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kultur

28.07.2006 - TOURISMUS

Elefanten, die Polka tanzen

Eindrücke von Reisenden aus Übersee in Europa

von Josef Tutsch

 
 

Queen Victoria, gesehen von
einem Künstler an der Guinea-
küste (spätes 19. Jh.)

1774 kam der Polynesier Omai zu Besuch nach London. James Cook hatte ihn von seiner zweiten Weltumseglung mitgebracht. Omai muss sich köstlich amüsiert haben: die prunkvollen Hofzeremonielle, die Jagdausflüge, die Theater- und Bordellbesuche ... Sogar am Schlittschuhlaufen fand der Gast aus der sonnigen Südsee Gefallen. Als Cook zu seiner dritten Expedition ausrückte, ließ Omai sich folgende Souvenirs einpacken: eine Drehorgel, eine Elektrisiermaschine, ein Panzerhemd, eine Ritterrüstung und ein Marionettenspiel.

Typisch für England im Anbruch der industriellen Revolution? Omais Gastgeber werden enttäuscht gewesen sein, dass der Polynesier von den "eigentlichen" Leistungen europäischer Zivilisation so wenig beeindruckt war. Wahrscheinlich ist die Geschichte aber repräsentativ. Karl-Heinz Kohl, Professor am Frankfurter Frobenius-Institut, hat eine ganze Reihe solcher Berichte außereuropäischer Reisender aus Europa durchgesehen und ist zu einem verblüffenden Schluss gekommen: Technische Erfindungen, politische Errungenschaften und soziale Missstände werden nur selten zur Kenntnis genommen. Im Vordergrund steht das Alltagsamüsement, offenbar seit mehr als 200 Jahren eine der ganz großen Attraktionen Europas.

Europäische Teestunde, in
chinesischer Dartellung (um 1800)
Das ist um so verblüffender, als es europäische Reisende in Übersee offenbar ganz anders empfunden haben. Was die Schiffsmannschaft von Cooks französischem Kollegen Louis-Antoine de Bougainville 1768 auf Tahiti als Besuchsprogramm absolvierte, lässt sich bündig zusammenfassen: Sex, Sex und nochmals Sex. Die Zeitgenossen sprachen dezenter vom Erlebnis glücklicher nackter Menschen im Paradies, ohne Scham und ohne Schuld. "Ich trug möglichst Sorge, dass die Insulaner durch unser Schiffsvolk nicht mit venerischen Krankheiten angesteckt würden, weil dieses Übel vermutlich nicht bei ihnen bekannt ist", behauptete Bougainville.

Einen ähnlichen Kulturschock, aber umgekehrt, erlebte König Kalakaua von Hawaii, als er 1881 ein paar Tage in Wien verbrachte. Es müssen Tage (oder vielmehr Nächte) mit Oper, Prater, Wein und Walzer gewesen sein. Der König, der den Wienern vermutlich als Repräsentant einer sinnnenfrohen Südsee vorkam, fand jene Vergnügungen, die seinem eigenen Volk seit einem halben Jahrhundert von puritanischen Missionaren ausgetrieben worden waren. "Kann es möglich sein", wunderte sich Kalakaua in einem Brief an seine Schwester, "dass alle diese unbeschwerten, glücklichen Menschen zur Hölle fahren?"
Belgischer Offizier
im Kongo (19. Jh.)
Vergnügungsmöglichkeiten - davon war auch der Afrikaner Amur bin Nasur beeindruckt, der sich Ende des 19. Jahrhunderts als Sprachhelfer für Suaheli in der neuen deutschen Hauptstadt Berlin aufhielt: die Theater, das Wachsfigurenkabinett, die kaiserlichen Militärparaden, die afrikanischen Waffen und ägyptischen Mumien im Museum, die Tierhäuser im Zoologischen Garten und die Zirkusaufführungen mit Löwen, die auf Pferden reiten, und Elefanten, die mit Tüchern im Rüssel Polka tanzen.

