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27.04.2006 - KULTURGESCHICHTE

Der 18. Februar fiel auf den 1. März

Eine sehr politische Kulturgeschichte des Kalenders

von Josef Tutsch

 
 

Ein mitteleuropäischer "Bauernkalender"
aus der Jungsteinzeit? Himmelsscheibe
von Nebra
So flott wie im 17. Jahrhundert ist die deutsche Post heute nicht mehr. Wenn damals am 8. Februar jemand in einem der katholischen Territorien einen Brief an seinen Bekannten im protestantischen Nachbarstaat abschickte, konnte die Sendung schon am 31. Januar beim Empfänger ankommen. Eine Antwort brauchte allerdings erheblich länger, vielleicht bis zum 14. Februar.

Über ein Jahrhundert lang rechneten die Staaten Europas nach verschiedenen Kalendern, die protestantischen nach dem iulianischen, die katholischen nach dem reformierten des Papstes Gregor XIII., der im Oktober 1582 kurzerhand zehn Tage hatte ausfallen lassen. Kalender sind eben nicht bloß Zählen und Rechnen, sondern haben ihre historischen Wandlungen. Wann zum Beispiel wurde 1648 der Osnabrücker Vertrag unterzeichnet, der den Friedensschluss zwischen dem Kaiser und den Schweden brachte? Das Dokument trägt ein doppeltes Datum, den 27. Juli und den 6. August, und es handelt sich um denselben Tag. Andererseits gedenkt alle Welt am 23. April des Todes sowohl von Cervantes als auch von Shakespeare. In Wirklichkeit ist der englische Dramatiker zehn Tage später gestorben als der spanische Romancier.

Grabmal Papst Gregors XIII

Der Erfurter Religions- wissenschaftler und Philologe Jörg Rüpke hat eine Kulturgeschichte des Kalenders vorgelegt, genauer: einen Einblick in Geschichte und Vorgeschichte unseres geltenden, des gregorianischen Kalenders  Es ist eine sehr politische Kulturgeschichte geworden. Heutzutage wird uns bloß noch durch die Sommerzeit zweimal im Jahr in Erinnerung gerufen, dass da ein Moment von Willkür in unserer Zeitrechnung liegt. Rüpke kann ein Beispiel aufbieten, wie durch das Drehen am Kalender ein ganzer Staatshaushalt saniert wurde. 1873 ging Japan von seinem althergebrachten Mondkalender zur westlichen Rechnung nach Sonnenjahren über. Eigentlich wäre 1873 ein Schaltmonat fällig gewesen, wie er von Zeit zu Zeit eingelegt wurde, um das Mondjahr mit den Jahreszeiten in Übereinstimmung zu bringen. Durch die Reform ließ die japanische Regierung den Schaltmonat ausfallen und damit auch die Gehaltsauszahlung an ihre Beamten.

1700, als durch Reichstagsbeschluss alle deutschen Territorien den gregorianischen Kalender annahmen, prägte man auf die Gedenkmedaille den Satz: "Die richtige Ordnung der Zahlen wird erneut geboren." In diesem Fall bestand die "richtige Ordnung" darin, dass der 18. Februar mit dem 1. März identisch wurde. Politisch richtig und wichtig war weniger das Zahlengerüst selbst, als der Inhalt, der hineingestellt wurde. Um solche Inhalte, stellt Rüpke klar, ging es auch dem Tridentinischen Konzil und der päpstlichen Kurie, die das Reformwerk angestoßen hatten: Die vielen regionalen Festkalender in Europa sollten durch einen Universal- (oder, wenn man so will, römischen Zentral-) Kalender ersetzt werden.

Monat April, aus dem
Stundenbuch des Herzogs
von Berry (Anfang 15. Jh)
 
Es gilt, falsche Entgegensetzungen zu vermeiden, Kultur gegen Ökonomie oder umgekehrt. Es waren nicht nur, vielleicht nicht einmal in erster Linie, die Bedürfnisse der Landwirtschaft, die den neuen Kalender forderten, sondern ebenso der Wunsch nach einem richtigen und einheitlichen Festzyklus. Papst Gregor bewahrte, soweit irgend möglich, die Tradition, selbst was die irritierende Kürze des Monats Februar angeht; ähnlich mutete Caesar seinen Römern 16 Jahrhunderte zuvor zwar ein Jahr mit 445 Tagen zu, ließ die sakral bedeutsamen Fixtage relativ zum Monatsanfang aber unverändert.

