Berlin, den 15.12.2018 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

12.05.2006 - LITERATURGESCHICHTE

"Humoristisches" zur Geschichte des Humors

Streifzug durch einen literaturwissenschaftlichen Zettelkasten

von Josef Tutsch

 
 

Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel

Humor ist – ja was? "Wenn man trotzdem lacht", behauptete Otto Julius Bierbaum, der damit einen Beitrag zum deutschen Sprichwortschatz lieferte. "Würde, die sich auf einen Reißnagel setzt", schrieb George Orwell. "Der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt", sagte Joachim Ringelnatz. Solche witzigen (oder humoristischen?) Definitionen lassen bereits ahnen: Mit wissenschaftlicher Begriffsstrenge ist dem Humor schwer beizukommen. Hermann Wiegmann, Literaturwissenschaftler an den Universitäten Oldenburg und Tübingen, beruft sich auf den Duden: Humor als die "Gabe, den Alltäglichkeiten mit heiterer Gelassenheit gegenüber zu treten".

Und dann folgt noch eine persönlich gefärbte Anmerkung: "Bleiben wir vornehmlich beim Humor in seinen sympathischen Spielformen, die schockierenden oder gar verletzenden Varianten des Scherzes oder auch des Witzes sind für die anhängende Darstellung nicht von Interesse." Es ist ungewöhnlich, dass ein Buch mit wissenschaftlichem Anspruch seinen Gegenstand mehr nebenbei definiert. Aber Wiegmanns "Streifzug durch die Geschichte des literarischen Humors" will, wie der Verfasser im Vorwort beteuert, "unterhalten und belehren, aber eher unterhalten".

Till Eulenspiegel

Ob sich der Leser durch diesen Streifzug wirklich unterhalten fühlt, ist wohl eine Geschmacksfrage. Wiegmanns Absicht war offenbar, mit seinem Buch über den Humor ein humorvolles Buch zu schreiben. Kleine Kostprobe aus einem Abschnitt über Goethes Gedicht "Tagebuch", es geht um die Grillen von "Meister Iste": Wiegmann: "Muss man noch mehr sagen, was sich da regt als geheimnisvolles ‚Iste’, es ist, wie jetzt eigentlich unschwer zu erraten, aber nur bei einem solchen Dichter schlicht und einfach nicht zu erwarten und gar bestürzend scheinend – es ist das männliche Glied gemeint, ja, tatsächlich! Ich sagte schon , - ich kann nichts dafür, meine Damen und Herren!"

"Plauderton" nennt das Wiegmann. Aber zurück zum Inhaltlichen. Da ein Register fehlt, ist nicht ohne weiteres zu sagen, wie viel epische, lyrische und dramatische Werke von der griechischen Tragödie bis zu den Romanen von Günter Grass durchgesprochen und sozusagen auf Humoristisches durchgeprüft werden. Ein bisschen atemberaubend ist die Reise durch den Zettelkasten der Literaturgeschichte aber doch. Zwei Seiten über "Till Eulenspiegel", bloß eine über Eichendorffs "Taugenichts", immerhin vier, Zitate mitgerechnet, über Heinrich Heine. Und drei volle Seiten über Thomas Manns "Joseph"-Roman, mit dem in seinem Bezug zum Thema rätselhaften Satz "Der letzte Band zeigt übrigens ein größeres Erzähltempo als die vorhergehenden Bände."

Thales, der verlachte Philosoph

Bleiben wir ernsthaft: Bei solchen Gewaltmärschen sind Allgemeinheiten und Merkwürdigkeiten schwer vermeidbar. Vielleicht war es doch ein Fehler, dass Wiegmann jeder "wissenschaftlichen" Diskussion ausgewichen ist. Bereits die Anekdote aus Platons Dialog "Theaitetos" , die der Autor für den Titel seines Buches genutzt hat, verliert an Relief, wenn der platonische Kontext nicht mitgedacht wird. "Thales sei beim Studium des Himmelsgewölbes in einen Brunnen hineingefallen, weil er nicht auf den Weg geachtet habe, worauf eine thrakische Magd, die ihm nachgeschaut habe, in ein schallendes Gelächter ausgebrochen sei." Wiegmann: "Die humorvolle Perspektive erlaubt prinzipiell, einen Sachverhalt in seiner Bedeutung aus einer anderen Perspektive zu sehen." Also: "eine ausgesprochen komische Situation, die dem würdevollen Philosophen seine menschliche Begrenztheit handfest klargemacht hat".

