Berlin, den 10.02.2012 Link Home Link Ticker Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

02.06.2006 - GESCHICHTE

Das dreifache Europa und der Ausbruch des Westens

Berliner Historiker präsentiert ein neues Bild des Mittelalters

von Josef Tutsch

 
 

Schopfung der Welt (Reims, um 1235)

"Was ist das?", quält sich die kleine Tony Buddenbrook am Anfang von Thomas Manns Roman mit der Leitfrage von Luthers Katechismus. Mit einer analogen Frage, weniger geistlich als weltlich, quält sich in der Gegenwart die europäische Politik: Was ist das – Europa? Der Berliner Historiker Michael Borgolte gibt seine Antwort mit dem Titel eines monumentalen Essays zur Geschichte des Mittelalters: "Christen, Juden, Muselmanen".

Das sieht nach einer Aufzählung aus, ist aber als Miteinander (und Gegeneinander) gemeint. Borgolte will auf einen Paradigmenwechsel hinaus: Es war nicht bloß das Christentum, es waren alle drei monotheistischen Religionen miteinander, die als "Erben der Antike" im Mittelalter Europa hervorgebracht haben. Mit diesem Ansatz gelingt es Borgolte, vergessene oder verdrängte Phänomene ins Bewusstsein zu rufen. Die muslimischen Reiche in Spanien und auf Sizilien, auf dem Balkan und an der Wolga waren "Europa", und im südlichen Russland nahm zur Zeit Karls des Großen ein ganzes Volk, das der Chasaren, den jüdischen Glauben an.

Eroberung Jerusalems beim 1.
Kreuzzug 1099, im Hintergrund die
Kreuzigungsszene (Miniatur um 1300)
 

Konventionell wird Europa, wie es sich im frühen Mittelalter herausbildet, sozusagen als ein ideeller Organismus begriffen, hervorgegangen aus dem Zusammenwirken von fränkischer Militärmacht und päpstlichem Heilsversprechen, verdichtet in der großen Szene der Kaiserkrönung im Jahr 800. Dagegen ist der Europabegriff, den Borgolte zugrunde legt, zunächst einmal ganz nüchtern geographisch definiert: im Süden die Grenze des Mittelmeers, im Osten ein Übergang nach Asien. Natürlich ist auch das ein Raster, das dem Mittelalter im histo- rischen Rückblick übergestülpt wird. "Eben so wenig wie im Altertum vermochte man Europa als geographisches Ganzes zu erfassen", stellt Borgolte fest.

Das muss keineswegs davon abhalten, die Vergangenheit dennoch mit solchen Begriffen zu bearbeiten. Und ebenso ist zweifellos richtig, dass dieser geographische Raum Europa seit der späten Antike mit den drei monotheistischen Religionen gefüllt wurde: "die Ausbreitung des dreifachen Eingottglaubens", wie Borgolte sich ein bisschen pathetisch ausdrückt. Aber diese Perspektive hat ihre Kehrseite, die bei Borgolte vielleicht nicht mit der wünschenswerten Klarheit zum Ausdruck kommt: Die Menschen des Mittelalters hätten sich darin vermutlich nicht wiedererkannt; sie fühlten sich nicht als "Europäer" und auch nicht in der Hauptsache als "Monotheisten", sondern als Christen, Juden, Muselmanen.

Ketzerverbrennung: Jan Hus auf dem
Scheiterhaufen in Konstanz 1415
 

Christen oder Juden oder Muselmanen, um genau zu sein. Eine Geschichte der monotheistischen Religionen ist unvermeidlich eine Geschichte gegenseitiger Abgrenzungen, wie der Autor es auch darstellt. Auseinandersetzungen in der Verwandtschaft, sicherlich, aber – und diese subjektive Seite der Geschichte kommt in Borgoltes eindrucksvoller Darstellung reichlich kurz – den  meisten Christen im europäischen Mittelalter wird, das zeigt eine Fülle von Belegen in der Literatur, gar nicht bewusst gewesen sein, dass ihr Glaube dem der Muslime verwandt war. Umgekehrt ist ebenso zu bezweifeln, dass Muslime das katholische Christentum mit Trinitätslehre sowie Marien- und Heiligenverehrung im strengen Sinn als "monotheistisch" anerkennen konnten. In der Tat, so wenig wir vom Volksglauben vergangener Jahrhunderte wissen; darf man doch fragen, ob das monotheistische Dogma gegenüber der bunten Legendenwelt viel mehr war als eine gelehrte Konstruktion.