Im iulianischen wie im gregorianischen Fall war die Umstellung ein Gewaltakt. Die Zeitgenossen haben sich mit Kritik nicht zurückgehalten: Cicero soll gespottet haben, der Diktator wolle jetzt auch den Sternen befehlen; 1584 erschien in Deutschland ein anonymes Gedicht (zu singen auf die Melodie "Vom Himmel hoch, da komm ich her"), worin es hieß: "Es ist ein neuer Kalender geboren, vom Papst Gregorio auserkorn ... Es ist der Papst euer höllisch Gott, der will euch führen in Angst und Not ..." In Europa hat die Umstellung bis ins 20. Jahrhundert gedauert. Die russische "Oktoberrevolution" fand "eigentlich", gregorianisch berechnet, im November statt.

Dass auch ein Kalender, an den wir uns gewöhnt haben, Herrschaft bedeutet – Herrschaft über den Alltag –, muss erst durch den Kulturhistoriker bewusst gemacht werden. Die eigentümliche Kombination von Monats- und Wochenzählung (also von Mondzyklus und Planetenreihe!) ist uns sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen. Dabei hat sich das Ruhegebot für einen der sieben Wochentage, wie Rüpke aufzeigt, erst in der Spätantike durchgesetzt. Dahinter standen altrömische Vorschriften, an welchen Tagen im Monat Gerichtsverhandlungen, Volksversammlungen oder Senatssitzungen abgehalten werden durften. Der Kalender als Herrschaftsinstrument: Gedruckte Kalender in Mitteleuropa kommen in der Regel ohne die Angabe islamischer oder jüdischer oder buddhistischer Feiertage aus.

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Aus einem Bauernkalender des 15. Jh.

Nur am Rande geht Rüpke auf die Frage ein, welche Bedeutung die "außergewöhnlichen" Daten in unserem Kalenderbewusstsein spielen. Vielleicht ist die Aufregung, die es 1999 um den Computer gegeben hat, ja bloß der Erwartung geschuldet, dass"ein solcher Wechsel in unserer Selbstdatierung konnte doch nicht ereignislos bleiben konnte" Offenbar kommen Menschen, die mit einem Mondkalender leben, ohne Erschütterungen damit hin, dass sie alle zwei oder drei Jahre einen dreizehnten Monat einlegen, um im Rhythmus der Jahreszeiten zu bleiben. Rüpke macht plausibel, dass das bereits in vorgeschichtlicher Zeit ganz undramatisch vor sich gehen konnte. Die Mondsichel war leicht zu beobachten, und wenn man nach zwölf Mondmonaten feststellte, dass es im April noch sehr winterlich war, "fragte man sich, ob nicht eigentlich erst März sei".

Diese Vorgehensweise war natürlich weder präzise noch überregional einheitlich. Auch die ziemlich genauen Berechnungen, die griechische Mathematiker vorlegten (drei Schaltmonate in acht Jahren oder, noch genauer, sieben in 19) führten nicht zur Kalenderreform. Die brachte erst die "Globalisierung" im römischen Weltreich. Unvermeidlich brachen sich dabei auch Selbstdarstellungsbedürfnisse Bahn: Noch zu Lebzeiten Caesars wurde auf Senatsbeschluss sein Geburtsmonat in "Iulius" umbenannt. Der Nachfolger Augustus durfte ebenfalls einem Monat seinen Namen geben.

Kalender als Literatur: Hebels
"Rheinländischer Hausfreund"

Versuche späterer Kaiser, ihren Namen ebenfalls im Kalender zu verewigen, blieben ohne Erfolg. Zu schade, dass der Dichter Ovid seinen großangelegten Kalenderkommentar nach dem sechsten Monat offenbar abgebrochen hat, warum auch immer. Man wüsste zu gern, was er über die Ehrentage der kaiserlichen Familie im Juli und August geschrieben hätte ... Dabei macht gerade Ovids Dichtung von Anfang an klar, dass Kalender viel mit Herrschaft zu tun hat: Das Werk war Kaiser Augustus, in der zweiten Fassung dem Prinzen Germanicus gewidmet. Für sie, bemerkt Rüpke mokant, muss das Bruckstückhafte dieses Werkes besonders ärgerlich gewesen sein.


Neu auf dem Büchermarkt:
Jörg Rüpke, Zeit und Fest. Eine Kulturgeschichte des Kalenders,
Verlag C. H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54218-2, 22,90 €


Mehr im Internet:
Kalender







Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

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