|
|
| |
| |
09.06.2010 - SPORTGESCHICHTE
Fußball mit weißen Handschuhen
Wie ein Gentlemen-Sport zur Massenveranstaltung wurde
von Josef Tutsch
 | | Bild: Anton/Wikipedia
| | | Fußball, das Spiel der Spiele ... "Es beginnt auf dem Marktplatz“, ist in einem Bericht aus der Stadt Derby 1829 über das zu lesen, was damals in England "Football“ genannt wurde, "wo die Parteigänger jeder Gemeinde gegeneinander aufgestellt werden; dann, ungefähr um Mittag, wird ein großer Ball in ihre Mitte geworfen. Diesen versuchen sogleich einige der stärksten und aktivsten Männer jeder Partei zu ergreifen. Der Rest der Spieler schließt sich unverzüglich über ihnen zusammen, und schon hat sich eine dichte Masse geformt.“ Und dann sei es das Ziel jeder Partei, sich mitsamt dem Ball in die Richtung des gegnerischen Tores zu bewegen.
Offenbar waren die Spielregeln noch nicht so ausgefeilt wie heute; Schiedsrichter gab es sowieso nicht, es hätte auch niemand auf sie gehört. "Der Kampf um den Ballbesitz ist gewalttätig, und die Bewegung dieser menschlichen Welle, die sich ohne die geringste Bekümmernis um Konsequenzen auf- und niedersenkt, ungeheuerlich. Gebrochene Schienbeine, Schädelbrüche, zerrissene Jacken und verlorene Hüte gehören noch zu den geringeren Unfällen dieses fürchterlichen Wettkampfes, und häufig passiert es, dass Personen infolge des enormen Drucks hinfallen und kraftlos und blutend zwischen den Füßen des sie umringenden Mobs liegen bleiben."
Natürlich waren solche Raufereien keine Eigenart der britischen Inseln. Ähnliche Ballschlachten gab es bereits in der Antike, im europäischen Mittelalter waren sie besonders zur Fastnachtszeit beliebt – ein Austragungsmodus für Konflikte, die sich ansonsten auch viel blutiger hätten beilegen lassen. Gepflegtere Spielformen gibt es jedoch nicht erst in unserer Zeit. Bereits vor etwa 2000 Jahren, haben die Historiker herausgefunden, wurde in China so etwas wie Fußball nach Regeln gespielt; aus Literatur und Kunst ist belegt, dass sich auch die vornehmen Damen bei Hofe nicht zu fein waren, den Ball zu treten – ein Punkt, mit dem sich das moderne Europa lange schwer getan hat. Die "Erfindung" allerdings, so will es die Legende, war nicht ganz so vornehm. Kaiser Huangdi soll befohlen haben, den Magen eines getöteten Widersachers auszustopfen und zu einem Ball zu verarbeiten, den die Höflinge nach Kräften zu treten hatten.
 |
Vorform des Fußballs in Florenz, 17. Jh. Bild: Wikipedia
|
Gegen zuviel Rauheit im Sport hatten zart besaitete Gemüter wohl immer schon ihre Vorbehalte. Im 13. Jahrhundert malte der Zisterziensermönche Caesarius von Heisterbach das grausige Bild aus, wie die Teufel in der Hölle einer armen Seele "nach Art des Ballspiels" zusetzen. Man darf sich das ähnlich wie Tennis vorstellen: Zwei Dämonen-Mannschaften werfen den "Ball" mit ihren spitzigen Klauen hin und her. Anscheinend waren es solche Vorformen des Tennis, in denen sich Regeln bereits im hohen Mittelalter durchsetzten. So gaben beim Spiel in Klosterhöfen die Fensterreihen eine natürliche Begrenzung des Spielfeldes ab. Ging teures Glas zu Bruch, hatte der verantwortliche Spieler verloren.
Ein anderes Motiv für strenge Regeln lässt sich bereits an den mittelalterlichen Ritterturnieren nachvollziehen: Unparteiische Bewertung musste gelegentlich bedeuten, dass der Lehnsmann seinem Lehnsherrn überlegen war, und da wollte man sich auf klare Normen berufen können. Solche Probleme waren es wohl auch, die im 16. Jahrhundert zu den ersten Lehrbüchern des "calcio", eines fußballähnlichen Spiels in Italien, führten. Zum Beispiel Antonio Scaino, der 1555 ein Ballspielbuch veröffentlichte, war Berufsschiedsrichter beim Herzog von Ferrara und musste daher allzu oft gegen seinen Herrn pfeifen. Als 1580 ein Giovanni Bardi in Florenz sein Reglement für den "calcio" formulierte, schrieb er ausdrücklich fest, alle Unterstellungsverhältnisse aus der realen Welt müssten auf dem Spielfeld ruhen.
