochverehrten Bilder vom feindlichen Generalswagen hatten erbeuten können, übertrugen sie es in die Adriastadt und vertrauten ihm nun ihr Gemeinwesen an.

Einem der Bilder: Seit Jahrhunderten war die Praxis geübt worden, die heilige Wirkkraft durch getreue Kopien zu vervielfältigen. Bilder konnten ebenso wie Reliquien – etwa der Marienmantel oder Stücke vom Heiligen Kreuz – auf der Stadtmauer den Angreifern entgegengehalten werden. Noch im 1. Weltkrieg wurde das "ungemalte Bild", das Christus einem Tuch durch Berührung eingeprägt haben sollte, sowohl auf den russischen als auch auf den bulgarischen Heeresfahnen vorangetragen. Ohne solche Ursprungslegenden hätten sich die Maler sehr viel schwerer daran gewagt, den Gottmenschen Christus im Bild darzustellen. Bischof Eusebius, der Hoftheologe Kaiser Konstantins, stellte die Bilderfreunde vor die schwierige Frage, welche der beiden Naturen Christi sie denn im Bild vorzufinden hofften: die göttliche sei nicht darstellbar, die menschliche nicht darstellungswürdig.

Gottesmutter von VladimirVon daher wird begreiflich, dass in der byzantinischen Kirche die Treue zum Urbild mehr gelten musste als die schöpferische Kraft des Künstlers. Auch im Westen, darauf weist Belting hin, haben sich die Künstler nur allmählich aus dieser Bindung an die "Archetypen" lösen können. Immerhin musste bereits 1438 beim Unionskonzil in Italien der orthodoxe Patriarch bekennen: "Wenn ich eine lateinische Kirche betrete, kann ich keinen der dort dargestellten Heiligen verehren, weil ich keinen von ihnen wiedererkenne."

Von unseren heutigen Wertschätzungen her wären wir geneigt, dem westlichen Mittelalter im Vergleich mit Byzanz ein höheres Maß an Kreativität zuzugestehen. Man kann aber fragen, ob es nicht bloß die geringere philosophische und theologische Tradition war, die im Westen mehr Freiheit im "Kopieren" ermöglichte. Belting verweist auf die "Libri Carolini", mit denen das Frankenreich unter Karl dem Großen seine Haltung im Bilderstreit zu formulieren versuchte. Darin wurde die Produktion von Bildern weiterhin zugelassen, ihre Verehrung dagegen abgelehnt. Das klingt überraschend aufgeklärt und liberal; aber vielleicht, meint Belting, stand dahinter nur eine schlecht getarnte Unsicherheit.


Eine ausführliche Darstellung der "Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst" bietet:
Hans Belting, Bild und Kult, München 2000 (Sonderausgabe), 39,90 €

 Mehr im Internet:
scienzz artikel Bild- und Kunsttheorie

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied der Agentur scienzz communcation.

 

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