| |
19.04.2006 - ENTWICKLUNGSBIOLOGIE
Von Fischen und Menschen
Oder: Wie benennen Entwicklungsbiologen Genmutanten
Monika Marx und Andreas Monz
 | | | | | Also von vorne – 1995 brachte Deutschland eine Nobelpreisträgerin hervor: Christiane Nüsslein-Volhard. Manchen mag das noch bekannt sein, weitaus weniger präsent dürfte den meisten noch sein, wofür die Honorige nach Schweden fahren durfte. Kurz und ziemlich laienhaft gefasst, hat sie die sich konzertartig abspielenden Mechanismen der "Faktoren-herauf- und-wieder-herab-Regulierung" aufgeklärt, die die Entwicklung einer Fruchtfliegenlarve steuern. Salopp gesagt: Sie hat die Frage beantwortet, wie und wann eigentlich in einem Viech "oben", "unten", Vorder- und Hinterende sowie die Anzahl der Beine, sonstiger Anhänge und vieles mehr festgelegt wird. Nun ist die Fruchtfliege nicht der Nabel der Welt und alleine wohl kaum einen Preis dieser Größenordnung wert. Aber was bei der Fruchtfliege passiert, passiert auch im Groben bei vielen anderen Spezies, die vermeintliche Schöpfungskrone Mensch inbegriffen.
Obgleich heute manche immer noch nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht, können die Entwicklungsbiologen sagen, dass er anatomisch gesehen anterior gelegen ist und schon zu Zeiten, als wir noch ein kleiner Zellhaufen waren von zig Signalmolekülen dorthin bestimmt wurde. Und diese Erkenntnisse sind sicher eine Reise nach Stockholm wert.
 | Christiane Nüsslein-Volhard
| Weiter in der Geschichte – Nachdem die Fliege als wirbelloses Tier nun doch nicht verwandt genug mit dem Wirbeltier Mensch ist, hat man sich nach einer Alternative umgesehen. Wirbeltier sollte sie sein, ähnlich unkompliziert in der Haltung und so zahlreich in der Nachkommenschaft wie die Fliege. Vielleicht könnte man dann nämlich kompliziertere Fragen beantworten: Wie entstehen Körpersegmente en detail? Welche exakte Funktion hat ein bestimmtes Protein bzw. Molekül? Mit diesen Leitgedanken landete ein gewisser Georg Streisinger aus Oregon in der Versuchstierwahl beim Zebrafisch: Wirbeltier, billig, pflegeleicht und fruchtbar.
Ein williges Pärchen laicht gut und gerne mal 300 Eier über Nacht ab. Und diese sind freundlicherweise auch noch durchsichtig – ein Traum für jeden Entwicklungsbiologen, der von Stunde Null an beobachten kann, wie sich das Forschungsobjekt entwickelt. Dieses perfekte Tier wurde auch von Christiane Nüsslein Volhard und Kollegen für ihre Forschung entdeckt: warum nicht das, was bei der Fliege funktioniert hat, im Fisch wiederholen? Somit war eines der größten Projekte der Entwicklungsbiologie geboren. Zebrafischforschung und die Mutantenbenennung.
Wie sieht nun die Arbeit eines Entwicklungsbiologen aus, der die Zebrafischentwicklung zu entschlüsseln versucht? Durch eine Chemikalie werden rein willkürlich Schäden, also Mutationen, in das Erbgut von Fischeiern eingebracht, statistisch gesehen etwa eine pro Ei. Aus diesen Eiern entwickeln sich zum großen Teil noch normal aussehende Fische, da der Fisch, wie der Mensch, jedes Chromosom zweifach besitzt und somit das beschädigte Gen noch einmal in einer gesunden Variante vorhanden ist. Welche Folgen ein beschädigtes Gen nach sich zieht, sieht man erst bei den Nachkommen eines jeden einzelnen behandelten Eies. Diese haben durch spezielle Kreuzungen dann den identischen Fehler auf beiden Chromosomen. Das wiederum hat zur Folge, dass ein noch unbekanntes Eiweiß nicht mehr richtig gebildet wird und damit nicht mehr funktionstüchtig ist. Und spätestens jetzt wird's für den Entwicklungsbiologen arbeitsintensiv: tausende Fischeier - respektive Fischembryonen - müssen nun betrachtet oder gefärbt oder sonst wie analysiert werden, um zu sehen, was die Folge des Defekts ist.
