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politik

16.05.2006 - POLITISCHE THEORIE

Sokrates gegen die Tyrannei der Mehrheit

Zum Geburtstag des englischen Philosophen John Stuart Mill

von Josef Tutsch

 
 

John Stuart Mill
(20. Mai 1806 - 7. Mai 1873)

Es ist zweifelhaft, ob Theodor Storm jemals von der englischen Philosophenschule der Utilitaristen gehört hat. Aber er hat einen Vierzeiler geschrieben, der genau gegen diese Philosophie der Nützlichkeit gerichtet sein könnte: "Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht."

Zwei gegensätzliche Auffassungen von Moral. Storm hing der Philosophie Immanuel Kants an, das sittlich Richtige sollte sich einzig und allein von der Pflicht her bestimmen, als Unterordnung unter das Sittengesetz. Dagegen schrieb 1789 der englische Rechtsanwalt Jeremy Bentham, Kriterium von richtig und falsch sei – sowohl für das Individuum wie auch für die Regierung – "das größte Glück der größten Zahl". Einen radikal anderen Staatsentwurf lieferte wenige Jahre später in Berlin der Kantianer Wilhelm von Humboldt: Jede Sorgfalt des Staates für das politische Wohl seiner Bürger sei schädlich; deren Handlungskraft würde gelähmt und selbst die Moralität ihres Charakters. Einzige Aufgabe der Regierung sei es, den Bürgern Sicherheit gegen äußere Feinde und bei inneren Konflikte zu geben.

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Die glänzende Fassade des
viktorianischen Zeitalters: Crystal
Palace in London ...
 

Humboldts Abhandlung blieb im preußischen Obrigkeitsstaat Jahrzehnte lang unveröffentlicht, während sich in Großbritannien Benthams Schüler unter dem Namen der "Radicals" für demokratische Ideen einsetzten. 1859 erschien in London ein Büchlein, das beide Traditionen zu verbinden versuchte. Der Verfasser war John Stuart Mill, Sohn von Benthams Mitstreiter James Mill. "Ich betrachte Nützlichkeit als letzte Berufungsinstanz in allen ethischen Fragen", knüpfte Mill an die utilitaristische Philosophie an und schlug dann gleich den Bogen zum deutschen Idealismus: "Es muss Nützlichkeit im weitesten Sinne sein, begründet in den ewigen Interessen der Menschheit als eines sich entwickelnden Wesens." Mill zitierte Humboldt: Der "wahre Zweck des Menschen" sei "die höchste und harmonischste Entwicklung seiner Kräfte zu einem kompletten und folgerichtigen Ganzen".

"Über die Freiheit" lautet der schlichte Titel von Mills Buch. Es wird wenige Werke der politischen Ideengeschichte geben, die so unterschiedlich beurteilt worden sind: umstürzlerisches Pamphlet oder Sammlung von Plattitüden, Gründungsurkunde eines modernen, sozial verantwortlichen Liberalismus oder gedankenlose Vermengung liberaler und sozialistischer Ideen. Karl Marx, der sich mehr für eine frühere Schrift des Verfassers zur Wirtschaftstheorie interessierte, nannte Mill einen "Sophisten" und schalt seinen "geistlosen Synkretismus".

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... und die Wirklichkeit der
industriellen Wirtschaft

"Synkretismus" trifft wohl etwas Richtiges. Mill wollte beides: Menschliches Handeln war, ganz im Geiste Benthams, nach seinem Beitrag zur allgemeinen Glückseligkeit zu beurteilen; und zugleich suchte er nach einem Weg, wie egoistische Konsequenzen aus dem Nützlichkeitsprinzip zu vermeiden wären. "Der Utilitarismus kann sein Ziel nur durch die allgemeine Ausbildung und Pflege eines edlen Charakters erreichen, selbst wenn für jeden einzelnen der eigene Edelmut eine Einbuße an Glück und nur jeweils der Edelmut der anderen einen Vorteil bedeuten würde."

Man darf bezweifeln, ob Bentham und Vater Mill diese Umdeutung noch für "Utilitarismus" gehalten hätten. Dem jüngeren Mill erschien sie plausibel, wohl weniger im Sinne logischer Stringenz als von der eigenen, wenn man so will, "bildungsbürgerlichen" Biographie her. "Es ist besser, ein unbefriedigtes menschliches Wesen als ein befriedigtes Schwein zu sein, besser ein unbefriedigter Sokrates als ein befriedigter Narr", hat Mill seine Position etwas drastisch formuliert. "Und wenn der Narr oder das Schwein anderer Ansicht sind, dann deshalb, weil sie nur die eine Seite der Angelegenheit kennen."

