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24.04.2006 - RECHTSEXTREMISMUS

Unbehagen in der Moderne, Ruf nach der Vorzeit

Ein Politologe ├╝ber das "Heidentum" der Neuen Rechten

von Josef Tutsch

 
 

Houston Stewart Chamberlain,
Vorläufer des Heidentums der
Neuen Rechten von heute

"Unser Humanismus beruht auf der Anerkennung der Völker und ihrer Kulturen, also der Achtung vor ihnen." Das klingt zunächst durchaus nach Toleranz – wenn da im Umkreis nicht noch andere Sätze stünden: "Was uns betrifft, sprechen wir von der Menschheit im Plural." Und "unser Humanismus ... bringt die Geschichte und das Leben, das Erbe und die Menschheit wieder in Einklang." Der Autor, Pierre Krebs, gehörte zum Schülerkreis des Vordenkers der Nouvelle Droite in Frankreich, Alain de Benoist. Der Sammelband, in dem der Aufsatz 1988 erschienen ist, trägt den Titel "Mut zur Identität. Alternativen zum Prinzip der Gleichheit".

Das nennt sich "Ethnopluralismus". Statt von "höher-" und "minderwertigen" Rassen zu reden, propagiert die rechtsextreme Szene heutzutage lieber die kulturelle Eigenart der Völker. "Sollten alle Menschen Brüder sein", schrieb Benoist 1982, dann kann keiner es wirklich sein. Die Einführung einer symbolischen umfassenden Vaterschaft vernichtet die Möglichkeit einer wirklichen Brüderschaft." Also die Negation einer zentralen Idee des Christentums, die Konsequenz ist in Benoists Buchtitel formuliert: "Heide sein zu einem neuen Anfang. Die europäische Glaubensalternative".

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Authentisch germanisch: der
Reiter von Hornhausen (7.
Jahrhundert)
 

Ein Student der Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin hat dieses "Heidentum" der Neuen Rechten voriges Jahr in seiner Diplomarbeit unter die Lupe genommen. Miro Jennerjahn analysiert die Strategie, über scheinbar vorpolitische Inhalte eine politische Ideologie zu vermitteln. "Kulturelle Hegemonie" lautet das Zauberwort, das die Neue Rechte vom italienischen Marxisten Antonio Gramsci übernommen hat. Ohne eine "ideologische Mehrheit" sei die parlamentarische dem Zusammenbruch geweiht, heißt es bei Benoist.

Man könnte fragen, wie dieses Konzept in der rechtsextremistischen Traktätchenliteratur umgesetzt wird; aber Jännerjahn konzentriert sich auf die, wenn man so sagen darf, "intellektuellen" Stichwortgeber: Alain de Benoist in Frankreich und die Publizistin Sigrid Hunke in Deutschland. Hunke, laut Krebs eine "Zauberin des Lebens", eine "heilige Bewahrerin der Identität, der Herkunft und des Erbes", hat sich über Jahrzehnte als Vertreterin neuheidnischer Weltanschauung hervorgetan.

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Phantasie von den alten
Germanen: Wotan in
Wagners "Ring"

Warum Heidentum? Die Begründung findet sich in einem Beitrag aus Krebs’ Sammelband: "Europa seine Identität und Größe wiederzugeben heißt, es auf den schmalen Weg seiner Wieder-Vergeistigung außerhalb eines nunmehr religiös sterilen Judäo-Christentums zu bringen." Diese Argumentation hatte bereits Ende des 19. Jahrhunderts der Kulturtheoretiker Houston Stewart Chamberlain vorgegeben. Er setzte dem jüdisch-semitischen Denken eine "indoeuropäische" oder eigentlich germanische Religion entgegen. Chamberlain versuchte allerdings, wenigstens die Person Jesu von seinem Verdikt über das Judentum auszunehmen: Man könne nicht nachweisen, ob Jesus im rassischen Sinn Jude gewesen sei.

Soviel Rücksicht auf ein sich christlich verstehenden Publikums hat die Rechte heute nicht mehr nötig. Ansonsten hat zum Beispiel Sigrid Hunke, wie Jennerjahn nachweist, Chamberlains phantasievolle Konstruktion ebenso phantasievoll fortgeschrieben. Hunke behauptet, die jüdische Gottesvorstellung wäre in Wirklichkeit von den Hurritern eingeführt worden, einem der Sprache nach weder semitischen noch indoeuropäischen Volk im Vorderen Orient des 2. Jahrtausends vor Christus. Das Judentum wäre dann zum Träger dieser Idee vom "eifersüchtigen und grausamen" Gott geworden. Der Zweck, den Hunke mit ihrer Konstruktion verfolgt, ist deutlich: Da sie die Araber und den Islam bewundert, will sie "die Juden" aus dem semitischen Umfeld herausnehmen.

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Beliebt auch bei rechten Neuheiden:
die Externsteine im Teuroburger Wald

Man könnte dergleichen als Geschichtsklitterung abtun; einen irgendwie "orientalischen" Einfluss mutmaßt Hunke auch im antiken Griechenland, konkurrierend zum indogermanischen Erbe. Aber Jennerjahn als Politikwissenschaftler fragt mehr nach der Funktion eines solchen Denkens in der Gegenwart. Inwieweit ist das "Neuheidentum", das da als Ausdruck europäischer Identität gepredigt wird, religiös überhaupt ernst zu nehmen? Es handele sich "um pure Ideologie und nicht um Religion"; das nachzuweisen, sei ein besonderes Verdienst von Jennerjahns Untersuchung, sagt der Betreuer der Arbeit, Bodo Zeuner, Politikwissenschaftler an der FU.

