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20.05.2006 - GESCHICHTE DER ENTDECKUNGEN
Die Suche nach dem Großen Khan
Zum 500. Todestag von Christoph Columbus
von Josef Tutsch
 | | Columbus erste Flotte: Nachbau der Santa
Maria, der Niña und der Pinta
| | | "Der Amerikaner", schrieb Lichtenberg in einem seiner Sudelbücher, "der Amerikaner, der den Columbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung." Wie immer rückt Lichtenberg ein paar leicht übersehene Wahrheiten ins Licht. Erstens steckt in dem Begriff der "Entdeckung" eine dreiste Perspektive – der eine entdeckt, der andere wird entdeckt. Zweitens endete diese Subjekt-Objekt-Beziehung für das Objekt sehr "böse". Und drittens betrachten wir Nachgeborenen die Geschichte unvermeidlich aus der Perspektive der Subjekte, der Sieger, der Täter.
Columbus’ Sohn schilderte in der Biographie seines Vaters, wie die Europäer 1492 auf einer der Bahama-Inseln ankamen: "Der Admiral rief die beiden Kapitäne und die andern, die mit ihm an Land gegangen waren. Sie alle rief er mit Namen auf und bat sie, folgendes zu bezeugen und zu beurkunden: dass er gekommen sei, um von diese Insel Besitz zu ergreifen und dies hiermit im Namen seines Königs und seiner Herrin vollzöge, unter Beachtung der für diesen Vorgang notwendigen feierlichen Erklärungen. Viele Indianer liefen zu dieser Feierlichkeit zusammen, und der Admiral, der sah, dass es sich um freundliches und friedliebendes Volk handelte, gab einigen rote Mützchen, Glasperlen und andere Gegenstände von geringem Wert, welche sie des höchsten Preises für würdig hielten.
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Christoph Columbus (31. Oktober 1451 - 20. Mai 1506)
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Man wüsste gern, wie die Einwohner diesen staatsrechtlichen Akt aufgefasst haben, in dem ganz selbstverständlich vorausgesetzt war, dass die Neue Welt bislang niemandem gehörte. Auf die Idee, dass die Menschen in dieser Neuen Welt Subjekte mit eigenem Willen und eigenen Rechten sein könnten, ist Columbus nicht gekommen. "Wenn es dem Allmächtigen gefällt, werde ich bei meiner Rückkehr sechs dieser Männer mit mir nehmen, um sie Euren Hoheiten vorzuführen und damit sie sprechen lernen", schrieb er in einer Notiz für das spanische Königspaar, nicht anders, als wollte er eine Menagerie zusammenstellen.
"Sprechen lernen": Offenbar hielt Columbus die Laute, mit denen sich die Indianer verständigten, nicht für eine Sprache! Seine eigenen Kommunikationsversuche zielten immer nur in eine Richtung. "Auf jeden Fall", notierte er sich ins Tagebuch, "bin ich fest entschlossen, bis zum Festland vorzudringen und die Stadt Quisai zu erreichen, um dem Großen Khan die Briefe Eurer Hoheiten zu überreichen." Der Große Khan, der Kaiser Chinas, von dem Marco Polo in seinem Reisebericht geschrieben hatte. Als die Indianer ihre Nachbarn weiter westlich "Cariba" nannten, verstand Columbus so etwas wie "Caniba", die Leute des Khan. Andererseits erinnerte ihn das Wort an italienisch "cane", er glaubte, die Leute wollten ihm weismachen, ihre menschenfressenden Feinde hätten Hundeköpfe. "Ich war der Meinung, dass die Indianer die Unwahrheit sprachen, und hegte den Verdacht, dass die gefürchteten Menschenfresser nichts anderes als die Untertanen des Großen Khan waren, die sie in Gefangenschaft schleppten.
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Münze von den Cook Islands
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Was wollte Columbus beim Großen Khan? Bei Marco Polo war zu lesen, dass "der Kaiser von Catayo schon vor langer Zeit nach Gelehrten ausgesandt hat, die ihn den Glauben Christi lehren sollten". Columbus in einem Brief an den Papst: "Ich hoffe in Unserem Herrn, seinen heiligen Namen und sein Evangelium in der Welt verkünden zu können." Es liegt nahe, diese Hoffnung unter Ideologieverdacht zu stellen, und in der Tat ist im Bordbuch immer und immer wieder von einem anderen Motiv die Rede: "Ich betrachtete alles mit größter Aufmerksamkeit und trachtete herauszubekommen, ob in dieser Gegend Gold vorkomme." "Also entschloss ich mich, nach Südwesten vorzudringen, um nach Gold und Edelsteinen zu suchen." "Ich hoffe, dass Gott mich die Stelle finden lässt, wo das Gold entspringt.