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Der Vater James Mill

Der kleine John Stuart muss ein Wunderkind gewesen sein. Mit drei Jahren lernte er Altgriechisch (sozusagen kindgerecht: an den Fabeln des Äsop), bald folgten Latein, Französisch, Deutsch, Mathematik, Ökonomie, Philosophie, Botanik ... Eine heile Welt von Besitz und Bildung? Nicht doch, was Mill von der älteren Generation abhebt, ist gerade seine Wendung zum Realismus, der Wermutstropfen, den er in den Wein optimistischer Welt- und Menschensicht fallen ließ. Die demokratische "Masse" war (was hätte der Vater dazu gesagt?) keine Versammlung intelligenter Wesen, sondern die kollektive Mittelmäßigkeit.

Da hatte Mill von dem französischen Aristokraten Alexis de Tocqueville gelernt: In der Moderne wird die Freiheit nicht nur vom Staat bedroht, sondern auch von der "Tyrannei der Mehrheit". Wenn das Individuum nicht imstande sei, "sich erfolgreich des Jochs der öffentlichen Meinung zu erwehren, so wird Europa dahin tendieren, ein zweites China zu werden". Darin mag man ein Vorurteil gegen außereuropäische Kulturen sehen; aber Mills Intention ist deutlich. "Der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gesellschaft rechtmäßig ausüben darf, der ist: die Schädigung anderer zu verhüten."

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Mill und seine langjährige
Mitdenkerin Harriet Taylor

Dass der Teufel im Detail steckt, ist Mill nicht entgangen. "Wir reden nicht von Kindern oder jungen Leuten, die noch nicht das Alter haben, wo sie das Gesetz als Mann oder Frau mündig spricht." "Mann oder Frau": Da war Mill seiner Zeit voraus. Zusammen mit Harriet Taylor, die im Alter auch seine Ehefrau wurde, setzte er sich dafür ein, "dass die Frauen dieselben Rechte und denselben Rechtsschutz erhalten wie alle anderen Personen". Ein anderer Gedanke Mills ist geeignet, auch heute noch (oder heute wieder) in der liberalen Diskussion Unruhe auszulösen: Wenn es Zwänge gibt, die jenseits des Staates und der Gesetze liegen, dann ist ein Minimum von Staatsintervention nicht unbedingt ein Maximum an individueller Freiheit.

Nein, Mill war kein Prediger des Laissez-faire-Prinzips. Jeder Mensch hatte denselben Anspruch auf Glück. Damit auch denselben Anspruch auf die Mittel zum Glück? Unversehens rückte der Liberale in die Nähe frühsozialistischer Ideen – ohne jede Verfestigung zu einem "-ismus" allerdings. Es ist etwas dran, wenn Mills Kritiker ein Nebeneinander verschiedener Intentionen in seiner Argumentation rügten. Man kann es auch britischen Pragmatismus nennen, ein Gegenkonzept zu der Gründlichkeit des Systemdenkers Karl Marx. Zum Ausgleich eine Textstelle gefällig, die sozialistischer Neigungen unverdächtig sein dürfte? "Bekanntlich sind die schlechten Arbeiter entschieden der Meinung, dass schlechte Arbeiter denselben Lohn wie die guten erhalten sollen und dass niemand etwa durch überlegene Geschicklichkeit oder Fleiß mehr als andere verdienen dürfe."

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Queen Victoria

Mill wird sich bewusst gewesen sein, dass er manches Dilemma theoretisch nicht auflösen konnte: "Der Geist des Fortschritts ist nicht immer der Geist der Freiheit, denn er kann darauf hinzielen, einem Volke Fortschritt gegen seinen Willen aufzuzwingen." Oder, noch befremdlicher: "Despotismus ist eine legitime Regierungsform, wo man es mit Barbaren zu tun hat" – vorausgesetzt, die Vervollkommnung dieser "Barbaren" war das Ziel. Dabei pflegte Mill gegenüber dem "Fortschritt", der Lieblingsidee seines Jahrhunderts, durchaus Skepsis: "Es ist zu bezweifeln, ob alle bisherigen technischen Erfindungen die Tageslast auch nur eines menschlichen Wesens erleichtert haben."

Ein Thema jedenfalls, da war Mill sich sicher, gehört ganz und gar in jenen Bereich, der nur das Individuum selbst etwas angeht: Kein menschliches Wesen sei einem anderen wegen seines religiösen Glaubens Rechenschaft schuldig. Da war Mills Liberalismus, ganz wörtlich, "radikal": "Wenn die ganze Menschheit, mit Ausnahme eines einzigen, derselben Meinung wäre, so hätte sie ebenso wenig Recht, ihn zum Schweigen zu bringen, wie er sie." Andererseits – wo war die Grenze zu ziehen, an der Denken in Handeln übergeht? "Selbst Gedanken verlieren ihre Straflosigkeit, wenn die Umstände, unter denen sie ausgesprochen werden, von der Art sind, dass ihr Ausdruck eine direkte Aufreizung zu irgendeiner Schandtat bildet."


Mehr im Internet:
John Stuart Mill 
scienzz artikel Philosophie des 19. Jahrhunderts
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