Hendrik Ibsen
* 28. März. 1828 in Skien
+ 23. Mai. 1906 Kristiania
"Ich empfing die Gabe des Leids, und da ward ich Dichter", sagt eine Figur in dem frühe Schauspiel "Die Kronprätendenten". Man darf unterstellen, dass Hendrik Ibsen auch von sich selbst sprechen wollte. Heutzutage können wir es kaum noch nachvollziehen; aber schöngeistige Zeitgenossen müssen verschreckt gewesen sein, welches Leid ihnen von diesem Dichter auf der Bühne vor Augen geführt wurde. Ein Kunstwerk solle doch "Genuss, Freude, Erhebung bereiten, nicht Entsetzen, Qual und, was noch schlimmer ist, hoffnungslose Verzweiflung", schrieb die Berliner Vossische Zeitung zur deutschen Erstaufführung der "Gespenster". Und der Schriftstellerkollege Paul Heyse stellte lapidar fest: "Solche Bücher schreibt man nicht."
Es gab auch andere Stimmen, etwa von einem norwegischen Altphilologen: "die antike Tragödie, wiederauferstanden auf modernem Boden". Der Dichter selbst hatte die Fährte gelegt. "Gespenster" ist die Wiedergabe von Erinnyen, jenen Rachegeistern, die in der Tragödie des Aischylos den Muttermörder Orestes verfolgen. Das 19. Jahrhundert glaubte nicht mehr an Rachegeister, und dennoch: "Ich glaube fast, wir alle sind Gespenster", heißt es im Stück. "Es sind alle erdenklichen alten, toten Ansichten und allerhand alter, toter Glaube und so weiter. Es lebt nicht in uns, aber es sitzt uns trotzdem im Blut und wir können es nicht loswerden."
Edvard Munchs Bühnenbild für die "Gespenster", 1906
Ein Knäuel von verlogenen Konventionen, bürgerlichen Moralvorstellungen, mangelndem Mut zur Wahrhaftigkeit, in dem die Personen gefangen sind: Ibsen prägte dafür den Begriff der "Lebenslüge". "Es ist nichts daran gelegen, wenn eine lügenhafte Gesellschaft zugrunde geht", sagt jemand im "Volksfeind". War das Ibens eigene Meinung? Oder stand er vielmehr hinter der zynischen Feststellung des Arztes in der "Wildente": "Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge und Sie nehmen ihm zugleich sein Glück"? Mit dem Ausdruck "Peer, du lügst!" beginnt "Peer Gynt". Die Interpreten arbeiten sich bis heute an der Phantastik dieses Dramas ab. Wird hier ein negativer Held verurteilt, der vor der Forderung "Sei du selbst!" versagt hat? "Das hört ja nimmer auf! Immer Schicht auf Schicht! Kommt denn der Kern nun endlich ans Licht?"
Gelegentlich neigte Ibsen selbst wohl zu der Auffassung, in seiner Dichtung müsse es so etwas wie einen "Kern" geben, etwas Thesenhaftes. Diskussionsstoff jedenfalls lieferte er seinen Zuschauern reichlich. Zum Beispiel die "Gespenster" drehen sich, äußerlich betrachtet, darum, dass die syphilitische Erkrankung des leichtlebigen Vaters beim Sohn irgendwann zur Paralyse führt. Die Bibel hat doch recht, werden manche Zuschauer auf dem Heimweg gesagt haben, die Sünden der Väter werden an ihren Kindern gestraft. Aber wenn das der Kern wäre, hätte sich Ibsens Drama mit der Erfindung des Penicillins erledigt. Die perfekt aufgezogene, lautlos funktionierende dramatische Maschinerie, die der Theaterbesucher an Ibsen so bewundert, wäre heute nur noch Leerlauf. In den Worten des Literaturwissenschaftlers George Steiner: "Es gibt spezifische Heilmittel für die Katastrophen, die über die Gestalten hereinbrechen, und es ist Ibsens Absicht, dass wir diese Heilmittel erkennen und sie anwenden."
Claire Bloom als Nora im "Pupppenheim" (Film, 1973)
Moderne Wissenschaft hin, fortschrittliche Politik her: Ibsens Theater demonstriert, dass die Möglichkeit der Tragödie trotz aller Rezepte geblieben ist. Und das, obwohl von Schuld und Sünde, die Analogie mit dem Alten Testament darf da nicht täuschen, gar nicht die Rede ist. Man könnte sogar sagen, dass die "Gespenster" tragischer ist als die "Orestie" des Aischylos: Diese modernen Fluchgeister lassen sich auf keine Weise zu wohlmeinenden Schutzgottheiten umfunktionieren. Und mit den Jahren wurden die Dramen immer komplexer, immer symbolischer, immer weniger thesenhaft. Ibsen habe "die sozialreformerische Diskussion" eingestellt, gestand der junge Schriftsteller Paul Ernst in einem Brief an Friedrich Engels seine Enttäuschung ein.
