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02.05.2006 - PSYCHOLOGIE

Nicht Herr im eigenen Haus

Zu Sigmund Freuds 150. Geburtstag

von Josef Tutsch

 
 

Sigmund Freud
6. Mai 1856 - 23. September 1939

"Nur rühre nimmer an den Schlaf der Welt!", heißt es in Friedrich Hebbels "Gyges und der Ring". Sigmund Freund hat sich in diesem Vers wiedererkannt, als einer, der es dennoch gewagt hat. "Ich verstand, dass ich auf Objektivität und Nachsicht nicht zählen durfte", schrieb Freud 1914 im Rückblick auf seinen ersten Vortrag in der Wiener wissenschaftlichen Öffentlichkeit 1896. Es ging um die Ursachen der Hysterie, und Freud sprach über Sexualität und über die Mechanismen der Verdrängung.

Anscheinend war es erst das eisige Schweigen seiner Kollegen, das den 40-jährigen Freud veranlasste, eine systematische Konzeption auszuarbeiten. Als Therapeut stieß er immer wieder auf inzestuöse Verführungsszenen in der frühen Kindheit seiner Patienten. Bloße Phantasien vom Standpunkt der Erwachsenensexualität her? Über eine Selbstanalyse kam Freud zu dem Schluss, dass die subjektive Seite durchaus real war. Es gab – shocking! - eine infantile Sexualität. Die Spuren der Verdrängung waren nicht nur in den Neurosen, sondern ganz alltäglich (oder allnächtlich) im Traum festzustellen. Durch die Traumdeutung konnte man "wie durch eine Fensterlücke in das Innere des seelischen Apparates einen Blick werfen".

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Die berühmte Couch in Freuds Wiener Praxis

Der Traum als "verkleidete Erfüllung eines unterdrückten Wunsches". Literatur, Malerei und Film des 20. Jahrhunderts sähen anders aus ohne diese Entdeckung Freuds, der "Ödipuskomplex" ist bis in die Trivialsprache vorgedrungen. Es war eine Kulturrevolution. Die These, das Abgewehrte sei "immer die Sexualität", war zunächst eine Gotteslästerung und erlangte dann den Rang eines Dogmas, ähnlich dem marxistischen Grundsatz von der Bedingtheit aller Umstände durch die Produktionsverhältnisse.

Im nachhinein war auch leicht festzustellen, dass die Dichter es immer schon gewusst hatten. "So mancher von den Sterblichen hat schon im Traume gelegen bei der Mutter", sagt die Königin in Sophokles’ Ödipus-Drama, und sie weiß sogar von der Verdrängung: "Solcher Dinge achtet man nichts, so lebt es sich am leichtesten!" In den populären Schriften über den Witz und zur Psychopathologie des Alltagslebens lehrte Freud selbst seine Leser, unsere Fehlleistungen als Boten aus dem Unbewussten zu deuten, hinter all den kleinen Funktionsstörungen Sinn und Absicht zu vermuten.

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Der Abtrünnige: C.G. Jung

Unter die Hand verwandelte sich dabei die Psychoanalyse selbst. Was als medizinisches, streng naturwissenschaftlich begründetes Verfahren konzipiert war, wurde zu einer umfassenden Weltdeutung. Freud selbst scheint es kaum bemerkt zu haben. Noch in den 1930er Jahren beharrte er darauf, "seine" Psychoanalyse sei Naturwissenschaft, nicht mehr und nicht weniger. Dabei liest sich bereits jener Aufsatz von 1914 über die "Geschichte der psychoanalytischen Bewegung" streckenweise wie eine Kirchen- und Ketzergeschichte. Freud wies zurück, was ihm "als eine kühne Usurpation" erschien – das ging gegen die beiden "Abfallsbewegungen", die ihn in den Jahren zuvor so tief getroffen hatten, die von Alfred Adler und die von Carl Gustav Jung.

"Die Psychoanalyse ist meine Schöpfung", propagierte Freud selbstbewusst und legt Wert darauf, folgende Stelle erst zur Kenntnis bekommen zu haben, nachdem seine eigene Lehre von der Verdrängung bereits ausgearbeitet war: "Wenn ein heftiges Leiden so qualvoll ist, dass es schlechterdings unerträglich fällt, dann greift die dermaßen geängstigte Natur zum Wahnsinn als zum letzten Rettungsmittel des Lebens." Arthur Schopenhauer, "Die Welt als Wille und Vorstellung", geschrieben acht Jahrzehnte vor der Traumdeutung. Es gebe häufig Fälle, "in denen die mühselige psychoanalytische Forschung die intuitiv gewonnenen Einsichten des Philosophen nur bestätigen kann", beruhigte sich der Empiriker. "Den hohen Genuss der Werke Nietzsches habe ich mir mit der bewussten Motivierung versagt, dass ich in der Verarbeitung der psychoanalytischen Eindrücke durch keinerlei Erwartungsvorstellungen behindert sein wolle."

