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09.05.2006 - KUNSTGESCHICHTE

Entdeckung des Individuums, Annahme des Alters

Dürers Mutter - Ausstellung im Berliner Kupferstichkabinett

von Josef Tutsch

 
 

Albrecht Dürer, Bildnis der Mutter
Barbara (Kohlezeichnung), 1516
(SMB, Kupferstichkabinett)

So genau weiß man es bei keinem Werk zuvor in der Kunstgeschichte und bei wenigen danach. Albrecht Dürers Bildnis seiner Mutter entstand am dritten Fastensonntag des Jahres 1514. Es war das Jahr, in dem Dürer seine Meisterstiche schuf: "Ritter, Tod und Teufel", "Hieronymus im Gehäuse" und "Melencolia I". Aber auch die Kohlezeichnung, die sich heute im Berliner Kupferstichkabinett befindet, hat Epoche gemacht. Es handelt sich um das erste "echte" Porträt einer alten Frau, ganz individuell und lebensnah, ohne jede Typisierung.

Die Berliner Staatlichen Museen haben dem Blatt eine Sonderausstellung gewidmet: "Schönheit, Alter und Tod im Bild der Renaissance". Das kunsthistorische Umfeld bekräftigt mehr die Sonderstellung von Dürers Werk, als dass es sie erklären könnte. Streng genommen, lässt sich gar nicht von einem "Werk" sprechen: Dürer zeichnete nicht für einen Auftraggeber oder für den "Kunstmarkt", sondern für sich selbst. Er wusste, dass seine Mutter Barbara, 63 Jahre alt, von Krankheit und Arbeit verzehrt, nicht mehr lange zu leben hatte; zwei Monate später ist sie gestorben.

Niklaus Manuel
Deutsch, Hexe, um
1518 (SMB)

"Auch behält das Gemälde die Gestalt der Menschen nach ihrem Sterben": Diesen Satz hat der Kurator der Ausstellung, Michael Roth, in Dürers Entwürfen für sein Lehrbuch der Malerei gefunden und als eine Art Motto über die Ausstellung gesetzt. Ob Dürer damit wirklich eine Theorie des persönlichen Erinnerungsbildes formulieren wollte, ist bei dem abgerissenen Stil dieser Entwürfe schwer zu sagen. Zwei Jahre nach dem Bildnis der Mutter ist ein Porträtgemälde von seinem greisen Lehrer Michael Wolgemut datiert. Mag sein, dass Dürer es ebenfalls für sich selbst zur Erinnerung gemalt hat.

Ansonsten kommt jener Zeichnung  kein Kunstwerk am nächsten, sondern ein Blatt mit schriftlichen Aufzeichnungen Dürers, darunter ein Bericht vom Tod der Mutter. Die Organisatoren haben eine moderne Umschrift daneben gelegt, es lohnt sich, bei der Lektüre zu verweilen. Dass ein Künstler des frühen 16. Jahrhunderts seine Empfindungen beim Todeskampf der Mutter derart persönlich ("authentisch", möchte man sagen) äußern konnte, irritiert. Man müsste die Literatur der Zeit gründlich durchforsten, ob sich Vergleichbares finden lässt, etwa zu Dürers Feststellung, die Verstorbene habe viel lieblicher ausgesehen, als "da sie noch am Leben war" – was der Künstler jedoch, durchaus traditionell, im Sinne des Übergangs in eine bessere Welt deutet.