Bardi sah hierzu einen einfachen Weg vor: Spielentscheidend war die Zahl der Tore und nicht etwa die Schönheit des Spielens. Diesem objektiven Kriterium musste sich auch ein oberster Fürst beugen. Der Sportwissenschaftler Arnd Krüger ist sich denn auch sicher: Fußball als Mannschaftsspiel nach Regeln stammt aus der italienischen Renaissance. Der Fußballplatz vor der Kirche Santa Croce in Florenz, den Bardi im Sinn hatte, maß 100 mal 50 Meter; jede der beiden Mannschaften hatte 15 Spieler, die jeweils ihre Rolle als Ausputzer, Verteidiger, Mittelfeldspieler und Stürmer einhalten sollten.
 |
England gegen Schottland, 1872 Bild: Wikipedia
|
Das muss auch im Vergleich mit "unserem" modernen Fußball eine sehr gesittete Sportart gewesen sein. Krüger: "Im seidenen Sonntagsgewand nach der Kirche warf man sich nicht auf den Platz." Der Fußballhistoriker Christoph Bausenwein vermutet, dass erst im 19. Jahrhundert die englischen Public Schools diesen regulierten Fußball aus der italienischen Renaissance übernommen haben. Das entscheidende Jahr war 1863. Damals wurde die "Football Association" gegründet, und in ihr Reglement nahm sie eine Vorschrift auf, die bei einem Großteil der "Football"-Anhänger Anstoß erregte: Der Ball durfte nicht mit der Hand bewegt werden.
Den "Football“ mit der Hand bewegen? Jahrhunderte lang hatte sich daran niemand gestört, bei den populären Raufereien sowieso nicht. Wahrscheinlich bezog sich der Name "Football“, der erstmals 1314 auftauchte, gar nicht auf die Art des Kickens, sondern auf die Größe des Balls, der einen Durchmesser von circa einem "Fuß" haben sollte. Hinter den Auseinandersetzungen von 1863 stand auch die Rivalität der Studentenschaften von Cambridge und von Oxford. In Oxford wollten die Studenten ihren "Football" etwa nach Art von Rugby spielen, Cambridge setzte sich jedoch mit dem Verbot des Handspiels durch. Übrigens sind die Körperteile, einen Ball zu bewegen, mit Fuß und Hand (und Kopf) keinesfalls erschöpft. Bei Maya und Azteken beobachteten die spanischen Eroberer ein Ballspiel mit Knien und Hüften oder auch der gepanzerten Brust.
Zurück ins England des Jahres 1863. Bausenwein: "Diejenigen, die mit ihren Händen nichts anfassten, was mit Arbeit zu tun hatte, empfanden offensichtlich gerade das Spiel mit dem Fuß als besonders vornehm." Als 1857 der FC Sheffield gegründet worden war, hatte man festgelegt, dass die Spieler mit weißen Handschuhen und einem Zweishillingstück in der Hand anzutreten hatten. Waren die Handschuhe nach dem Spiel schmutzig oder das Geldstück verloren, so galt dies als Zeichen für unvornehmes Verhalten. Dieser Aristokraten-Fußball kam sogar ohne Schiedsrichter aus. Der wurde vom britischen Fußballverband erst installiert, nachdem der Gentlemen-Sport Eingang in die Arbeiterschaft gefunden hatte. 1891 wurde auch der Strafstoß eingeführt, und ein Kritiker empörte sich: "Es ist eine Beleidigung des Ansehens von Sportsleuten, wenn sie unter einer Regel spielen müssen, die unterstellt, dass die Spieler ihrem Gegner absichtlich ein Bein stellen, treten und schlagen und sich benehmen wie üble Kerle der gewissenlosesten Sorte."
 |
Heldenehrung für die Spieler von Bern 1954, vor dem Fritz-Walter-Stadion in Kaiserlautern - Bild: Kandschar
|
Etwa um die Jahrhundertwende vollzog sich eine noch viel tiefer greifende Wandlung des Fußballs: zum Event für Zuschauermassen. 1872 wollten bloß 2.000 Zuschauer das englische Cup-Finale sehen, 1901 barst der Londoner Crystal Palace mit 111.000 "Fans" aus allen Nähten. Unvermeidlich, dass dann die Werbung sich der Sache bemächtigte. Im Mai 1987 soll es bei einem live übertragenen Spiel USA Toronto gegen Pittsburgh einundzwanzig Freistöße gegeben haben, elf davon wurden angeblich im Auftrag der Fernsehgesellschaft CBS gepfiffen, die Zeit für die Einspielung von Commercials gewinnen wollte.
