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29.05.2006 - MYTHOLOGIE

Platon und der Jardin du Luxembourg

Ein französischer Historiker über die Suche nach Atlantis

von Josef Tutsch

 
 

Fillmplakat von 2001

Jesus kann kein Jude gewesen sein. Das war im frühen 20. Jahrhundert eine weit verbreitete Überzeugung in Deutschland. Aber was war er dann? Dass die alten Germanen bis nach Galiläa gekommen wären, schien doch allzu gewagt. Alfred Rosenberg, später Chefideologe des Dritten Reiches, verfiel auf eine Idee: Jesus stammte von den "Atlantern" ab, jenem sagenhaften Volk, von dessen Untergang beim antiken Philosophen Platon zu lesen war. Nach dem Versinken ihrer Insel im Meer hatten sich Überlebende auf den Weg ins nördliche Europa gemacht, wo sie die Vorfahren der Germanen wurden, und ebenso auf den Weg nach Galiläa.

Auch eine Art, Platon zu lesen ... Der französische Historiker Pierre Vidal-Naquet, Professor an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris, ist der Geschichte des Atlantis-Mythos nachgegangen, von Platons Dialogen "Timaios" und "Kritias" (geschrieben um 355 vor Christus) bis – nein, nicht bis zu Rosenberg. Die Geschichte ging weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg "bewies" der schleswigsche Pastor Jürgen Spanuth in mehreren Büchern, dass die Hauptstadt von Atlantis Helgoland war. Der griechische Archäologe Spyridon Marinatos fand viel Beifall, als er Atlantis mit Santorin identifizierte, der Vulkaninsel in der Ägäis. 2002 stellte der italienische Journalist Sergio Frau die Behauptung auf, Atlantis sei nichts anderes als Sardinien. Wer sich von der Aktualität des Themas überzeugen will, braucht bloß in die (pseudo)historischen Magazine von Presse und Fernsehen zu schauen: Alle paar Monate verkündet dort jemand, er habe die untergegangene Insel gefunden.

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Der Atilantik mit der Insel Atlantis auf
einer Karte von Athanasius Kirchner, 1665
(Norden liegt unten!)
 

Vidal-Naquets "kleine Geschichte eines platonischen Mythos", wie der französische Untertitel lautet, ist auch eine Geschichte des ungenauen Lesens. Atlantis sei die Insel des Paradieses, heißt es etwa bei Frau immer wieder. Das war es bei Platon mitnichten. Die unbegrenzten Reichtümer waren im Sinne seiner politischen Ideale vielmehr ein Vorzeichen drohenden Untergangs. Santorin in der Ägäis, Sardinien im Mittelmeer, Helgoland in der Nordsee? Platon sprach eindeutig vom Atlantik, jenseits der Straße von Gibraltar, und behauptete, seine Insel sei größer gewesen als Asien und Afrika zusammen. Ein Untergang vor mehr als 9.000 Jahre, wie Platon schrieb? Jedenfalls schwer zu vereinbaren mit der Datierung des Vulkanausbruchs von Santorin um die Mitte des 2. Jahrtausends vor Christus.

Vidal-Naquet hat zweifellos recht mit seiner lapidaren Feststellung: Der Ursprung von Atlantis liegt in Platons Phantasie. Platons Interpreten haben den Text realistisch missdeutet, sozusagen als Leitfaden für Unterwasser-Archäologie. Dabei sind in der "kleinen Geschichte" die merkwürdigsten Entdeckungen von vornherein beiseite gelassen oder allenfalls am Rande erwähnt. Zum Beispiel machte der Geologe Jacques Collina-Girard – in Übereinstimmung mit Platons Chronologie und Geographie –Atlantis westlich von Gibraltar in der letzten Eiszeit aus, leider nur als recht kleine Inselgruppe und ohne jene reiche Fauna und Flora, von der Platon sprach. Vidal-Naquet: "Wenn man so verfährt, könnte man glatt vorschlagen, Atlantis im Wasserbecken des Jardin du Luxembourg anzusiedeln."


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Platon, der phantasievolle
Schriftsteller

Aus Platons Dialogen "Timaios" und "Kritias":
"Vor den Säulen des Herakles befand sich eine Insel, größer als Asien und Libyen zusammengenommen."
"Das meiste für den Lebensbedarf lieferte die Insel selbst, die Feldfrüchte, die zur Nahrung dienen, und das, was wir außerdem zu unserem Unterhalt benutzen, dieses alles brachte die heilige, damals noch von der Sonne beschienene Insel schön und wunderbar und in unbegrenztem Maße hervor."
"Als aber der von dem Gotte herrührende Bestandteil ihres Wesens, häufig mit häufigen menschlichen Gebrechen versetzt, verkümmerte und das menschliche Gepräge die Oberhand gewann, da vermochten sie bereits nicht mehr ihr Glück zu ertragen, sondern entarteten."
"Indem in späterer Zeit gewaltige Erdbeben und Überschwemmungen eintraten, wurde auch die Insel Atlantis durch Versinken in das Meer den Augen entzogen."



