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04.05.2006 - ROMANTIK
Einsam im weiten Reich des Todes
Caspar-David-Friedrich-Retrospektive im Museum Folkwang
von Josef Tutsch
 | | Caspar David Friedrich, Kreidefelsen
auf Rügen, 1818 (Winterthur)
| | | Die böseste Bemerkung über Caspar David Friedrich soll von Goethe stammen: "Maler Friedrich seine Bilder können ebenso gut auf den Kopf gesehen werden.“ Heute, nach einem Jahrhundert Erfahrung mit abstrakter Malerei muss man dem alten Herrn Hellsichtigkeit attestieren. Was an Friedrichs Gemälden auf den ersten Blick so realistisch anmutet, ist pure Konstruktion, ein souveräner Bildaufbau. Cézanne pflegte seinen Kritikern entgegenzuhalten, er male keine Gegenstände, sondern Bilder. Etwas ähnliches kann man sich leicht auch aus Friedrichs Mund vorstellen. Seine Gemälde wollten nicht "wie“ die Natur sein, sondern "so schön, als wenn sie Natur wären“.
Die "Bilderfindung“ wird im Mittelpunkt der Ausstellung stehen, die das Museum Folkwang in Essen in diesem Sommer dem Maler widmet. Es ist die erste große Retrospektive in Deutschland seit Friedrichs 200. Geburtstag 1974, 80 Ölgemälde und 100 Arbeiten auf Papier vor allem aus den großen Friedrich-Sammlungen in Berlin, Dresden, Hamburg und St. Petersburg. Die Wiederentdeckung dieses Romantikers gehört zu den Erfolgsstorys des 20. Jahrhunderts. Als Julius Meier-Graefe 1914 seine "Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst“ vorlegte, erhielten Goya, David, Ingres und Delacroix eigene Kapitel, Friedrich nur ein paar Zeilen im Abschnitt über die Nazarener.
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Friedrich, Das Kreuz im Gebirge ("Teschener Altar"), 1808 (Dresden)
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Die Nazarener mit ihrem, wie Goethe spottete, "altertümelnden, katholisch-christelnden Kunstgeschmacks“ ... . In dieses Schema fügt Friedrich sich nun gerade nicht, weder was den "altertümelnden“ Stil betrifft noch die "katholisch-christelnden“ Sujets. Er kopierte weder die alten Italiener noch die alten Deutschen oder Niederländer, und religiöse Bezüge waren in seinen Bildern eher zurückgenommen als offen gelegt. Ein Fensterkreuz war ein Fensterkreuz, eine Kirchenruine eine Kirchenruine, ein Mönch am Meer ein Mönch am Meer – nur eine unbestimmbare Atmosphäre im Bild drängte den Besucher, darin noch etwas anderes zu sehen.
Einem klassizistisch erzogenen Kunstbetrachter wie Goethe muss das unheimlich gewesen sein. "Wie selten ist das Vollendete! So dass man es auch in der wunderlichsten Art hochschätzen und sich daran erfreuen muss!“, lautete das Kompliment, zu dem er sich, etwas widerwillig, herbeiließ. Konkret geriet Friedrich mit dem naturwissenschaftlich interessierten Dichter in Konflikt, als der ihm antrug, die Wolken doch "korrekt“ darzustellen. Aber der Maler wollte, wie er selbst eingestand, weniger "sehen“ als "hineinsehen“. Aufgrund von Hinweisen in Friedrichs Aufzeichnungen haben Kunsthistoriker versucht, seine "Gleichnisse“ aufzulisten: Die Felsen sind ein Symbol des Glaubens, die anlandenden Schiffe bedeuten das zu Ende gehende Leben, der Schnee ist das Leichentuch, der Mond deutet auf den Erlöser hin, die violette Farbe, die den Bildgrund so oft beherrscht, meint Melancholie usw. usf.
