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22.06.2006 - PHILOSOPHIE
Das Ich, das Nichts und die Empörung
Vor 150 Jahren starb der Urvater der anarchistischen Theorie, Max Stirner
von Josef Tutsch
 | | Max Stirner (25.10.1806 -
25.6.1856) - Skizze von
Friedrich Engels
| | | "Der hohlste und dürftigste Schädel unter den Philosophen" (Karl Marx), "ein Ich-Verrückter, offenbar ein schwerer Psychopath" (Carl Schmitt), "aus der Armut und der Enge hervorgetriebenes Mittelmaß, ein rigoroser Monomane" (Jürgen Habermas): Es muss eine merkwürdige Figur sein, die aus prominenter Feder derartige Urteile auf sich gezogen hat.
Umso merkwürdiger, dass der Gescholtene seine Kritiker offenbar nicht losgelassen hat. Die erste große Auseinandersetzung schrieben Marx und Engels bereits wenige Monate, nachdem Max Stirners "Der Einzige und sein Eigentum" 1844 erschienen war. Und dieses Kapitel aus der "Deutschen Ideologie" über "Sankt Max", den verhinderten "Heiligen" und "ignoranten Schulmeister", ist weit umfangreicher als das Buch selbst! Die Brachialgewalt, mit der Stirner alle Voraussetzungen der Sozialphilosophie attackierte, muss Marx irritiert haben. "Ich hab mein Sach’ auf Nichts gestellt!" Dieses Goethe-Zitat hatte Stirner über sein Werk als Motto gesetzt. Von Marx aus gesehen, ein "kleinbürgerlicher" Individualismus, er wollte dem eine "realistische" Perspektive entgegen setzen, mit der "Klasse" als handelndem Subjekt.
Max Stirner (eigentlich Johann Caspar Schmidt; das Pseudonym entstand vermutlich aus einem Spitznamen, den ihm seine hohe Stirn in Studentenjahren eintrug) * 25. Okt. 1806 in Bayreuth, + 25. Juni 1856 in Berlin. Studium unter anderem in Berlin bei Hegel und Schleiermacher zeitweise als Lehrer tätig
Stirners einzige größere Publikation: "Der Einzige und sein Eigentum", 1844 Stirner übertrug Ludwig Feuerbachs Religionskritik auf sämtliche Insti- tutionen der Gesellschaft, alle Normen und Verpflichtungen wurden zugunsten eines radikalen Individualismus abgelehnt: "Der Mensch ist nur ein Ideal, die Gattung nur ein Gedachtes. Ein Mensch sein, heißt nicht das Ideal des Menschen erfüllen, sondern sich, den einzelnen, darstellen. Ich bin meine Gattung, meine Norm, ohne Gesetz, ohne Muster u. dgl."
Das Buch wurde jahrzehntelang wenig beachtet und erst Ende des 19. Jhdt. wiederentdeckt, vor allem in Kreisen anarchistischer Theoretiker, die Karl Marx’ Diktatur des Proletariats als Weg zur freien und gewaltlosen Zukunfts- gesellschaft nicht akzeptieren wollten. | "Drum ists so wohl mir in der Welt", geht Goethes Gedicht fort. Diesen Eindruck gewinnt der Leser aus Stirners Buch keineswegs. Da quält sich jemand mit seinen Gedanken. "Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein ... Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache des Menschen. Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist – einzig, wie ich einzig bin. Mir geht nichts über Mich!"
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Georg Wilhelm Friedrich Hegel
| Das ging nicht bloß gegen die Staatsvergottung, die damals, gut ein Dutzend Jahre nach Hegels Tod, so viele Hegel-Schüler ihrem Meister vorwarfen. Feuerbachs säkularisiertes Ideal moralischen Menschentums (Stirner sprach von "humanem Liberalismus") wurde gleich miterledigt, nur ein neues Gespenst an Stelle des alten, dem empirischen Ich nicht weniger fremd und fern. Die Volkssouveränität, die der politische Liberalismus propagierte? Auch sie forderte Unterwerfung, "jeder Staat ist eine Despotie", sagte Stirner. Oder der Sozialismus von Marx und Engels (in Stirners Terminologie: "sozialer Liberalismus")? Da sah Stirner das "Eigentum" seines "Einzigen" gefährdet. "Als Gesamtmasse der kommunistischen Gesellschaft könnten wir uns Lumpengesindel nennen."
Damit hatte Stirner alle Seiten der politischen Diskussion gegen sich aufgebracht. Der sächsische Minister des Inneren reagierte übrigens sehr gelassen und hob das Verbot von Stirners Buch gleich wieder auf: Es sei keine nachteilige Wirkung auf die Leser zu erwarten. Und in der Tat, von diesem Ideal der Freiheit führte kein Weg zu konkreten Freiheiten, von der individuellen "Empörung", die Stirner propagierte, kein Weg zur kollektiven, revolutionären Erhebung. Stirner berief sich auf den Jesus der Evangelien: "Warum war er kein Revolutionär, kein Demagoge, wie ihn die Juden gerne gesehen hätten, warum war er kein Liberaler? Weil er von einer Änderung der Zustände kein Heil erwartete und diese ganze Wirtschaft ihm gleichgültig war."