Albrecht Dürer, Kopf eines 93-ährigen Mannes, 1521 (SMB)

Die "Künstlermutter": Nach Dürer hat wohl erst Rembrandt dieses Thema wieder aufgenommen, bevor es dann seit der Empfindsamkeit im späten 18. Jahrhundert populär wurde: Chodowiecki, Rossetti, Whistler, Böcklin, Thoma, Leibl ... Das wäre Thema für eine andere, größere Ausstellung. Das Berliner Kupferstichkabinett befasst sich mit dem Alter um 1500. Und der Kontrast, der sich in Zeichnungen und Graphiken von Hans Baldung Grien, Hans Holbein dem Älteren, Matthias Grünewald, Martin Schongauer, dem Meister E.S. und eben auch Albrecht Dürer zu dem einzigartigen Blatt von 1514 zeigt, ist beinahe erschreckend. Alte Frauen waren keine Individuen, sondern entweder Figuren aus der Bibel und aus der Heiligenlegende (am beliebtesten Anna, die Großmutter des Heilands) oder aber Personifikationen des Negativen: Hinweise auf die Vergänglichkeit alles Irdischen und vor allem weiblicher Schönheit, Sinnbilder von Geiz und Wollust, wenn nicht schlicht und einfach Hexen.

Bei alten Männern war die Wertung ambivalent. Das Alter konnte einen Rückfall in Unreife bedeuten (populäres Motiv: der Philosoph Aristoteles als verliebter Narr), aber eben auch Würde und Weisheit. Zeitgenössische Parallelen zu Albrecht Dürers Zeugnis seiner Mutterliebe haben die Ausstellungsmacher nicht finden können. Immerhin scheint es, dass sein Familiensinn nicht ganz einzigartig dastand. Auch seine Kollegen zeichneten gern und häufig ihre Angehörigen. Aber in Dürers Bild kulminiert, wie Roth es ausdrückt, "die Entdeckung des Individuums, eines der Hauptkriterien des Humanismus und der nordalpinen Renaissance".

Der Philosoph als verliebter
Narr: Hans Baldung Grien,
Aristoteles und Phyllis, 1513
(SMB)
 

Das Wörtchen "nordalpin" deutet an, dass da eine schwierige Frage der Ideengeschichte zu klären ist. Jacob Burckhardt hat vor beinahe anderthalb Jahrhunderten in seinem klassischen Werk über die "Kultur der Renaissance in Italien" ein ganzes Kapitel mit "Die Entwicklung des Individuums" überschrieben. Es geht dort um die "Vollendung der Persönlichkeit", um den Ruhm und andererseits auch den Spott, aber nicht um Alter und Tod. Schwer glaublich, dass erst Dürer diesem emphatischen Individualitätsbegriff sein Anderes hinzufügte, das Bewusstsein von Vergänglichkeit und Verfall.

In seiner Proportionslehre hat sich Dürer auch theoretisch mit dem Problem des Individuellen in der Kunst beschäftigt. Ziel war die absolute Schönheit, aber, so vermerkt Roth, "auf der Suche fand Dürer naturgemäß auch deren Gegenteil. Er gelangte zu der Einsicht, dass das Persönliche – wie es sich im Antlitz der Mutter manifestiert – seine errechneten Proportionsregeln beugt". Streng logisch war der Widerspruch zwischen dem abstrakten Regelsystem und der lebendigen Individualität wohl nicht aufzulösen. Dürer führte einen sogenannten "Fälscher" in seine Theorie ein, einen Koeffizienten, der die Maßverhältnisse modifizieren sollte. Und dennoch münden die theoretischen Arbeiten in dem ehrlichen Eingeständnis: "Was aber die Schönheit sei, das weiß ich nicht.


Ausstellung
Dürers Mutter. Schönheit, Alter und Tod im Bild der Renaissance
bis 16. Juli 2006 im Kupferstichkabinett, Kulturforum Potsdamer Platz, Eingang Matthäikirchplatz, 10785 Berlin
geöffnet Dienstag, Mittwoch und Freitag 10 – 18 Uhr, Donnerstag 10 – 22 Uhr, Samstag und Sonntag 11 – 18 Uhr, Pfingstmontag 10 – 18 Uhr; am Dienstag nach Pfingsten geschlossen



Mehr im Internet:
Staatliche Museen zu Berlin
Albrecht Dürer

 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

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