Was Platon mit seiner Geschichte beabsichtigte, wird klar, wenn man auch den Kontext liest. Atlantis ist das negative Gegenbild zu einem "Ur-Athen", in das Platon seine eigenen Vorstellungen vom idealen Staatswesen projizierte. Anders gesagt: Im Untergang von Atlantis spiegelt sich der Niedergang des neuen Athen aufgrund der Politik, die nach den Perserkriegen eingeschlagen wurde und die Platon bekanntlich verurteilt hat. Man braucht die Urteile oder Vorurteile des Philosophen nicht zu teilen. Aber die Erfindung "Atlantis" muss, davon abgetrennt, missverstanden werden, und erst recht, wenn der Leser Platons herrlich fabulierende Schreibweise platt realistisch nimmt.

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Olof Rudbeck erklärt seine
Theorie von Atlantis
 

Bemerkenswert, dass solche Verzeichnungen in der Antike noch selten sind. Die große Zeit des Atlantis-Mythos kam erst mit dem Ausgreifen Europas nach Übersee zu Beginn der Neuzeit. Zum Beispiel fand 1552 ein gewisser Francisco de Gomara in den neuentdeckten Landstrichen Amerikas all jene Herrlichkeiten wieder, die Platon an Atlantis beschrieben hatte, und außerdem sagten die Mexikaner zu Wasser "atl". Ein wahrhaft schlagendes Argument! Dass dieses Atlantis-Amerika offenbar nicht untergegangen ist, scheint ihm als Widerspruch gar nicht aufgefallen zu sein.

Noch ein paar Beispiele aus dem Kuriositätenkabinett, das Vidal-Naquet da aufbereitet. Um 1700 erklärte der schwedische Gelehrte Olof Rudbeck, Atlantis liege vielmehr im hohen Norden, eben in Schweden, und "Atlas" sei im übrigen der Sohn Japhets, also ein Enkel des Noah in der Sintflutgeschichte. 1717 schrieb der Orientreisende Pitton de Tournefort, die Kanarischen Inseln, die Azoren und Amerika seien "vielleicht Überreste der von Platon beschriebenen berühmten Insel Atlantis", und verwies ebenfalls auf Noah. Ein Übermaß an Wasser: Durfte man nicht zwischen der biblischen Sintflut und Platons Atlantis einen Zusammenhang mutmaßen?

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Beispiel für viele:Atlantis
als Urheimat der Arier

Diesen Gedanken walzte 1882 der amerikanische Erfolgsschriftsteller Ignatius Loyola Donnelly aus. Atlantis, eine große Insel im Atlantik, schrieb Donnelly, "war die wahre vorsintflutliche Welt", "die Region der Welt, wo der Mensch zum ersten Mal den Aufstieg von der Barbarei zur Zivilisation vollzog", "der ursprüngliche Familienbesitz aller arischen oder indoeuropäischen Nationen, aber auch der semitischen, vielleicht gar der Turkvölker". Nur dass die "schreckliche Konvulsion der Natur", der die Insel zum Opfer gefallen sein soll, in der Erdgeschichte leider nicht nachweisbar ist.

Dafür musste in der Rekonstruktion eines vorzeitlichen atlantisch-germanischen Weltreichs von Tunesien bis Troja, die Albert Herrmann 1934 vorlegte, der Inselcharakter von Atlantis entfallen. Er wolle sich an "Tatsachen" halten, schrieb der "seriöse" Professor aus Berlin im Vorwort, und keinen waghalsigen Sprung in den Atlantik unternehmen. Das war, wie Vidal-Naquet darlegt, eine Spitze gegen Karl Georg Zschaetzsch, der 1922 in einer (unglücklicherweise nicht nachweisbaren) Atlantikinsel die "Urheimat der Arier" gefunden hatte. Der beigefügten Karte zufolge war dieses Atlantis – Ursprung der Germanen, aber anscheinend auch der Griechen, der Inder und der Inkas – allerdings recht klein, kaum größer als Spanien.

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Aus einem Atlantis-Film von 1961

Zschaetzsch hatte wohl so etwas wie eine politische Utopie im Sinn. "Ohne arische Grundsätze kann eben kein Staat bestehen", zitiert der französische Historiker aus dem Buch. Vidal Naquet führt nicht aus, wie das gemeint war. Sollte der Untergang von Atlantis als warnendes Beispiel aufgeführt werden, was droht, wenn man die "arischen Grundsätze" außer acht lässt? Solche Flüchtigkeiten im Gedankengang sind unserem Historiker leider des öfteren unterlaufen. Bei dem Übermaß an Phantasterei, das da in der Entdeckungsgeschichte von Atlantis praktiziert wurde – als Interpretation eines antiken Klassikers, der alle literarischen Qualitäten besitzen durfte, nur eben eine nicht: Phantasie – mag ihm gelegentlich der Geduldsfaden gerissen sein.


Mehr im Internet:
Atlantis


Neu auf dem Büchermarkt:
Pierre Vidal-Naquet, Atlantis. Geschichte eines Traums,
aus dem Französischen von Annette Lallemand,
Verlag C. H. Beck, München 2006 (ISBN 3-406-54372-2), 19,90 €







Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

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