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04.07.2006 - MODERNE LITERATUR
"Erwählte Völker, Narren eines Clowns"
Zum 50. Todestag von Gottfried Benn
von Josef Tutsch
 | | Gottfried Benn
(* 2. Mai 1886 in Mansfeld/Bran-
denburg, † 7. Juli 1956 in Berlin)
| | | Dichten und Denken wachsen nicht immer auf demselben Holz, auch nicht in dem Land, das sich selbst früher gern als Heimat der Dichter und Denker pries. Zum Beispiel Gottfried Benn. "Einige seiner dunkel suggestiven, tragisch kühnen Verse", schrieb Klaus Mann, "haben sich mir für immer eingeprägt, ihr Rhythmus bleibt mir im Blut wie das Echo früh gehörter, früh geliebter Zaubersprüche". Und dieser vielleicht bedeutendste Lyriker deutscher Sprache im 20. Jahrhundert zeigte sich 1933, wie sein Bewunderer Klaus Mann entsetzt feststelle, "angenehm berührt von dem antihumanistischen Radikalismus, der irrationalen Vehemenz der Hitler-Bewegung". Benn war ernsthaft bereit, sich und seine Feder in den Dienst dieser Bewegung zu stellen.
Die Berauschung dauerte gut ein Jahr. Ein Vers aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges macht deutlich, zu welcher Einschätzung Benn inzwischen gelangt war: "den Darm mit Rotz genährt, das Hirn mit Lügen, erwählte Völker, Narren eines Clowns". Aber das Rätsel, wie es zu diesem Arrangement eines Intellektuellen mit der Inhumanität kommen konnte, ist bis heute gelblieben. Macht man sich die Mühe, in den Schriften von 1933/34 über den "neuen Staat und die Intellektuellen", über "Erbmasse und Führertum" lesen, wird rasch klar, warum die Verbindung nicht aufgehen konnte. Textprobe: "Es hat sich herausgestellt, dass der größte völkische Terrorist aller Zeiten und großartigste Eugeniker aller Völker Moses war ... Sein Gesetz hieß: quantitativ und qualitativ hochwertiger Nachwuchs, reine Rasse; aus ihm seine brutalen Maßnahmen gegen sein Volk wie gegen die ihnen begegnenden Stämme; Prügelstrafen, Handabhauen, Steinigung, Erschießen, Feuertod gegen Rassenvermischung ... Aus den gleichen rassehygienischen Gründen gebot er die völlige Vernichtung aller in Kanaan angetroffenen Stämme ..." Die Machthaber werden Moses als Vorbild für "arische" Politik weniger großartig gefunden haben.
 | Gottfried Benn (Zeichnung von Emil Stumpp, 1929)
| Ein anderes Beispiel, aus einem Aufsatz von 1932. Der Text ist voll von Vokabeln wie "Züchtung" und "volkhafte Verpflichtung", es geht jedoch gerade um "Werte, die die Rasse eher schädigen und sie gefährden, die aber zur Differenzierung des Geistes gehören". Wir setzen den Geist, schrieb Benn, "als dem Leben übergeordnet ein, ihm konstruktiv überlegen, als formendes und formales Prinzip: Steigerung und Verdichtung". Und dann drückt Benn in hymnischen Worten seine Hoffnung aus: "dass wir vor einer ganz allgemeinen entscheidenden anthropologischen Wendung stehen". Am Vorabend des Dritten Reiches: "Manches wie der Expressionismus, der Surrealismus, die Psychoanalyse, deutet ja in der Richtung, das wir biologisch einer Wiedererweckung der Mythe entgegengehen."
Einige Monate lang muss Benn geglaubt haben, im Nationalsozialismus genau das vor sich zu haben. "Mythe" oder Mythos war ein Lieblingswort der Zeit. Es ging um Sinnsuche, um Ganzheitsvisionen. Vielleicht ist einem Verständnis näher zu kommen, wenn man Benns Polemik gegen die moderne Medizin heranzieht. Immerhin war die Dermatologie der Brotberuf, den sich der Lyriker von Neigung gewählt hat. Die Wahrheit als "Fakultätsbeschluss", der Wissenschaftsbetrieb als "Geschiebe von Argumenten, Tabellen, Definitionen", als "beziehungslose kausalanalytische Deskription", ein Jahrhundert, "in dem der Geist Statistik schuf und Urinkontrolle, wo die Tabelle hochging und die Schöpfung sank", heißt es in einer fiktiven Begrüßungsrede an Studienanfänger aus dem Jahr 1920. Lässt man die expressive Rhetorik weg, schält sich heraus, dass nicht mehr und nicht weniger bedauert wird als der Verlust einer sozusagen metaphysischen Wahrheit zugunsten technischer Machbarkeit.