Sport und Geld ... Bei den Olympischen Spielen hat der Fußball lange Zeit darunter gelitten, dass "eigentlich“ ja nur Amateure zugelassen waren, im Klartext: Spieler, die von Haus aus genügend Geld hatten, um nicht auf Einnahmen aus ihrer sportlichen Tätigkeit angewiesen zu sein. Andererseits wurde vor ein paar Jahren in Deutschland ernsthaft vorgeschlagen, die Fernsehgebühren zu erhöhen, damit die Fußballclubs ihren Profis höhere Gehälter zahlen könnten. In der heutigen Massenkultur sind eben wenige Dinge so fraglos verankert wie der Fußball. Ganz neu ist diese Verehrung von Spitzensportlern übrigens nicht. "Es gibt keinen größeren Ruhm für einen Mann, solange er lebt, als das, was er mit seinen Armen und Beinen vollbringt“, ließ Homer einen seiner Helden sagen. Eine Moral, die allerdings niemals unumstritten war. "Höher als alle Kraft der Männer und der Rosse steht Weisheit. Was nützt einer Stadt ein Wettsieg ihrer Söhne?“, fragte um 500 vor Christus spöttisch der Philosoph Xenophanes. Vor wenigen Jahren lehnte sich der Graphiker Klaus Staeck mit einem Plakat daran an: "Ein Volk, das solche Boxer, Fußballer, Rennfahrer und Tennisspieler hat, kann auf seine Universitäten ruhig verzichten.“
Ganz ohne Satire: "Sieg oder Tod!" telegrafierte 1974 ein afrikanischer Staatspräsident der Fußballmannschaft seines Landes zur Weltmeisterschaft. Ob dergleichen immer nur Rhetorik ist? 1994 wurde ein kolumbianischer Nationalspieler ermordet. Kurz zuvor hatte er durch ein Eigentor seiner Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft die Niederlage bereitet. Weniger martialisch brachte der Erfolg bei der Fußballweltmeisterschaft 1954 in Bern in Deutschland das Gefühl hervor: "Wir sind wieder wer!“ – kaum ein Jahrzehnt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, das damals von weiten Teilen der Bevölkerung noch als Niederlage empfunden wurde. 1966 erkannte SED-Generalsekretär Walter Ulbricht den Spitzensportlern der DDR in aller Form eine staatliche Funktion zu: Wer durch hohe sportliche Leistungen das Ansehen des Arbeiter- und Bauernstaates hebe, dürfe auch auf eine Förderung durch Partei und Staat vertrauen.
|
 |
|
Das alte Wembley-Stadion Bild: Adrian Cable
|
Tatsächlich wusste die DDR ihr nationales Selbstbewusstsein wesentlich daraus zu ziehen, dass sie in vielen Sportarten neben den USA und der Sowjetunion als die dritte Großmacht auftreten konnte. In der alten Bundesrepublik war so etwas wegen des Wirtschaftswunders weniger nötig. Der Historiker Rudolf von Thadden hat diesen Aspekt der Teilung in den sarkastischen Satz gefasst: "D-Mark und Goldmedaillen bilden den Kern des deutschen Nationalbewusstseins.“
Sieg oder Tod ... Zum Glück werden die meisten, denen so etwas in den Sinn kommt, diesen Gedanken erschreckt wieder kassieren und sich erinnern, dass Fußball eben doch ein Spiel ist, trotz der Millionen, in der Kasse wie vor den Fernsehschirmen. Wie überhaupt so manches, was bei den Live-Übertragungen in Rundfunk und Fernsehen über die Mikrophone kommt, wohl doch nicht ganz zum Nennwert zu nehmen ist. Und auch nicht genommen wird; selbst offizielle Kirchenrepräsentanten regen sich nur noch selten auf, wenn vom "Fußballgott“ die Rede ist, wie weiland vom Gott der Kriege und der Schlachten. Eine wirklich hübsche Stilblüte ließ sich, nicht ohne Ironie, der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar einfallen, als er über einen Anfang der 1930er Jahre hochverehrten Fußballer schrieb: "Er hatte sozusagen Geist in den Beinen, es fiel ihnen im Laufen eine Menge Überraschendes, Plötzliches ein.“
Auf dem Büchermarkt: Schneller, höher, weiter. Eine Geschichte des Sports, herausgegeben von Hans Sarkowicz, Frankfurt am Main und Leipzig 1996
Mehr im Internet: Fußball - Wikipedia Der getretene Magen, scienzz 27.03.2006 Im schwarz-rot-goldenen Meer, scienzz 06.06.2008
 |
Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur |
|
|
|
| |
|
 |
Die EU-Kommission erwägt, den Mitgliedsstaaten freie Hand für Verbot oder Zulassung des Anbaus genetisch manipulierter Pflanzen zu geben. Dies teilte die Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel in Brüssel mit.