Borgoltes Vorschlag eines Paradigmenwechsels – die Geschichtswissenschaft sollte eher vom "monotheistischen" als vom "christlichen Mittelalter" sprechen – ist vor allem von Texten, nämlich vom theologischen Schrifttum aller drei Religionen her plausibel. Insoweit hat der Berliner Historiker im Grunde weniger eine Geschichte Europas im Mittelalter vorgelegt als eine Geschichte der intellektuellen Eliten in jenen drei Religionen, die auf dem Boden des mittelalterlichen Europa geherrscht haben. Genau von dieser Warte aus beleuchtet Borgolte auch die vielleicht spannendste Frage der mittelalterlichen Historie: warum sich das westliche Europa irgendwann dynamischer entwickelt hat als seine Schwesterkulturen Byzanz und Islam.

Thomas von Aquin zwischen Aristoteles
und Platon, vor ihm, niedergeworfen,
der arabische Philosoph Averroes
(Benozzo Gozzoli, um 1480)
 

Das reicht natürlich über die Geschichte des Mittelalters hinaus; andererseits muss die europäische Neuzeit – mit Aufklärung und kolonialer Expansion usw. usf. – im Mittelalter doch ihre Wurzeln haben. Es ist die alte Frage Max Webers: "Welche Verkettung von Umständen hat dazu geführt, dass gerade auf dem Boden des Okzidents und nur hier Kulturerscheinungen auftraten, welche doch, wie wenigstens wir uns gern vorstellen, in einer Entwicklungsrichtung von universeller Bedeutung und Gültigkeit lagen?" Übrigens ohne dass Borgolte ausdrücklich auf den Vorgänger verweist, wie überhaupt das Buch mit einem ganz minimalen Apparat von Anmerkungen und Quellenhinweisen auskommt. Das steht in einer guten alten Tradition lesbarer Geschichtsschreibung, hat aber für die wissenschaftliche Diskussion auch seine Probleme.

Zurück zur Frage nach diesem "Sonderweg" des Abendlandes. Borgolte bleibt mit seiner Antwort in gewohnten Bahnen: In den anderen Kulturen gab es keine Trennung von Staat und Religion, wie sie für den Westen im hohen Mittelalter charakteristisch wurde. Dann findet der Mittelalter-Historiker aber doch einen für den gegenwärtigen Dialog zwischen den Weltkulturen hochaktuellen Zugang. Es geht um das Bildungsprogramm: "In Byzanz und im Islam waren die Versuche gescheitert, den Rationalismus im Kern des Bildungssystems selbst zu verankern" – ungeachtet dessen, dass die griechischen Klassiker dem lateinischen Abendland großenteils erst durch die Muslime bekannt geworden sind.

Universitätslehre im Mittelalter

Anders ausgedrückt: Weder im orthodoxen Christentum noch im Islam (auch nicht im Judentum) konnte das freie, kritische Denken die fromme Exegese in Frage stellen. Borgoltes Ausführungen sind hier etwas vage; aber es wird deutlich, dass der Vorsprung, den der "Westen" nicht erst in Renaissance und Aufklärung, sondern bereits im 12. Jahrhundert gewonnen hat, mit einer spezifisch abendländischen Institutionsform zusammenhängt: der Universität. Und mit dem intellektuellen Klima, das sich in Europas Universitäten – und vielleicht wirklich nur dort und nicht in vergleichbaren Bildungsstätten anderer Kulturen – ausbildete. Eine "Wechselwirkung von Magistern und kritischen Intellektuellen", sagt Borgolte, war nur im lateinischen Europa möglich, weder im Islam noch in Byzanz

Trotz kritischer Anmerkungen: ein bemerkenswert geschlossenes und (vielleicht gerade deshalb) anregendes Bild vom Mittelalter. Leser, die nicht bereit sind, sich auf weite historische Bögen und Wirkungen über die Jahrhunderte hinweg einzulassen, werden damit allerdings ihre Schwierigkeiten haben. Die Integration der griechisch-arabischen Wissenschaft und Philosophie in das Lehrprogramm, stellt der Forscher fest, hat zugleich den Grund dafür gelegt, "dass von den Stätten des Geistes einst jene Impulse ausgehen sollten, die auch die Entchristlichung Europas einleiteten". Ob der Ausdruck "Entchristlichung" das Phänomen trifft, ob vielleicht "Aufklärung" treffender wäre, müsste man im Rahmen einer Geschichte der Neuzeit diskutieren. Thomas Mann hat diesen Prozess in seinem Familienroman von den "Buddenbrooks" gespiegelt. Jahrzehnte nach ihren Katechismusübungen, ganz am Ende des Buchs, findet Tony auf Luthers Frage "Was ist das?" eine rundherum skeptische Antwort: "Wenn es so wäre ..."


Neu auf dem Büchermarkt:

Michael Borgolte, Christen, Juden, Muselmanen. Die Erben der Antike und der Aufstieg des Abendlandes 300 bis 1400 nach Christus,
(Siedler Geschichte Europas, 2. Band)
Siedler Verlag 2006 (ISBN 3-88680-439-9), 74,- €


Mehr im Internet:
Mittelalter  
HU Berlin, Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


forschung


politik


innovation


kultur


campus


kontakt