Von sterbenden und lebenden Sprachen - mitten in Europa
von Josef Tutsch
Zweisprachiges Schild in Nordfriesland
Tag für Tag sterben Tierarten aus. Das hat sich herumgesprochen: Die vollendete Herrschaft des Menschengeschlechts über die Erde bringt für andere Spezies die größte Katastrophe mindestens seit dem Ende der Dinosaurier. Weniger bekannt ist, dass in unserer Zeit der Globalisierung in der menschlichen Kultur ein paralleler Prozess abläuft: Sprachen sterben. Man schätzt, dass heute etwa 6.000 verschiedene Sprachen gesprochen werden. In 100 Jahren, wenn die Erdbevölkerung vielleicht auf das Doppelte angewachsen ist, werden es kaum noch 600 sein.
Man kann das Phänomen sozusagen darwinistisch angehen. Wenn eine Sprache nicht imstande ist, sich an Veränderungen anzupassen, dann stirbt sie aus, das ist der Lauf der Dinge. West- und Mitteleuropäer werden sich auch mit dem Gedanken beruhigen, dass es vor allem die "primitiven" Sprachen in Übersee seien, denen dieses Schicksal droht. Aber erstens sind zum Beispiel die Sprachen der australischen Aborigines keineswegs primitiv, eben so wenig wie zum Beispiel Lateinisch primitiver wäre als seine romanischen Nachfolgesprachen.
Zweisprachiges Ortsschild in der Lausitz
Und zweitens droht der Sprachentod auch auf unserem Kontinent, in der Mitte Europas. In Sachsen und Brandenburg leben etwa 60.000 Menschen, die das Sorbische sprechen und verstehen – aber längst nicht mehr regelmäßig. Dem Obersorbischen um Bautzen werden noch Chancen eingeräumt, das Niedersorbische um Cottbus gilt akut als Todeskandidat. "Primitiv"? Die obersorbische Grammatik kennt nicht vier Fälle des Substantivs, sondern gleich sieben sowie beim Verbum eine zweite Imperfektform. Dafür kennt das Niedersorbische eine zusätzliche Infinitivvariante. Beide Sprachen benutzen neben Singular und Plural noch einen Dual.
Der andere Fall ist das Friesische an der Nordseeküste. Ostfriesisch ist in den 1950er Jahren, unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, ausgestorben. Für das Nordfriesische werden heute etwa 10.000 Sprecher angenommen, in neun (neun!) Dialekten – ebenfalls ernsthaft gefährdet. Es gibt auf Föhr und auf Amrum nur noch einige wenige Familien, wo die Sprache an die Jüngeren weitergegeben wird. Bisher überlebt hat auch die besondere Variante des Saterfriesischen, knapp 2.000 Sprecher in der Gemeinde Saterland bei Cloppenburg.
Saint-Exupérys "Kleiner Prinz" auf Gälisch
Man kann nicht einmal sagen, dass die Behörden untätig wären. In Cottbus und in Bautzen gibt es sorbische Straßenschilder, auf Helgoland und in Teilen Schleswig-Holsteins hat Nordfriesisch den Status einer Amtssprache. Und privat existieren ein nordfriesisches Radioprogramm und ein obersorbisches Online-Wörterbuch. Wissenschaftlich sind diese Minderheitensprachen in Mitteleuropa jedenfalls gut dokumentiert – anders als tausende Sprachen in Übersee. Aber sprachpolitisch, wenn man so sagen darf, sieht es eher dunkel aus.
Was braucht eine kleine Sprache, um zu überleben? Iwrit, das Neuhebräische, bietet den Fall, dass es sogar möglich ist, eine uralte, bloß noch religiös gebrauchte Sprache derart wiederzubeleben, dass sie nicht nur Amtssprache eines Staates wird, sondern Millionen Menschen als alltägliches Verständigungsmittel dient und eine lebendige Literatur ausbildet. Aber das ist ein Einzelfall. Der politische Wille allein macht es nicht, das zeigt der begrenzte Erfolg, den die Republik Irland mit ihren Bemühungen erzielt, das Irische oder Gälische am Leben zu halten. Zur Verständigung im Alltag wird Gälisch vermutlich von weniger als 5 Prozent aller Iren genutzt. immerhin schätzt man, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung die offizielle Nationalsprache wenigstens etwas beherrscht.