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Ludwig Feuerbach
| "Werdet wie die Kinder", zitierte Stirner das Evangelium. Aber der biblische Spruch nahm einen ganz anderen Sinn an: "Kinder haben kein heiliges Interesse und wissen nichts von einer guten Sache." Stirner nahm die antiautoritäre Erziehung vorweg, er verneinte Autorität überhaupt: "Alles Heilige ist ein Band, ist eine Fessel. Was mir heilig ist, das ist mir nicht eigen." Anders als bei Hegel wurde das Absolute mit dem vergänglichen Individuum nicht mehr dialektisch vermittelt, beides stand einander fremd gegenüber. Man kann leicht sagen, dass Stirner seinen Lehrer gründlich missverstanden hat. Aber konsequenter als bei Feuerbach und radikaler als bei Marx zeigt sich in diesem Missverstehen der ideengeschichtliche Bruch in den 1830er Jahren.
In einem Punkt traf Marx mit seiner Kritik wohl das Richtige: Der gelernte Philosoph und Altphilologe hatte keine Ahnung von der sozialen Wirklichkeit. Sie interessierte ihn auch nicht. Und dennoch hat das merkwürdige Buch mit seiner Parole der Empörung die unterschiedlichsten Geister immer wieder fasziniert, vor allem die Theoretiker des Anarchismus wie Bakunin und John H. Mackay, aber auch Schriftsteller von Dostojewski über André Gide bis André Breton. Sartres Konzeption vom Menschen als Werk seiner selbst steht ebenso in Stirners Tradition wie Camus’ metaphysische Revolte.
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Karl Marx, um 1839
| Oft ist es eine eher untergründige oder atmosphärische, vielleicht auch indirekte Tradition. Zum Beispiel Friedrich Nietzsche:. Die Übereinstimmungen sind derart frappant, vom Widerwillen gegen allgemeine, "vernünftige" Denkfiguren über die skeptische Haltung zu Staat und Gesellschaft bis zur Verdächtigung aller Ideale als "Sparren", dass eine Lektüre als wahrscheinlich gelten muss. Warum der Name Stirner in Nietzsches Werkregister nicht vorkommt, bleibt Spekulation.
Und es ist eine oft unheimliche Tradition. "Die Gewalt ist eine schöne Sache und zu vielen Dingen nütze. Ihr sehnt euch nach Freiheit? Ihr Toren! Nähmet ihr die Gewalt, so käme die Freiheit von selbst", schreibt Stirner. Kein Wunder, dass sich Gewaltschwärmer wie Georges Sorel da gern bedient haben. Der polnische Philosoph Leszek Kolakowski hat in dem Mörder Raskolnikow aus Dostojewskis "Schuld und Sühne" eine Verkörperung von Stirners Einzigem ausgemacht. Das ist nicht aus der Luft gegriffen. "Ich bin zu allem berechtigt, dessen ich mächtig bin, ich bin durch mich berechtigt zu morden, wenn ich mir’s selbst nicht verbiete", heißt es im Buch.
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Fjodor M. Dostojewski
| Statt Raskolnikow könnte man auch Lafcadio anführen, den Helden von André Gides Roman "Die Verliese des Vatikan" mit seiner Theorie des "acte gratuit", des völlig unbegründbaren Verbrechens, das weder Ursache noch Sinn hat. "Ich hab mein Sach’ auf nichts gestellt ..." Stirners Buch stellt vor Interpretationsnöte, wie man sie auch bei manchen Aphorismen des späten Nietzsche kennt. Sind es Zwangsvorstellungen, die der totalitären Politik des 20. Jahrhunderts vorarbeiteten? Oder ging es vielmehr darum, Denkfiguren auf die Spitze zu treiben, sozusagen experimentell, nach dem Grundsatz, dass man alles denken darf, wenn man darauf verzichtet, alles tun zu wollen? .
"Nein, nichts soll verloren gehen, auch die Freiheit nicht", ist an anderer Stelle zu lesen. Mit dieser Beteuerung wird es Stirner durchaus ernst gewesen sein; aber solche Freiheit war ihm nicht genug: "Sie soll unser eigen werden, und das kann sie in der Form der Freiheit nicht." Es ist ein Radikalismus des Denkens, der sich um Realisierungsmöglichkeiten in der Welt nicht schert. Marx sprach von "Fieberträumen".
Mehr im Internet: Max Stirner
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur |
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