Amerikanische Ärzte glauben, ei- nem Impfstoff gegen AIDS näher gekommen zu sein. Sie modifizierten ein menschliches Protein, das in abgewandelter Form auch bei Nachtaffen vorkommt und die Ausbreitung des HI-Virus bremst, derart, dass es die gleiche hemmende Wirkung entwickelt.
Ab sofort soll die Meteorologische Organisation der UNO (WMO), ein weltumspannendes Informationssystem über Klimadaten aufbauen. Dies beschloss die Weltklimakonferenz der WMO in Genf.
Die Spucke einer südamerikani- schen Zeckenart könnte die Krebsbe- kämpfung revolutionieren. Ärzte vom Butantan-Institut in Sao Paulo stellten fest, dass die Spucke Krebszellen abtötet.
Bei geschlossener Schneedecke fressen Kohlmeisen Zwergfledermäuse, die sich im Winterschlaf befinden. Diese flexible Anpassung an das Futterangebot haben Max-Planck-Ornithologen in einer Höhle in Ungarn beobachtet. Sobald anderes Futter verfügbar war, verloren die Meisen ihr Interesse an den Fledermäusen.
28.08.2009 - ÖKOLOGIE
Wissenschaftler und das Bundesamt für Naturschutz fordern ökonomische Wertung ökologischer Leistungen. > mehr
 |
Gesichter der Goethezeit > mehr
|
 |
Ungleiche Geschwister - Philosophie und Religion > mehr
|
 |
Klassische Denker der Politik und Soziologie > mehr
|
 |
Das Papsttum - Glanz und Elend einer zweitausend- jährigen Geschichte > mehr
|
 |
Charles Darwin und der Streit um die Evolutions- theorie > mehr
|
 |
Bilder, Worte, Wirklich- keiten > mehr
|
Weitere Scienzz Dossiers > mehr
Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.
Im Dschungel von Papua-Neugui- nea entdeckten Wissenschaftler vom Smithsonian Nationalen Museum für Naturkunde in Washington ein Nagetier, das die Größe eines Dackels erreicht. Die Riesenratte misst gut 80 Zentimeter und wird anderthalb Kilogramm schwer.
Der Schwanz, den Geckos auf der Flucht vor Verfolgern abwerfen, kann noch bis zu einer halben Stunde lang tanzende Bewegungen vollführen und den Feind auf diese Weise ablenken, so Zoologen der Clemson University in South Carolina.
Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.
In einem erloschenen Vulkan auf der Osterinsel entdeckten Forscher der Universität von Manchester einen Steinbruch. Aus dieser Quelle könnten auch die roten Hüte stammen, die viele der legendären Riesenfiguren tragen, vermuten die Wissenschaftler.
Der deutsche Bundestag hat alle im Zweiten Weltkrieg gegen "Kriegsverräter" ausgesprochenen Urteile mit den Stimmen aller Fraktionen aufgehoben. Die Anlässe für diese Urteile reichten von politischem Widerstand und der Hilfe für verfolgte Juden über kritische Äußerungen über Krieg und Nazis bis hin zu Schwarzmarktgeschäften.
... LEUTE in scienzz |
03.08.2009 - MATHEMATIK Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin
"Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr
17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE
EVIDENCE how do we know what we know?
"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr
Anzeigen

|