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Ödipus und die Sphinx (um 480 v. Chr.)

Im Grunde war der "Naturwissenschaftler" Freud aber wohl doch nicht so empirisch, wie er selbst von sich glaubte. Das fängt bereits beim Ödipuskomplex an – ein allgemeines Kennzeichen menschlichen Daseins oder bloß ein Phänomen mitteleuropäischen, gar Wiener Bürgertums um 1900? Das gilt erst recht für die großangelegte menschheitsgeschichtliche Rekonstruktion, die Freud 1913 in "Totem und Tabu" unternahm. Das Buch unterstellte eine "Massenpsyche", in der sich die seelischen Vorgänge ähnlich vollziehen sollten wie im Seelenleben des einzelnen. Der Brüderaufstand gegen den übermächtigen Urvater hätte in Vatermord und Vaterfraß gegipfelt, das Schuldgefühl sich in Kulturschöpfung umgewandelt.

Mehr ein Roman als exakte Wissenschaft – aber ein Roman, den kein Ethnologe im letzten Jahrhundert unbeachtet beiseite legen konnte. Vor allem aus der Frauenbewegung kam in den letzten Jahrzehnten viel Kritik. Zweifellos, Freuds Perspektive auf das Seelenleben war männlich bestimmt, "phallozentrisch", wie das Schimpfwort lautet. Aber die Schriften, die der "Traumdeutung" folgten, zeigen, dass er  bereit war, sehr unkonventionelle Wege zu gehen – unkonventionell im Sinne der eigenen Grundlagen. "Jenseits des Lustprinzips" von 1920 muss in der Schule einen Schock ausgelöst haben. Freud entdeckte, dass es im Unbewussten noch viel Dunkleres gab als die Sexualität.

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Freud mit Familie 1938 in Paris

Der Begründer der Psychoanalyse hätte sich selbst eines Abfalls zeihen müssen. Wurde mit dieser Annahme eines "Todestriebs" als einer zweiten seelischen Grundkraft nicht das gesamte System erschüttert? Ähnlich wie die "Traumdeutung" zwei Jahrzehnte zuvor mit ihrer Theorie der Sexualverdrängung die traditionelle Psychologie aus den Angeln gehoben hatte? Jedenfalls zeigte sich auch der alternde Freud noch zu spekulativem,. hypothetischem Denken fähig.

War das alles Irrationalismus? Jedenfalls nicht im Sinn von Gegenaufklärung. Freud demonstrierte die Macht des Irrationalen, zeigte, dass wir "nicht Herr im eigenen Hause sind" – eine tiefgreifende Kränkung menschlichen Selbstgefühls, ähnlich Darwins Nachweis 40 Jahre zuvor, dass der Mensch aus der Tierwelt stammt; aber, wie Thomas Mann  1936 in einer Festrede zum 80. Geburtstag feststellte, "Freuds Forscherinteresse artet nicht in die Verherrlichung seines Gegenstandes auf Kosten der intellektuellen Sphäre aus". 1923 in "Das Ich und das Es" hatte er eine Schilderung geliefert, wie die Vernunft die widerstreitenden Ansprüche der Umwelt, des Trieblebens und der Moral miteinander zu koordinieren versucht. Ein schwieriges Unterfangen: das Ich sei bloß "ein besonders differenzierter Anteil des Es". Und dennoch die Hoffnung: "Wo Es war, soll Ich werden."

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Freud und die Folgen:
z. B. William Goldings
"Herr der  Fliegen"

Mit dem Ziel, so hat Thomas Mann ergänzt, "einer angst- und hassbefreiten, zum Frieden gereiften Zukunft". Damit hatten die Studenten, die im Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz Bücher verbrannten, nun wirklich nichts im Sinn. "Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Triebleben, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Sigmund Freud!" lautete die Parole. Der alte Freud mag, als ihn in Wien die Nachricht aus Berlin erreichte, wieder an Hebbel gedacht haben, an jenen Dramenhelden, der in der Hoffnung auf die Zukunft die schlafende Welt aufstört, auf die Gefahr hin, dass "sie, halb wachgerüttelt, um sich schlägt".


 
 
 

 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

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