Das entspricht auch dem ursprünglichen Sinn der äsopischen Fabel. Aber Platon, als er die komische Anekdote aufgriff und mit dem Namen des ersten aller Philosophen verknüpfte, dachte natürlich an die Tragödie des Sokrates. Der Spott über "alle diejenigen, die sich mit der Philosophie einlassen", deutet auf das Todesurteil des athenischen Volksgerichts voraus. Wiegmanns Bewertung ("es war wohl gerade kein schadenfrohes Gelächter, das die Thrakerin da anstimmte, - nein, es war das spontane herzliche Gelächter") geht an Platons Intention völlig vorbei. Aristoteles konterte Platons Philosophenbild mit einer anderen Anekdote: Thales hätte aufgrund seiner Kenntnisse vom Himmel eine reiche Ölernte vorausgesehen und daraufhin viel Geld verdient, bloß um zu beweisen, "dass Philosophen leicht reich sein können, falls sie wollen, aber dass dies nicht ihr Ziel sei".

Mark Twain

Aber das alles hat der Autor wohl gar nicht als zugehörig betrachtet. Statt dessen jeweils ein paar Absätze über dieses und jenes, von Boccaccio bis Voltaire, von Swift bis Erich Kästner, von Mark Twain bis Franz Josef Degenhardt. Pro Autor und Werk eine halbe oder ganze Seite, manchmal sogar etwas mehr, einschließlich der Textproben.

"Den interessierten Leser auf besonders lesenswerte Literatur aufmerksam machen": Dieses Ziel könnte Wiegmann vielleicht doch erreichen, der Streifzug durch den Zettelkasten bringt eben auch eine Menge von Appetithäppchen, Bekanntes und weniger Bekanntes (Goethe über "Meister Iste", wie oben). Auch Beispiele von unfreiwilliger Komik, Wiegmann nutzt seine Anmerkungen zur Geschichte des literarischen Humors gelegentlich zur Stilkritik, und zwar mit besonderer Vorliebe an renommierten Größen wie Günter Grass und Elfried Jelinek (oder, bei der Interpretationsliteratur, Theodor W. Adorno) – Passagen, die zu den unterhaltenderen im Buche gehören.

Ein wenig mehr Erkenntnisgewinn hätte sich der Rezensent aber doch von dem Literaturwissenschaftler gewünscht. Da bleibt Wiegmann leider sehr zurückhaltend. Die folgenden Sätze über den Erzähler Jean Paul, der in der deutschen Literatur ja als ein Klassiker des Humors gilt, sind beinahe schon ein Musterbeispiel an Ausführlichkeit und Präzision: "Menschliche Bemühungen sollen nicht zu Extremen und radikalen Positionen abgleiten, sondern sinnvoll in eine Gesellschaft integriert werden ... Liebevoll ruht sein Blick auf diesen so oft vergeblichen Anstrengungen, er ironisiert nie boshaft, sondern durchgehend gütig die menschlichen Allzumenschlichkeiten." Das gibt immerhin eine Vorstellung, worin der Unterschied zu Voltaires "reiner Verstandesironie" und "streng rationalistischer Diktion" bestehen könnte.


Neu auf dem Büchermarkt:
Hermann Wiegmann, Und wieder lächelt die Thrakerin. Zur Geschichte des literarischen Humors,
Peter Lang, Frankfurt am Main 2006 (ISBN 3-631-54727-7), € 29,80


Mehr im Internet:
scienzz artikel Poesie des Lachens





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


forschung


politik


innovation


kultur


campus


kontakt