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21.04.2006 - GENTECHNIK

Grüne Gentechnik im Diskurs

Risiken und Nutzen auch für Wissenschaft eine Herausforderung

Isabelle Bareither

 
 

GENial??
"Eine grundsätzliche Ablehnung der Gentechnik bei Pflanzen ist ethisch nicht verantwortbar", sagt Prof. Dierk Scheel, Direktor des Leibniz-Instituts für Pflanzenbiochemie in Halle/Saale in einem Beitrag für die aktuelle Ausgabe des Leibniz-Journals. Für die Zukunft seien erhebliche Vorteile durch die Grüne Gentechnik zu erwarten, wie zum Beispiel Vitamin-A-haltiger Reis, der weit verbreitete Mangelerkrankungen mit Millionen Todesopfern in armen Regionen der Welt verhindern könnte, so der Experte für Stress- und Entwicklungsbiologie. Scheel meint, dass der Mensch mit der Genveränderung der Pflanzen einen natürlichen Prozess imitiert.

Als Geburtsstunde der grünen Gentechnik könne die wissen- schaftliche Erkenntnis gelten, dass das im Erdboden lebende Agrobacterium tumefaciens in vielen Pflanzen Tumoren erzeugt, indem es einen Teil seiner eigenen Erbsubstanz in Pflanzenzellen einschleust und stabil in das Erbgut der Pflanze einbaut. „In der grünen Gentechnik wird der Bereich der Transfer-DNA, der die Tumorbildung bedingt, durch ein beliebiges Gen ersetzt, das dann in das Erbgut einer Pflanze integriert wird“, erläutert Scheel. Auf diesem Wege könnten sowohl neue Gene in Pflanzen eingebracht, als auch vorhandene Gene verändert oder abgeschaltet werden. Neue Sorten würden auch in der traditionellen Pflanzenzüchtung (Kreuzung zweier Sorten) erzeugt. Mit Hilfe der Gentechnik sei es nun möglich geworden, neue Sorten durch die Übertragung einzelner Gene zu schaffen. Von großem Vorteil wäre auch, dass die neue Technik die Übertragung von Genen aus beliebigen Organismen erlaube. Mittels herkömmlicher Methoden seien bisher nur Eigenschaften von miteinander kreuzbaren, also nah verwandten Arten genutzt werden können.

Was sich in Scheels Worten zu einem positiven Ganzen vereinbaren lässt, hört sich in einer Entgegennung von Dr. Martha Mertens in der gleichen Ausgabe des Leibniz-Journals weniger einfach an. Die freiberufliche Gutachterin im Bereich Biotechnologie argumentiertert, dass die Gentechnik weit über die Möglichkeiten der Klassischen
 
Pro: Prof. Dierk
Scheel 
Züchtung hinausgehe. Erbmaterial würde über alle Artgrenzen hinweg in andere Organismen übertragen. „Gene wirken jedoch nicht unabhängig von Genort und Organismus, da der genetische Hintergrund für ihre Aktivität eine große Rolle spielt“, sagt Mertens, und warnt vor den Überraschungen des nicht zu kontrollierbaren Gentransfers. Neu in gentechnisch veränderten Organismen (GVO) gebildete Stoffe und Eiweiße könnten toxisch oder allergen wirken, wie jüngst am Beispiel eines in Erbsen gebildeten Bohneneiweißes gezeigt wurde, das zu Immunreaktionen bei Mäusen führte. Eine weitere Gefahr bestehe in den Antibiotikaresistenzgenen vieler GVO. Diese könnten unter Umständen auf Bakterien, darunter auch Krankheitserreger, übertragen werden. Antibiotika würde dann gegen diese Bakterien nicht mehr helfen.

Prof. Scheel sieht dagegen die positiven Seiten der Gentechnik – vor allem auch für die Landwirtschaft.
  
Mais wird im Labor gentechnisch
verändert. Bild:DW

Genmanipulierte Pflanzen seien oft gegen Schadinsekten resistent oder tolerierten bestimmte Herbizide. Das reduziere Kosten, steigere Erträge, und senke den Einsatz von Insektiziden. Das sei auch für die Umwelt von Nutzen.

Anderes Getier scheint allerdings wieder Schaden davon zu tragen. Laut Mertens gefährden beispielsweise die in insektenresistentem Mais gebildeten Giftstoffe (Bt-Toxine) Nützlinge und Schmetterlinge. Untersuchungen aus England würden darauf hinweisen, dass der Anbau von herbizidresistenten Pflanzen die Artenvielfalt beeinträchtige. Im Boden seien die Toxine über Monate hinweg noch nachweisbar. Überdies nehme der Herbizidverbrauch nicht ab, sondern sogar zu. Vermehrt würden herbizidresistente Unkräuter auftreten, die mit höheren Dosen und zusätzlichen Spritzmitteln bekämpft werden müssten.

Scheel freut sich, dass weltweit bisher auf über 400 Millionen Hektar gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut wurden. Für Mertens dagegen schaffe diese verbreitete
 
Contra: Dr. Martha
Mertens
Anpflanzung ein weiteres Problem, nämlich die unkontrollierte Verbreitung gentechnisch veränderter Saaten. Wind und Insekten sorgten für die Verbreitung von Pollen und Samen, der Transfer der neuen Gene und Eigenschaften auf Kulturpflanzen oder verwandte Wildpflanzen sei zu erwarten. Auch Greenpeace International warnt vor dieser Gefahr. Bisherige Kontrollen könnten die illegale Ausbreitung von genmanipulierten Saaten nicht stoppen, erklärt Greenpeace in einem gemeinsamen Bericht zusammen mit GreenWatch UK bereits im März diesen Jahres. Neben 113 Fällen, in denen GM-Materialien unkontrolliert in die Umwelt geraten seien, beschreibt der Bericht 17 illegale Pflanzungen. Diese kämen vor allem durch schlecht kontrollierten kommerziellen Anbau zustande. Etwa bei Soya in Brasilien oder Baumwolle in Indien. Ebenso aber auch bei Experimenten an Reis in China oder Papaya in Thailand, berichten die Umweltschützer.  

Wissenschaftliche Antworten müssen jedenfalls schnell gefunden werden. Mit jedem Schritt können Veränderungen an Pflanzen Millionen von Menschen nützen oder schaden. Solange die Unwissenheit allerdings besteht, plädiert Mertens dafür, dass gemäß dem Verursacherprinzip die Nutzer der Technik die Haftung für alle Schäden tragen.


Mehr im Internet:
Leibniz-Journal
Kontrollen von Genfood, scienzz 16.03.2006
Koexistenzfrage bleibt offen, scienzz 16.03.2006
58% mehr Herbizide in Argentinien durch Gentechnik

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