Im Rückblick ist verblüffend, mit welcher Selbstverständlichkeit manche links engagierten Zuschauer die Stücke der mittleren Schaffensphase, von den "Stützen der Gesellschaft" über das "Puppenheim", die "Gespenster" und den "Volksfeind" bis zur "Wildente", im Sinne eines politischen Engagements aufgefasst haben. "Aus einer allumfassenden Kritik der Gesellschaft sahen wir die Ideale der Freiheit und der Wahrheit als die Stützen der Gesellschaft siegreich emporsteigen", schwärmte der Kritiker Otto Brahm. In der Tat, zum Beispiel das "Puppenheim" plädierte – shocking für ein konservatives Publikum! – für die Emanzipation der Frau. "Ich war recht vergnügt, wenn du mit mir spieltest, so wie die Kinder vergnügt waren, wenn ich mit ihnen spielte. Das war unsere Ehe." Aber eigentlich war Ibsen selbst konservativ und ärgerte sich über Gerüchte, die ihn in die Nähe der Sozialdemokratie rücken wollten.
Munchs Plakat für "Peer Gynt", 1896
Er wäre nicht der große Dichter, wenn sich seine Dramen bruchlos in Weltanschauung übersetzen ließen. So ist denn auch der "Volksfeind" kein Angriff gegen die westliche Demokratie, trotz des "unabhängigen, selbstsicheren Mannes", der dort dem Autoritätsdusel der breiten Masse gegenübergestellt wird: "Der gefährlichste Feind der Wahrheit und Freiheit bei uns, das ist die kompakte Majorität". Wie zurückhaltend der Dichter bis hinein in Fragen der Bühnenpraxis war, zeigt die Festszene im "Puppenheim". Die Probe für ihren Tarantellatanz legt Nora noch auf offener Bühne ab, das Fest selbst wird dann nur durch die aus dem oberen Stockwerk klingende Musik angedeutet.
Oder jenes letzte Stück, das der Untertitel als "dramatischen Epilog" bezeichnet. Auf der Bühne geschieht fast nichts, kaum mehr als bei Samuel Beckett, außer dem, was sich am Schluss in der Regieanweisung andeutet: "Von rechts oben hört man plötzlich das donnernde Geräusch einer sich lösenden Lawine." Ein Dialog unter Toten, Thomas Mann sprach von "einer späten, zu späten Liebeserklärung an das Leben"; "wenn wir Toten erwachen, sehen wir, dass wir niemals gelebt haben", heißt es im Text.
Ibsen auf orwegischem Gelschein
Es wird sein poetischer Instinkt gewesen sein, der Ibsen auch im Inhaltlichen – oft, nicht immer - zur Zurückhaltung nötigte. George Bernard Shaw hat die Problematik von Aktualitätenliteratur einmal in einer launigen Bemerkung auf den Punkt gebracht: "Das Werk behandelt eine brennende soziale Frage und sollte das Publikum bestimmen, bei den nächsten Wahlen zum Londoner Grafschaftsrat für die Seite des Fortschritts zu stimmen." Dergleichen Grafschaftswahlen sind längst vorbei, von Hendrik Ibsen haben zehn oder zwölf Werke bis heute auf der Bühne überlebt, mehr als – die einzige Ausnahme: Shakespeare – von jedem anderen Dramatiker der Weltliteratur.
Zeitgenössische Karikatur
Zu Leben und Werk Hendrik Ibsens 1828 am 20. März in Skien geboren 1864 Die Kronprätendenten 1866 Brand 1906 Der Bund der Jugend 1873 Kaiser und Galiläer 1876 Peer Gynt 1877 Die Stützen der Gesellschaft 1879 Ein Puppenheim (Nora) 1882 Gespenster 1883 Ein Volksfeind 1885 Die Wildente 1887 Rosmersholm 1888 Die Frau vom Meer 1891 Hedda Gabler 1892 Baumeister Solness 1897 John Gabriel Borkman 1899 Wenn wir Toten erwachen 1906 am 23. Mai in Kristiania (heute Oslo) gestorben
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
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