Mit anderen Worten: eine Sisyphusarbeit. Hat man dann nach dem x-tausendsten Embryo, den man natürlich jeweils unter dem Mikroskop anschaut, endlich eine Mutante identifiziert, muss ein Name für diese gefunden werden. Jetzt könnte man spröde durchnummerieren oder einen hübschen lateinischen Namen kreieren oder aber man wird nach der ganzen Plackerei kreativ.
Die Bandbreite der Namensgebung ist groß und vermutlich auch nicht ganz unabhängig von Humor und/oder Tagesform des fündigen Forschers. Es kann so einfach sein …Eine Fischlinie, die besonders lange Flossen hat (unter Aquarianern auch als Schleierschwanz bekannt) trägt den Mutantennamen long fin (lange Flosse). Die erste gefundene Mutante ohne Flossen heißt sinnigerweise no fin, ob man die zweite und dritte Linie dieser Art hätte unbedingt another no fin und finless nennen müssen, sei dahingestellt. Dass der Naturwissenschaftler auch Humor hat, zeigt sich bei ikarus oder aber lost a fin, letzterer fehlt nur die Bauchflosse. Frilly fins ("Rüschenflossen") hat eher gewellte Flossen. Der Entdecker einer zweiten Mutante dieser Art wollte wohl diesen Namen nicht wieder aufwärmen und hat seinen Fund vielleicht genau deswegen microwaved genannt, vielleicht gar als versteckte Kritik an all jenen, die schamlos andere Namen abkupfern?
Mutanten, die Fehler in der Ohranlage haben, scheinen auf den ersten Blick eine besondere Anziehungskraft für Berühmtheiten als Namenspaten zu haben. Im Fischohr liegt, wie beim Menschen, das Gleichgewichts- sinnesorgan, welches beim Fisch zwei "Steinchen" in sich trägt, die zur Feststellung von oben und unten nötig sind. Einstein hat also nur einen Stein. Was schätzen Sie, wie viele Ohrsteinchen keinstein hat? Und der Binnenreim beweist auch noch naturwissenschaftliches Sprachgefühl. Die Mutante mit locker sitzenden Steinchen heißt rolling stone. An dieser Stelle soll ein Plädoyer für motivierte Wortbildung ausgesprochen sein. Van gogh hat – nein, nicht bloß ein, sondern – zwei Ohren, jedoch sehr kleine. Lauscher hat hingegen große Ohren. Für Fische, die sowohl Fehler in den Ohrsteinen als auch in den Flossen haben, reimte man kurzerhand steinundbein.
All jenen, die schon immer auf die schrecklichen Anglizismen, die unsere deutsche Sprache verwässern, geschimpft haben, bereiten die Biologen auch noch eine Freude. Deutsch als internationale Wissenschaftssprache! Tinte und tofu, salz und pfeffer sind ja noch ganz gut auszusprechen für Nicht-Deutsche. Man stelle sich aber mal einen – sagen wir – Japaner vor: Wie wird er sich in einem englischen Vortrag (was den meisten ohnehin schon schwer genug fällt) mit den Bezeichnungen quetschkommode, kurzschluss, schmalspur, schmalhans oder ziehharmonika plagen? Glücklicherweise gibt es für jede Mutante aber einen 3-Buchstabencode, mit dem sich das Unaussprechliche ganz gut kompensieren lässt, in diesem Fall que, kus, sur, smh, zim.