Darüber wäre wissenschaftstheoretisch lange zu streiten. Religionshistoriker kennen die Schwierigkeit, bestimmte historische Phänomene als religiös dingfest zu machen. Jennerjahn selbst spricht vorsichtiger von einer "Grundannahme": dass "das Heidentum in der Neuen Rechten nicht primär religiös zu deuten ist, sondern als Träger politischer Ideologie". Und in der Tat, das Material, das Jennerjahn auftischt, rechtfertigt den Ideologieverdacht. Das fängt bereits damit an, dass dieses "Heidentum", historisch betrachtet, ein Phantasieprodukt ist: "Das" Heidentum hat es nie gegeben, nicht einmal "die" germanische Religion, sondern bloß Kulte und Mythen einzelner Stämme oder Völker. Man könnte sogar sagen, dass die Neue Rechte wider Willen einer Darstellungsweise christlicher Theologen aufgesessen ist, die nicht-christliche Vorstellungen pauschal unter den Begriff "heidnisch" zu fassen pflegten.

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Anknüpfungspunkt fürs
Neuheidentum? Meister Eckhart

"Die Konstrukte sind funktional zur Gegenwart", stellt Jennerjahn nüchtern fest. Und da sind die politischen Absichten mit Händen zu greifen, während die Behauptung, es handele sich um "Religion", als Selbstaussage dieser Ideologen dahin stehen muss. Offenbar stößt sich Benoist am jüdischen und christlichen Monotheismus in der Hauptsache deshalb, weil er darin eine Grundlage des Universalismus und Individualismus sieht, also des Gedankens, dass der Mensch – jeder Mensch – Träger von unveräußerlichen Rechten ist. Umgekehrt ist der heidnische Polytheismus, den Benoist wiederbeleben will, keineswegs im Sinne von gesellschaftlicher Pluralität zu verstehen; vielmehr geht es, ganz antiindividualistisch, um ein Nebeneinander von "nationalen und volkstümlichen Identitäten".

Kurzum: Sinn des rechten "Neuheidentums" ist ein Zurück nicht bloß hinter die liberale Demokratie, sondern viel tiefer - zurück hinter die individualistische Wende, die historisch mit den Propheten Israels wie mit den griechischen Philosophen und den großen Religionslehrern Indiens verbunden ist, also die Wiederherstellung der Einheit von Religion einerseits, Volkstum andererseits. Nur konsequent, dass die Neue Rechte auf das Freund-Feind-Denken konservativer Theoretiker in den 1920er Jahren zurückgreift. "Zur Demokratie gehört notwendig erstens Homogenität und zweitens – nötigenfalls – die Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen", hatte Carl Schmitt 1926 geschrieben. Der Nationalsozialismus wird bei dieser Traditionssuche begreiflicherweise umgangen, Ziel ist sozusagen ein Rechtsextremismus ohne Hitler.

 
 
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Carl Schmitt: "Die spezifisch politische
Unterscheidung ist die von Freund und
Feind."

Wie ein politisches System auf der ersehnten Grundlage eigentlich funktionieren könnte, scheint den Theoretikern der Neuen Rechten kein Thema gewesen zu sein. Immerhin kommt auch ein Alain de Benoist nicht um die Einsicht herum, man müsse nicht Wotan-Kulte wiederbeleben, um heutzutage Heide zu sein. Was eignet sich statt dessen zur Anknüpfung? Benoist nennt Franz von Assisi und die Renaissance und spricht in diesem Zusammenhang von "Heidenchristentum", Sigrid Hunke beruft sich auf Meister Eckhart, Nicolaus Cusanus, Giordano Bruno, Kant, Goethe, Hegel usw. usf. Wie diese Addition gemeint sein mag, erschließt sich aus Hunkes Ausführungen zu Pelagius, jenem Theologen Anfang des 5. Jahrhunderts, der die Erbsündenlehre verwarf: "Hier war die Absage Europas an die Gedankenwelt des Paulus und Augustinus, an Orient und Afrika, an ihr ohnmächtiges Ausgeliefert-Sein."

Benoist formuliert es etwas anders: Das "jüdisch-christliche System" habe die "Trennbarkeit von Natur und Kultur, von Verstand und Sinnlichem" als Grundsatz aufgestellt. Spekuliert der Ideologe des Neuheidentums darauf, dass jeder, der sich durch solche Dualismen geschädigt fühlt, zur Neuen Rechten finden möge? Offenkundig lebt die Predigt dieses Neuheidentums vom Unwillen, Spannungen auszuhalten. Hunke: Im europäischen Denken (soll sagen: im Heidentum) gelte, anders als im jüdisch-christlichen Monotheismus, eine "Übereinstimmung von Glauben und Wissen". Deshalb habe "das, was wir heute unter Wissenschaft verstehen und was als solche internationale Geltung erlangt hat, nur aus dem ‚europäischen’ Denken entstehen können." Da hat Hunke etwas gründlich missverstanden: Der Erfolg von Wissenschaft und Technik in Europa beruht gerade auf der Radikalität methodischer Differenzierung.


Neu auf dem Büchermarkt:
Miro Jennerjahn, Neue Rechte und Heidentum. Zur Funktionalität eines ideologischen Konstrukts,
Peter Lang, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-631-54826-5, 27,50 €


Mehr im Internet:
scienzz artikel Extremismus
scienzz artikel Religiosität heute
Neopaganisms
Neue Rechte
Alain de Benoist 
Sigrid Hunke 
Otto-Suhr-Institut der FU Berlin  
Informationsdienst gegen Rechtsextremismus
Kräuterheilkunde und paramilitärische Übungen - die Szene des "Neuheidentums"





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

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