Das Vaterunser auf Provenzalisch
Gälisch gilt als Grundlage der nationalen Identität, das begründet den Willen, die Sprache in die Zukunft zu retten. Ähnlich versuchen die Behörden in Wales, durch die Förderung des Walisischen ihrem Teil des Vereinigten Königreiches ein Stück Eigenständigkeit zu sichern. Als Menetekel steht das Schicksal des Manx vor Augen: 1974 ist auf Man der letzte Bewohner, der die Inselsprache von Kindheit an beherrschte, gestorben. Andererseits hält sich in der französischen Bretagne hartnäckig das Bretonische, heute bei immerhin 5 Prozent der Bretonen die Alltagssprache. Hier fehlte Jahrhunderte lang nicht bloß jede staatliche Unterstützung, die Pariser Zentrale war vielmehr nach Kräften bemüht, das gesamte Staatsgebiet auf das Französische festzulegen.
Der akademische Betrieb in den deutschsprachigen Ländern hat diese ganze keltische Sprachfamilie links liegen gelassen, Keltologie wird gerade mal als Anhängsel der allgemeinen Sprachwissenschaft betrieben, und nicht besser geht es der keltischen Kulturgeschichte, trotz aller Impulse, die von dort auf Europa ausgegangen sind (Stichworte: König Artus, Parzival und der Gral, Tristan und Isolde). Ebenso ist das Okzitanische oder Provenzalische, jene romanische Sprache, in der sich die ritterliche Kultur des Mittelalters am frühesten ausgebildet hat, heute ein Stiefkind der Romanistik. Unnötig zu sagen, dass Friesisch in der Germanistik und Sorbisch in der Slawistik erst recht nur am Rande vorkommen.
Frédéric Mistral: Klassiker des Neuprovenzalischen (1830-1914)
Geblieben ist von der alten Herrlichkeit Okzitaniens nur, dass im Süden Frankreichs zwei bis drei Millionen Menschen, ein Zehntel der Bevölkerung, diesen oder jenen okzitanischen Dialekt als Umgangssprache benutzen. In vielen Städten findet man zweisprachige Orts- und Straßenschilder; aber das hat mehr mit Tourismus zu tun. Die Zentralisierung Frankreichs ist hier weitgehend durchgedrungen. Und dann ist im Val d’Aran, jenseits der spanischen Grenze in Katalonien, eine lokale Variante des Okzitanischen, das Aranesische, Amtssprache. Das Pyrenäental hat sich auf diese Weise ein kleines Stück Weltruhm gesichert.
Versuche, die Literatursprache wieder zu beleben, blieben – trotz eines Nobelpreisträgers: Frédéric Mistral für sein Epos "Miréio" – akademisch. Es wird schwierig für eine Sprache, wenn sie nicht mehr für öffentliche Belange verwendet werden kann oder darf. Natürlich gibt es auch intern Konkurrenz. Neuere Anläufe in Toulouse, eine okzitanische Hochsprache zu kodifizieren, werden in der Provence von vielen abgelehnt.
Klassiker des Nieder- deutschen: Frtz Reuter (1810-1874)
Ähnlich sind im Plattdeutschen die vielen Dialekte durchaus lebendig, gelegentlich sogar als Literatur (populäres Beispiel: Fritz Reuter in Mecklenburg), hat aber keine normierte Schriftsprache ausgebildet. Für das Rätoromanische wurde in den 1970er Jahren auf der Grundlage von fünf sehr unterschiedlichen Dialekten in Graubünden eine neue Schriftsprache entwickelt, Erfolg offen.
Noch ein Fall, der sich für Quizsendungen eignen könnte. Welche germanische Sprache wurde 1928 in einem Autonomen Gebiet im Fernen Osten, an der chinesischen Grenze, zur Staatssprache erklärt? Es ist das Jiddische. Trotz einiger Anläufe, alle Juden der Sowjetunion, die als "bürgerlich" verdächtigt wurden, dort zusammenzuziehen, erreichten die Juden niemals die Bevölkerungsmehrheit. Aber quasi zum Ausgleich wurde in der Sowjetrepublik Weißrussland dem Jiddischen sein halboffizieller Status nach wenigen Jahren wieder aberkannt.
Jiddischer Nobelpreisträger: Isaac Bashevis Singer (1904-1991)
Jiddisch entstand im Mittelalter auf mittelhochdeutscher Grundlage mit hebräischem Hintergrund, wurde später von den slawischen Sprachen Osteuropas mitgeprägt, steht heute stark unter englisch-amerikanischem Einfluss. Trotz aller Verfolgungen: Jiddisch ist nicht nur in New York, sondern auch in London, Antwerpen und Jerusalem nach wie vor eine lebendige Sprache, neben und mit den jeweiligen Mehrheitssprachen. Es gibt weltweit rund 100 jiddischsprachige Zeitungen und Radioprogramme sowie eine blühende Literatur, die 1978 mit Isaac Bashevis Singer ihren Nobelpreisträger erhielt.