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Friedrich, Abtei im Eichwald, 1809/19 (Berlin)
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ohanna Schopenhauer, die Mutter des Philosophen, hat anhand eines frühen Bildes, der "Abtei im Eichwald“, die Vorstellung vom Romantiker Friedrich für Generationen vorformuliert: "Die Natur ganz erstorben, schwer lastet der Schnee auf der Erde, wie ein marmorner Grabstein; schwarze, große Eichen strecken die nackten Äste zum Himmel; sie stehen wie klagende Gespenster um das einzig übriggebliebene Portal der zerstörten Kirche ... Ein geistermäßiger Leichenzug, von Mönchen begleitet, zieht sich über den Vordergrund zum Portal, ein Sarg wird eben hineingetragen ... Welch ein Bild des Todes ist diese Landschaft!“
"Um ewig einst zu leben, muss man sich oft dem Tod ergeben“, reimte Friedrich, vielleicht etwas unwillig, zur Antwort auf die Frage, warum er so gern "Tod, Vergänglichkeit und Grab“ darstelle. Das klang konventionell, ebenso wie das Bildprogramm, das der Maler seinem ersten Ölbild, dem "Kreuz im Gebirge“, mitgab: "Auf einem Felsen steht aufgerichtet das Kreuz, unerschütterlich fest wie unser Glaube an Jesum Christum. Immer grün, durch alle Zeiten während, stehen die Tannen ums Kreuz, gleich unserer Hoffnung auf ihn, den Gekreuzigten.“
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Friedrich, Eiche im Schnee, 1827 (Köln) |
Das Bild wurde als Altarblatt für eine Hauskapelle geschaffen. Aber bereits die Zeitgenossen spürten sehr genau, dass – trotz solcher Bekennntnisse – bei diesen Stimmungen von positiver Religiosität oder gar Kirchlichkeit kaum die Rede sein konnte. "Es ist eine wahre Anmaßung, wenn die Landschaftsmalerei sich in die Kirche schleichen und auf Altäre kriechen will“, wetterte damals Basilius von Ramdohr. Und formal vermisste der Kunstkritiker das Plastische auf der Malfläche, die "richtige“ Perspektive, wie sie seit der Renaissance vom Künstler erwartet wurde: "Der Maler hat gar keinen Standpunkt angenommen.“
Diese Klage traf noch in anderem Sinn den Kern der Sache. Anders als die Nazarener nahm Friedrich auch im Gehalt keinen genauen Standpunkt an. Auch das ist modern, wenn man so will, "postmodern“. Die Menschen, die der Maler in die Meeres- und Gebirgslandschaften hineingestellt hat, sind moderne Menschen, Stadtbewohner, Fremde in der Natur. "Wenn Skepsis und Sehnsucht sich begatten, entsteht die Mystik“, vermerkte ein halbes Jahrhundert später Friedrich Nietzsche. Es könnte ein leicht boshafter Kommentar zu Caspar David Friedrich sein.
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Friedrich, Der Wanderer über dem Nebelmeer, 1817 (Hamburg)
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Die Kunsthistoriker haben sich auch mit politischen Deutungen versucht. Vor dem "einsamen Baum“ solle der Betrachter an das unter französischer Besetzung leidende Deutschland denken, das aufgehende Tageslicht deute die Möglichkeit der Befreiung an. Andererseits war letztes Jahr in einer Kölner Ausstellung mit "Ansichten Christi“ Friedrichs Gemälde "Eiche im Schnee“ zu sehen, ein Baum mit toten Ästen in einer kargen Winterlandschaft.
Gegenüber solchen Streitigkeiten um die Ikonologie will die Essener Ausstellung den Akzent auf Friedrichs Künstlertum legen, eben die "Erfindung“ der Romantik. Der Maler Friedrich im Umkreis der Frühromantiker: "In einer entzauberten Wirklichkeit halten sie an den Fragen nach Einheit, Ganzheit und Sinn des Lebens fest und entwerfen eine Gegenwelt zur Uniformität und Normalität des heraufziehenden bürgerlichen Alltags, die bis heute ihre Anziehungskraft nicht verloren hat“, heißt es in der Ankündigung.
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Friedrich, Der Mönch am Meer (Ausschnitt), 1810 (Berlin) |
Das kann spannend werden. Wenige Jahre, bevor Friedrich seine Malerlaufbahn begann, propagierte Schlegel: "Wir haben keine Mythologie. Aber wir sind nahe daran, eine zu erhalten, oder vielmehr wird es Zeit, dass wir ernsthaft daran mitwirken sollen, eine hervorzubringen.“ Das poetische Ich setzte sich selbst an die Stelle des Schöpfergottes, eine Allmachtsphantasie, die kurz darauf von einem anonymen Romancier ebenso effektvoll dementiert wurde: "Ich streue diese Handvoll väterlichen Staubes in die Lüfte und es bleibt – Nichts!“ Wo in diesem frühromantischen Beziehungsgeflecht stand der "Erfinder“ Friedrich.
1810 haben Brentano und Kleist ihre "Empfindungen“ vor einer Seelandschaft Friedrichs, dem "Mönch am Meer“, dargelegt: "Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt, der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame Mittelpunkt im einsamen Kreis. Das Bild liegt wie die Apokalypse da ...“ Der Mönch auf diesem Bild zeigt sich, wie fast alle Menschen in Friedrichs Landschaften, dem Betrachter mit dem Rücken, das Antlitz den unendlichen Ausblicken zugewandt. Es ist sehr fraglich, ob man das mit Friedrich Schleiermachers Ausspruch zusammenbringen darf, das Anschauen des Universums sei "die allgemeinste und höchste Form der Religion“.
Ausstellung Caspar David Friedrich. Die Erfindung der Romantik Museum Folkwang, Essen, 5. Mai bis 20. August 2006 Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 20 Uhr, Freitag bis 24 Uhr; Montag geschlossen anschließend von Oktober 2006 bis Januar 2007 in der Hamburger Kunsthalle
Weitere Informationen: Museum Folkwang, Ausstellung Caspar David Friedrich Caspar David Friedrich
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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