 | Dr.med Benn in seiner Praxis
| Der Verlust der "Mythe". Im frühen 20. Jahrhundert ist das ein gewohntes Thema, zum Beispiel bei Thomas Mann, der schrieb, man müsse "dem intellektuellen Faschismus den Mythos wegnehmen und ihn ins Humane umfunktionieren". Vom Humanen, gar von Ironie, ist bei Benn aber nicht die Rede. Er trieb vielmehr all das auf die Spitze, was seine Generation – es war die des Expressionismus – gegen die Gegenwart vorbringen konnte: die Verachtung bourgeoiser Fortschrittsgläubigkeit, den Widerwillen gegen eine historisch dekorierte, unschöpferisch gewordene Kultur, den Ekel an einem bürgerlichen Wertekodex, aus dem das "Tragische" und das "Heroische" gestrichen waren. Nochmals Klaus Mann: "Der Nationalsozialismus hingegen, das war etwas anderes! Nicht ganz sympathisch vielleicht, aber dynamisch, interessant voll grausig-attraktiver Möglichkeiten!":
"Der Gott wird kommen, wenn Sie wissen, wen Sie rufen sollen", heißt es geheimnisvoll in jener fiktiven Rede. Dahinter steht eine Biographie, wie sie für Deutschland im späten 19., frühen 20. Jahrhundert nicht untypisch ist: Kindheit in einer Pfarrerfamilie auf dem Dorf, Studium in der Großstadt. Der Kulturschock spiegelt sich in den frühesten Gedichten von 1912: "Wir sind und wollen nichts sein als Dreck. Man hat uns belogen und betrogen mit Gotteskindschaft, Sinn und Zweck." Der Sprachkünstler Benn verstand es, das Anschauungsmaterial aus seinem Medizinstudium mit den Floskeln des zertrümmerten Kindheitsglaubens zu verbinden. Auf dem Seziertisch stehen "Gottes Tempel und des Teufels Stall", eine Tote, die zur Zerschneidung bereitliegt, scheint zu träumen "wie vorm Aufbruch vieler Himmelfahrten", ein Leichendiener entnimmt einer Dirne ihren goldenen Zahn, denn "nur Erde solle zur Erde werden".
 | Bewunderer: Erika und Klaus Mann
| Es muss eine Revolution der poetischen Sprache gewesen sein. Aber zugleich verfiel diese neu gesehene Wirklichkeit von der alten, als natürlich betrachteten, wenngleich längst nicht mehr geglaubten Ordnung her dem Verdikt der Wertlosigkeit. Bei Friedrich Nietzsche fand Benn die Vokabel für diese Gegenwartsanalyse: "Nihilismus", und dort glaubte er auch ein Lebensrezept gefunden zu haben: nur als ästhetisches Phänomen sei das Dasein und die Welt gerechtfertigt. Die "Transzendenz der schöpferischen Lust" war Benns Grundüberzeugung; zeitweise glaubte er offenbar, die Mechanismen künstlerischer Produktion auf die Politik übertragen zu dürfen. In einem Brief an Klaus Mann schrieb er über mittelalterliche Baukunst: "Glauben Sie , man hätte abgestimmt: Rundbogen oder Spitzbogen, man hätte debattiert über die Apsiden: rund oder polygon?" Und zumindest dachte er ernsthaft, auch vom neuen, nationalsozialistischen Staat eine "Eigengesetzlichkeit der Kunst" fordern zu können.
Was bleibt von Gottfried Benn, trotz aller Verirrungen? Abgesehen von einer Artistik und einer Sprachmagie, die in der deutschen Dichtung nach Heinrich Heine ihresgleichen suchen? Nach dem Aufwachen aus seinem Rausch von 1933/34 war Benn ernüchtert, auch was seine eigene Person anging: "von den Nazis als Schwein, von den Kommunisten als Trottel, von den Demokraten als geistig Prostituierter, von den Emigranten als Renegat, von den Religiösen als pathologischer Nihilist öffentlich bezeichnet". Der Dichter war nachdenklich geworden. "Wohin können Götter weinen, das Meer nimmt die Tränen nicht auf, sie drohen den Ufern, den Steinen und die Flüsse verlören den Lauf. Wohin können Götter klagen, sie haben doch Alles gemacht und können zum Schluss nicht sagen: vertan – verdacht –"
 | Gottfried Benn (Zeichnung von Tobias Falberg, um 1951) | Die alten Sicherheiten verloren, neue Sicherheiten nicht zu gewinnen: Diese Skepsis trennte Benn auch von dem zwölf Jahre jüngeren Bertolt Brecht. In einer Notiz aus dem Jahr 1943 fragte Benn nach dem "Inhalt der Geschichte" und berief sich auf sein altes Schulbuch, irgendeine beliebige Seite: "einmal Seesieg, zweimal Waffenstillstand, dreimal Bündnis, zweimal Koalition, einer marschiert, einer verbündet sich, einer vereinigt seine Truppen ..." usw. usf., "das Ganze ist zweifellos die Krankengeschichte von Irren". Ein Geschichtsekel, der auch die großen Denker nicht verschonte. "Hegel, Darwin, Nietzsche –: sie wurden die tatsächliche Todesursache von vielen Millionen." Oder an anderer Stelle: "Mohammed begann als Karawanenräuber, später kam das Weltanschauliche hinzu; selbst die Wüstenbrunnen vergiftete er, ein unvorstellbares Verbrechen durch Jahrhunderte, nun adelte es das Erfordernis des Gottes und der Rasse."
Man muss auch diese rigorose Abwehr aller Geschichtsrealität nicht plausibel finden, biographisch ist sie vor allem das Fazit eines Dichters, der einsieht, sich in seinem Denken schrecklich geirrt zu haben. "Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, woher das Sanfte und das Gute kommen, weiß es auch heute nicht und muss gehen" – aus Benns letzten Versen. Blättert man in den frühen Essays, kommt man überrascht zu dem Schluss, dass Benn auch damals schon in stillen Stunden human zu denken vermochte. In einem kleinen Aufsatz von 1930 wird beiläufig festgestellt, dass wir – Deutschland – in den letzten Jahrzehnten "als Volk abgeschliffener und skeptischer wurden, ja dass wir unter amerikanischem Einfluss eine Art Urbanität zu entwickeln im Begriff stehn".
Mehr im Internet: Gottfried Benn Leiden am Ich und Flucht ins Ganze - Politische Zwangsvorstellungen deutscher Dichter, scienzz 4. 1. 2006
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur |
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