Auffallend ist der Bereich der kulinarischen Namensgebung. Nicht auszuschließen, dass persönliche Vorlieben hier eine nicht ganz unbedeutende Rolle gespielt haben. Besonders solche Mutanten, die Veränderungen im schwarz-silbernen Streifenmuster oder im Blutbild haben, tragen Namen aus dem Wortfeld Essen&Trinken. Lakritz hat mehr schwarze als silberne Streifen, mustard sieht wie der gleichnamige Senf gelblich aus, milky, vanille, feta und quark sind alle weiß bis gelblich. Nobler wird's bei zinfandel, merlot, grenache, chianti und pinotage, deren Blut weißer ist, was den Weinen zwar nicht zur Ehre gereicht, aber Einblicke in die Wunschphantasien eines müden Forschers zulässt. Zu Wein passt Käse: bressot und brie sind erwartungsgemäß blässliche Fischgenossen. Als Dessert kredenzt man choco und after eight, ein Embryo, der nur 8 statt ca. 30 Schwanzsegmente entwickelt. Übrigens fehlen seltsamerweise bisher alkoholfreie Namensgeber wie bitburger drive und fanta.
Besonders hübsch wurden Bewegungs- und Herzmutanten benannt, die in der Regel eine Art von Muskelfehlbildung besitzen. Sowohl casanova als auch faust besitzen zwei Herzen, vermutlich aus unterschiedlichen Beweggründen. Zwangsjacke hat unübersehbar Probleme, aus einer Eihülle herauszuschlüpfen, accordion zeigt spontane zusammenziehende Muskelkontraktionen in der Körpermitte. Schlaffi, schnecke und faulpelz können sich nur sehr langsam bewegen, gleiches gilt für beamter. Bei happy und lucky scheint die Namensgebung fast autosuggestiv zu sein oder es war vielleicht jemand in genau dieser Gemütsverfassung, als er diesen Mutanten fand, der womöglich seine Dissertation rettete.
Spaß beiseite – Lässige Namensgebung in der hohen Wissenschaft ist schon fast revolutionär. Aufzuräumen mit nicht-merkbaren lateinischen Bezeichnungen mag manch alter Garde übel aufstoßen. Es klingt weder seriös, noch nach ernsthafter Arbeit, das Entdeckte wird ins Lächerliche gezogen , könnte argumentiert werden.
Aber gerade die kreativ-humorige, zum Teil motivierte Namensgebung zeichnet sich durch ein hohes Maß an Merkbarkeit und Praktikabilität aus. Man stelle sich eine entwicklungsbiologische Arbeitsgruppe vor, die gleichzeitig 50 verschiedene Mutanten-Kandidaten bearbeitet. Unter diesen 50 werden sich einige als identische Treffer oder falsch-positive Kandidaten herausstellen und müssen ausgesondert werden. Darüber muss natürlich in Meetings berichtet und sich ausgetauscht werden. Wie viel leichter fällt es da, mit sonderbar anmutenden, aber durchaus treffenden Bezeichnungen zu hantieren, statt sich willkürliche Zahlenkombinationen oder sonstige Kürzel zu merken? Oft galt die Benennung auch nur arbeitsgruppenintern als gültig, aber: Warum soll, was sich als Arbeitsname bewährt hat, nicht auch extern funktional und praktikabel sein?
Die Gruppe dieser Zebrafischforscher hat mit ihren Arbeiten einen völlig neuen Wissenschaftszweig eröffnet, der dank Christiane Nüsslein-Volhard erst richtig gehypt und berühmt wurde. Und alle waren jung, humorvoll und selbstbewusst genug, sich ihrer internen Namensgebung nicht zu schämen, im Gegenteil: Sie machten sie hoffähig.
Weitere Resultate lassen sich vielleicht schon nach der Lektüre dieses Artikels sehen: selbst einem geneigten Geisteswissenschaftler wird manches im Gedächtnis geblieben sein, obwohl ihm der Begriff Mutant bisher vielleicht eher nebulös vorkam. Und warum sollte man die "biologische Sprachrevolution" nicht als Vorbild für andere Bereiche heranziehen – gegen jede Etikette, dafür aber praxistauglich?
Mehr im Internet: Prof. Christiane Nüsslein-Volhard Zebrafisch Online-Zeitschrift Lingua et Opinio
Das Manuskript wurde uns freundlicherweise von der Online-Zeitschrift LEO - Lingua et Opinio zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug finden Sie auch Scienzz-Artikel in LEO.
|
|