Subjektiv wird Columbus das eine so ernst gemeint haben wie das andere. Und in seinen Gedanken stand hinter der Suche nach Gold ein noch viel phantastischerer Plan. "Als ich Schritte unternahm, um zur Entdeckung der Indischen Länder aufzubrechen, hegte ich die Absicht den König und die Königin, unsere Herren, darum zu bitten, sie möchten bestimmen, dass die möglichen Einkünfte Ihrer Hoheiten aus den Indischen Ländern für die Eroberung Jerusalems verwendet werden." An den Papst: "Nachdem ich das Land dort gesehen hatte, schrieb ich dem König und der Königin, dass ich in sieben Jahren 50.000 Mann Fußvolk und 5.000 Reiter für die Eroberung des Heiligen Grabes unterhalten würde und in den darauffolgenden fünf Jahren weitere 50.000 Mann Fußvolk und weitere 5.000 Reiter."
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Denkmal in Santo Domingo
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Die Seereise zum Großen Khan als Fortsetzung der Kreuzzüge mit anderen Mitteln ... "Paradoxerweise ist es ein Wesenszug seiner mittelalterlichen Denkart, der Colón dazu bringt, Amerika zu entdecken und das moderne Zeitalter einzuleiten", hat der französische Soziologe Tzvetan Todorov die Geburt der Neuzeit in eine Formel gefasst. Bis zu seinem Tod war Columbus überzeugt, den westlichen Seeweg nach dem östlichen "Indien" gefunden zu haben und wunderte sich hartnäckig, dass die mitgebrachten Dolmetscher für asiatische Sprachen so völlig versagten.
Einen vierten Kontinent neben Europa, Asien und Afrika hätte sich Columbus nicht einmal denken können. In der Bibel wurde von den drei Söhnen Noahs erzählt, deren Nachkommen nach der Sintflut die Erde bevölkert hatten. Von einem vierten Sohn war nicht die Rede. Ein einziges Mal glaubte Columbus, an die Grenzen seiner Welt zu gelangen. Am Orinoco kehrte er um, "weil ich überzeugt bin, dass dort das Paradies liegt, zu dem niemand gelangen kann". Die biblische Autorität war stärker als die Neugier des Entdeckers.
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Columbus' Ankunft auf Guanahani (Gemälde von John Vanderlyn, 1840)
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Die biblische Schöpfungsgeschichte und Marco Polos Reisebericht aus dem Fernen Osten. Daneben standen, als dritte Autorität, die antiken Geographen, die bereits von der Kugelgestalt der Erde wussten. Der Seeweg über den Atlantik nach Ostasien war damit "nur" eine Frage der Entfernung, und Ptolemäus hatte den Erdumfang viel zu gering berechnet. Beim Philosophen Seneca fand Columbus sogar die Auskunft, von Spanien bis Indien seien es "bei gutem Seewind bloß wenige Tage Seefahrt". In Wirklichkeit dauerte es allein bis Amerika über zwei Monate –Grund genug für einiges Murren in der Schiffsmannschaft. Dass es eine offene Rebellion gegeben hätte, gehört zu den vielen Mythen und Legenden, die sich um Columbus gerankt haben.
Mythen und Legenden um einen der Gründungsheroen der Neuzeit. Die vielleicht hübscheste Geschichte wurde erst 1828 von dem amerikanischen Schriftsteller Washington Irving in seiner romanhaften Columbus-Biographie in die Welt gesetzt. Der kühne Seefahrer sei gewarnt worden: Wenn er immer weiter nach Westen fahre, werde er irgendwann vom Rand der Erdscheibe herunterfallen. Nun ja, weder war der Entdecker in seinen Denkvoraussetzungen so "modern" noch war das Mittelalter so "mittelalterlich", wie spätere Generationen es gern gemalt haben. Seine Kenntnis der Astronomie gab ihm aber Gelegenheit, sich als Zaubermeister zu präsentieren. Als die Indianer seine Leute nicht mehr unentgeltlich mit Lebensmitteln versorgen wollten, drohte er damit, den Mond zu stehlen, und machte sich – es stand gerade eine Mondfinsternis an – daran, seine Drohung in die Tat umzusetzen.
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Kubanische Briefmarke
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Ein Mann der Zukunft war Columbus in einem Punkt, bei der Behandlung der Eingeborenen, die er "entdeckt" hatte. Die Briefe und Tagebücher zeigen beides unvermittelt nebeneinander: eine fürsorgliche Wertschätzung für die unschuldigen Wilden einerseits ("Es kann unmöglich jemals gutherzigere, selbstlosere und dabei so schüchterne Geschöpfe gegeben haben wie jene Eingeborenen"), das ungehemmte Gewinnstreben durch Sklaverei andererseits ("Man könnte von hier im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit so viele Sklaven schicken, wie man verkaufen könnte"). Der Fortgang der Geschichte ist bekannt: Die "Amerikaner" (noch heute sagen wir, dem Irrtum des Seefahrers folgend, "Indianer") hatten mit Columbus und den Eroberern, die ihm folgten, eine "böse Entdeckung". gemacht.
Mehr im Internet: Christoph Columbus scienzz artikel Entdeckungsreisen
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur |
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