Fernsehprogramme: Das wäre vielleicht ein geeignetes Mittel, gefährdete Sprachen für den Alltag zu bewahren. Aber wenn das kommerzielle Interesse fehlt ... Noch ein Stück schwieriger wird es, wenn die Sprache in der Lage sein soll, komplexe Sachverhalte der modernen Welt auszudrücken. Da hat auch das Deutsche seine Probleme, mit der Perspektive, nicht etwa zu "sterben", aber sich auf Teilfunktionen zurückzuziehen.
Rätoromanisches Schild in Graubünden
Immerhin soll bereits ein deutscher Ministerpräsident (übrigens beifällig) sinniert haben, dass unsere Arbeitswelt irgendwann ganz und gar englischsprachig wird. In Gegenden, wo ein Dialekt noch lebendig ist, findet sich ja Vergleichbares: Im Betrieb und auf dem Rathaus wird Hochdeutsch gesprochen, in der Familie und, je nachdem, im Freundeskreis, der Dialekt. Tatsächlich werden ja im Wissenschaftsbereich Bücher oder Internetprogramme oft ausschließlich in Englisch abgefasst.
Noch näher liegt aber die Aussicht auf das "Denglish" (in Frankreich sagt man "Franglais"), wo nur noch Wörter wie "sein" und "haben" muttersprachlich sind und der Rest englisch oder auch pseudo-englisch. Mustersätze geistern seit Jahren durch die kulturkritische Diskussion. "Mit dem neuen Standby oneway Upgrade-Voucher kann direkt beim Check-in das Ticket aufgewertet werden", aus dem Informationsblatt einer Luftverkehrsgesellschaft. Nun ja, solange dergleichen noch als Kuriosum empfunden wird, kann das Deutsche nicht ganz tot sein.
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
Fukushima 1: Arbeiter wagen sich in Reaktorgebäude 1. Erstmals seit der Zerstörung am 11. März 2011 haben nun Arbeiter des Betreibers Tepco das Gebäude von Reaktorblock 1 betreten. Sie sollen Filtersysteme einbauen um die radioaktiv verseuchte Luft im Gebäude zu reinigen. Sie dürfen sich jedoch nur jeweils 10 Minuten im Gebäude aufhalten. Drei Gruppen sollen sich mit dem Einbau abwechseln.
Q-Cells Vorstandsmitglied Rauter hat sein Amt auf eigenen Wunsch mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Der Aufsichtsrat der Q-Cells hat dem in seiner Sitzung am 4. Mai entsprochen. Gerhard Rauter (53) war seit Oktober 2007 als Chief Operation Officer (COO) für Q-Cells tätig und zuletzt für Produktion und Technologie verantwortlich.
Weltmarktführer: BELECTRIC er- richtet 2010 über 300 MW PV-Leistung und installierte damit weltweit mehr PV-Leistung als jedes andere Unternehmen. Das geht aus einer Analyse des Marktforschungsinstitut IMS Research hervor. In 2011 will das Unternehmen aus dem bayerischen Kolitzheim bis zu 60 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens im Ausland realisieren.
Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.
Im Dschungel von Papua-Neugui- nea entdeckten Wissenschaftler vom Smithsonian Nationalen Museum für Naturkunde in Washington ein Nagetier, das die Größe eines Dackels erreicht. Die Riesenratte misst gut 80 Zentimeter und wird anderthalb Kilogramm schwer.
Der Schwanz, den Geckos auf der Flucht vor Verfolgern abwerfen, kann noch bis zu einer halben Stunde lang tanzende Bewegungen vollführen und den Feind auf diese Weise ablenken, so Zoologen der Clemson University in South Carolina.
Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.
In einem erloschenen Vulkan auf der Osterinsel entdeckten Forscher der Universität von Manchester einen Steinbruch. Aus dieser Quelle könnten auch die roten Hüte stammen, die viele der legendären Riesenfiguren tragen, vermuten die Wissenschaftler.
Der deutsche Bundestag hat alle im Zweiten Weltkrieg gegen "Kriegsverräter" ausgesprochenen Urteile mit den Stimmen aller Fraktionen aufgehoben. Die Anlässe für diese Urteile reichten von politischem Widerstand und der Hilfe für verfolgte Juden über kritische Äußerungen über Krieg und Nazis bis hin zu Schwarzmarktgeschäften.
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03.08.2009 - MATHEMATIK Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin
"Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr
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17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE
EVIDENCE how do we know what we know?
"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr