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politik

28.03.2006 - POLITIK

Leidvolle Vergangenheit, schwierige Gegenwart

Weißrussland - die unbekannte Nation im Osten

von Josef Tutsch

 
 

Der Große Platz in Minsk

Wie immer der Machtkampf in Weißrussland ausgeht – so lange kann ein Politiker in Minsk gar nicht im Amt bleiben, dass er eine Chance hätte, seinen malenden Landsmann an Bekanntheit einzuholen. 1887 wurde bei Witebsk im Nordosten des Landes Marc Chagall geboren.

Das ist eigentlich auch schon alles, was der Weltöffentlichkeit zu Geschichte und Kultur Weißrusslands präsent sein dürfte. Im Grunde nicht einmal das, Chagall wird vielmehr allgemein mit dem russischen Judentum in Verbindung gebracht. Tatsächlich waren Minsk und Witebsk im 19. Jahrhundert Provinzstädte im Zarenreich, von anderen Regionen bloß dadurch unterschieden, dass die "russische“ Bevölkerung eine besondere Variante der ostslawischen Sprache benutzte, eben das "Weißrussische“. Diese Bezeichnung ist, wie die Sprachwissenschaftler versichern, als Gegensatz zu "Rotrussisch“ zu verstehen, einem Synonym für Ukrainisch. Mit den Farben wurden Himmelsrichtungen Nord und Süd angedeutet. "Rot“ waren also die Russen, die am Unterlauf des Dnjepr wohnten, "weiß“ jene am nördlichen Oberlauf.

Marc Chagall, Über Witebsk

In Kiew bildete sich bereits im 9. Jahrhundert ein unabhängiges Großfürstentum heraus. Dass es die Ukraine war, von wo aus sich orthodoxes Christentum und byzantinische Kultur über Russland verbreiteten, ist auch unter der Moskauer Vorherrschaft niemals in Vergessenheit geraten. Weißrussland dagegen hatte wenig Gelegenheit, so etwas wie eine historische Identität zu entwickeln. Das Fürstentum Minsk, das 1109 entstand, konnte nicht aus dem Schatten Kiews heraustreten. 1240 geriet es in Abhängigkeit von den Mongolen und wurde Anfang des 14. Jahrhunderts von Litauen eingenommen.

Wenigstens die weißrussischen Dialekte behielten dennoch eine Bedeutung: Im litauischen Riesenreich, das sich beinahe bis zum Schwarzen Meer erstreckte, dienten sie als Verwaltungssprache. Der weißrussischen Geschichtsschreibung gilt das 14. und 15. Jahrhundert heute als ein Goldenes Zeitalter, Litauen wird, historisch etwas großzügig, als quasi-weißrussisches Staatsgebilde bewertet. Durch den Zusammenschluss Litauens mit Polen 1569 rückte der Schwerpunkt des Reiches aber weit nach Westen. Polnische Missionare bemühten sich Jahrhunderte lang, die orthodoxe Bevölkerung Weißrusslands und der Ukraine für den römischen Katholizismus und das lateinische Westeuropa zu gewinnen. Vor allem der Adel wurde weitgehend polonisiert.

Gedenkstätte "Minsker Ghetto"

Das Jahr 1793 brachte jedoch einen folgenreichen Frontenwechsel: Durch die zweite polnische Teilung kam die Region Minsk an Russland. Nur die Volkskundler begannen damals, eine weißrussische Eigenart zu entdecken: in den Dialekten und in der Folklore. Einen eigenen Staat erhielten die Weißrussen nach jenem längst vergessenen Fürstentum Minsk im hohen Mittelalter erst 1919 mit der "Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik“ von Lenin. "Die Oktoberrevolution war der Ausgangspunkt für eine wirtschaftliche Restauration des Landes und die Entfaltung einer rein weißrussischen, auf den sowjetischen Realismus ausgerichteten Kultur“, sagte die Propaganda. Die Wirklichkeit war, wie auch sonst in der Sowjetunion, von Deportationen geprägt.

Während des Zweiten Weltkriegs, schätzen die Zeithistoriker, ist ein Viertel der Bevölkerung Weißrusslands ums Leben gekommen. Der deutsche Völkermord an den Juden hatte in Weißrussland ein Zentrum: 8 bis 9 % aller ermordeten europäischen Juden stammen aus dieser Sowjetrepublik, einschließlich jener ostpolnischen Gebiete, die 1939 nach dem Pakt zwischen Hitler und Stalin angegliedert worden waren. Die großen Städte ließ der Weltkrieg zerstört zurück. Heute zeigt die Hauptstadt Minsk jenen pseudo-klassizistischen Prunk, wie er unter Stalin als moderne Architektur gepflegt wurde. Einen Höhepunkt nationaler Repräsentation bescherte die Zentrale in Moskau mit der Gründung der Vereinten Nationen 1945: Ebenso wie die Ukraine durfte Weißrussland als Gründungsmitglied auftreten.

Weltkulturerbestätte Schloss Mir

Der Zerfall der Sowjetunion brachte 1991 für "Belarus“ die reale Unabhängigkeit: 10 Millionen Einwohner, etwa ebensoviel wie Belgien, auf einer Fläche, die etwa dreimal so groß ist wie die der drei Benelux-Staaten zusammen, mit einem Lebensstandard, der höher ist als in den meisten anderen Republiken auf dem Boden der ehemaligen Sowjetunion. Im Vergleich zur Ukraine scheint das Bewusstsein nationaler Eigenständigkeit – im Verhältnis zum großen Russland – allerdings nur schwach entwickelt.

Und noch einiges ist ganz anders als in der Ukraine: Das Land ist nicht in zwei klar abgrenzbare Regionen mit zwei unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen geteilt; die staatswirtschaftlichen Strukturen aus der Sowjetzeit bestehen fort, so dass es keine Interessengruppen geben kann, die sich konkurrierende Parteien sozusagen "halten“. Das bringt für beide Länder sehr verschiedene Probleme mit sich. Bei der Ukraine sahen Pessimisten bereits die Spaltung drohen zwischen einem, pauschal formuliert, "europäisch“ orientierten Westen und einem "russisch“ orientierten Osten. In Weißrussland ist die Opposition zwar nicht so sehr durch ökonomische Interessen belastet, dafür aber noch viel schwächer organisiert.

Karl Marx, könnte man glauben, hat bereits um diese Schwierigkeiten einer Demokratisierung in Weißrussland gewusst: Ideen, wenn sie nicht mit realen Interessen und Bedürfnissen zusammenkommen, stehen in der Gefahr sich zu blamieren. À propos Marx. 1898 fand in Minsk, in der weißrussischen Provinz und nicht etwa in der  Zarenresidenz Sankt Petersburg, ein wahrhaft historisches Ereignis statt: der erste – illegale – Parteitag der russischen Sozialdemokratie.


Mehr im Internet:
Weißrussland





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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