Touristeneindrücke eben. Sicherlich haben auch damals schon die Einwohner (oder sollte man "Eingeborene" sagten?) darauf geachtet, dass Besucher möglichst nichts zu Gesicht bekamen, was dem Bild des Gastlandes abträglich sein könnte. So etwas wie "Zivilisationskritik" hat Kohl in den Reiseberichten aus Europa nicht finden können. Mit einer berühmten Ausnahme: 1920 erschienen unter dem Titel "Papalagi" die "Reden des Südsee-Häuptlings Tuivaii aus Tiavea", worin europäische Sitten ausführlich und schonungslos kritisiert wurden. Man reiche dem Europäer, heißt es dort, "ein blankes, rundes Stück Metall oder ein großes, schweres Papier – sogleich leuchten seine Augen, und viel Speichel tritt auf seine Lippen. Geld ist seine Liebe, Geld ist seine Gottheit. Alle die Weißen denken daran, auch wenn sie schlafen.

 
Versätndigungsversuch in South Dacota
(1909).- Alle Bilder aus dem Museum
für Völkerkunde Hamburg
Zu schade – inzwischen hat sich herausgestellt, dass der "Übersetzer" Erich Scheurmann diese Reden von A bis Z selbst verfasst hat. Es handelt sich um europäische Selbstkritik, nichts anders als im 18. Jahrhundert Montesquieus "Persische Briefe" und Goldsmith’ "Weltbürger". Darin läst Goldsmith seinen chinesischen Philosophen mokant bemerken, dass der Platz eines Königs bald ausgefüllt sei, während es der Welt bisweilen an Flickschustern fehle, um Schuhe zu flicken; oder Montesquieus persischer Reisender sinniert über die Gefahr, dass jemand ein Mittel entdecken könnte, "die Menschen aus der Welt zu schaffen und ganze Völker und Nationen zu vernichten". 

Berichte über Europäer, die von Europäern verfasst wurden, "im Karnevalskostüm des Wilden", sagt Kohl, oder jedenfalls Angehörigen außereuropäischer Kulturen in den Mund geschoben. Ein älteres Beispiel findet sich bei dem römischen Historiker Tacitus. Dort klagt ein Fremder die Römer an, dass sie "Räuberei fälschlich als Herrschaft bezeichnen, und wo sie Einöde schaffen, nennen sie das Frieden".

 
"Nickneger" aus Kevelaer, nach Einwer-
fen einer Spendenünze nickte die Figur
Nicht dass Kritik an Europa von den Reisenden aus Übersee unbedingt ausgespart würde. Kohl verweist auf die Referate der ersten chinesischen Diplomaten, die um 1866 die europäischen Hauptstädte besuchten. Missfallen erregten vor allem die parlamentarischen Regierungsformen: das chinesische Kaisertum mit unumschränkter Herrschermacht und langjährig amtierenden Regierungsmitgliedern sei bei weitem überlegen; die "falsche" Rangfolge der Geschlechter: wenn eine Frau den Raum betritt, müssten sich die Männer erheben; die mangelnde Achtung der Kinder vor den Eltern: so würden die Ehepartner nicht von den Eltern ausgewählt, sondern von den jungen Leuten selbst, oft sogar, schrecklich zu denken, von der Braut.

Offenbar eine Kritik, die an unserer eigenen Selbstkritik völlig vorbeigeht. "Der Blick des fremden Besuchers bleibt an die Bedingungen seiner Herkunftskultur gebunden", fasst Kohl zusammen. Bevor uns das groß verwundert, sollten wir fragen, was die "Eingeborenen" in Übersee umgekehrt über europäische Reiseeindrücke denken. In fünf Jahrhunderten Kolonialismus suchten die westlichen "Entdeckungsreisenden" in anderen Kontinenten Gold, Silber, Gewürze, Kaffee, Kakao, Pelze und Sklaven usw. usf. – Schätze, die nicht gerade das Selbstverständnis der außereuropäischen Kulturen ausgemacht haben werden. 1921 schrieb ein gewisser Wilhelm Volz über einen Stamm im malaiischen Urwald: "Sind das überhaupt schon Menschen?"


Auf dem Büchermarkt:
Karl-Heinz Kohl, Aus der Sicht der Anderen. Europa in den Berichten außereuropäische Reisender,
in: Das gemeinsame Haus Europa. Handbuch zur europäischen Kulturgeschichte (Museum für Völkerkunde Hamburg), herausgegeben von Wulf Köpke und Bernd Schmelz, München 1999




 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation


 

 

 

 

 

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