| |
07.07.2006 - GESCHICHTE
Flurbereinigung im Westen
Vor 200 Jahren wurde der Rheinbund gegründet
von Josef Tutsch
 | | Der "protecteur" Napoleon ...
| | | "Deutschland – ein Rheinbund?" war das Buch überschrieben, das "Spiegel"-Verleger Rudolf Augstein 1953 herausbrachte. Augstein wollte ein Menetekel an die Wand malen: Die politische Linie, die die junge Bundesrepublik (also ihr Kanzler Adenauer) verfolgte, erinnerte ihn an den Rheinbund von 1806. Da war nicht nur der äußere, geographische Umstand, dass sich wiederum die mittleren und kleinen westdeutschen Länder von Bayern bis Niedersachsen zusammengeschlossen hatten; da war vor allem die enge Anlehnung an die Übermacht im Westen einerseits– damals Frankreich, nun die USA, andererseits die Abschnürung von dem zuvor führenden politischen Zentrum – damals Österreich, nun Preußen. Und der neue "Rheinbund" gab im Vergleich zum alten sogar noch einen zusätzlichen Grund zum Unbehagen: den Eindruck des "Klerikalen".
Es war das Nachleben eines politischen Gefüges, das selbst gerade einmal sieben Jahre gehalten hatte, von 1806 bis 1813 – eine kurze Zeit selbst in der wechselvollen deutschen Geschichte. Und seine Existenz verdankte dieser Rheinbund einer einsamen Entscheidung im fernen Paris. Napoleon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, hatte von dem Gedankenspiel, sich auch die Kaiserkrone des altehrwürdigen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation aufzusetzen, rasch wieder Abschied genommen. "Ihr habt vermutet, dass ich mich zum Kaiser von Deutschland machen wollte", sagte er zum Minister eines der kleinen deutschen Staaten. "Glaubt dies nur nicht, ich wollte eure Krone nicht. Lest in der Geschichte nach: Zu allen Zeiten habt ihr eure Kaiser schikaniert, so dass diejenigen unter ihnen, die das Gute wollten, nichts haben ausrichten können. Ich habe kein Interesse daran, euer Oberhaupt zu sein. Ich habe die Hand freier, wenn ich euch fremd bleibe, und ich verstehe es wohl, euch mir willfährig zu machen."
 |
... und die verbündeten Fürsten, von einer Medaille des Rheinbundes
|
Was Napoleon akzeptierte, war die Stellung eines "Protektors". Dabei hatte es sogar in Deutschland Stimmen gegeben, die ihm eine formelle Herrschaft antragen wollten, voran der Erzbischof von Regensburg, früher Erzbischof von Mainz, später Großherzog von Frankfurt, Karl Theodor von Dalberg. Dalberg träumte von einem straff organisierten deutschen Bundesstaat; aber diese Träume scheiterten an den größeren unter den Mittelstaaten. Vor allem Bayern und Württemberg wollten ihre frisch errungene Souveränität nicht gleich wieder geschmälert sehen. Und Napoleon hatte keinen Grund, sie zu zwingen. So wurde das, was 16 deutsche Fürsten am 12. Juli 1806 in Paris durch ihre Vertreter begründeten, kein Bundesstaat, sondern bloß ein Staatenbund. Dalberg erhielt den Titel eines Fürstprimas.
Was Napoleon von Deutschland erwartete, hat der Historiker Eberhard Weis klipp und klar ausgesprochen: "zuverlässige Bundesgenossen, die ihm Soldaten lieferten, Soldaten, die freiwillig und unter eigenen Offizieren ins Feld rückten". Das "freiwillig" bezog sich mehr auf die fürstlichen Bundesgenossen als auf ihre Soldaten. "Ich verstehe es wohl, euch mir willfährig zu machen ..." Eine allzu enge Anbindung an Frankreich, vermutet Weis, kam schon deshalb nicht in Frage, weil Napoleon im eigenen Land eine Beschäftigungskrise fürchtete. Selbst das Großherzogtum Berg, dessen Regierung Napoleon persönlich übernommen hatte, wurde nicht in die französische Wirtschaft integriert. Napoleons Interesse lag in seiner "großen", europäischen Politik, und da stand vor allem Großbritannien im Wege. Der ganze Kontinent sollte für den britischen Handel gesperrt werden, um London in die Knie zu zwingen. Als sich vier Jahre nach Gründung des Bundes herausstellte, dass die deutsche Nordseeküste offen geblieben war, annektierte das französische Kaiserreich ohne Rücksicht auf die Bundesakte die gesamte Küstenregion von Oldenburg bis Lübeck.
 |
Napoleon in der Schlacht von Austerlitz bei Jena am 2. Dezember 1805
|
Um das Einvernehmen mit den Fürsten zu wahren, hatte Napoleon sogar darauf verzichtet, sein Lieblingsprojekt, den Code civil, allgemein durchzusetzen. So blieb in den meisten Rheinbundstaaten ein großer Teil der adligen Privilegien erhalten, nur Steuerfreiheit und Leibeigenschaft wurden überall aufgehoben. Fürs erste erlegte die Rheinbundakte vom Juli 1806 den Partnern aktuell eine außenpolitische Pflicht auf: Zum 1. August erklärten sie alle ihren Austritt aus dem Heiligen Römischen Reich. Wenige Tage später beugte sich in Wien Kaiser Franz II. einem französischen Ultimatum, legte seine Würde nieder und entband alle Reichsstände von ihren Pflichten. Dass sich ausgerechnet in diesem Moment Preußen entschloss, seine Neutralitätspolitik aufzugeben und gegen Napoleon in den Krieg zu ziehen, ist eine jener schwer nachvollziehbaren Irrationalitäten, wie sie in der Politik vorkommen. König Friedrich Wilhelm III. fühlte sich von Napoleon hintergangen: Der hatte, um mit England vielleicht doch noch zu einem Arrangement zu kommen, die Rückgabe von Hannover angeboten, welches Preußen sich gerade erst einverleibt hatte.
Die folgenden Jahre sahen den Beitritt fast aller deutschen Staaten zum Rheinbund. Nur Österreich im Südosten und Preußen im Nordosten blieben draußen sowie das dänische Holstein und das schwedische Vorpommern. Die Gebiete links der Elbe, die Preußen abtreten musste, erlaubten es Napoleon, ein neues "Königreich Westphalen" zu schaffen. Es sollte ein Modellstaat werden, beinahe ganz französisch, nur das Wahlrecht war zugunsten einer Volksvertretung nach Berufsständen gestrichen. Immerhin: "Ihre Völker", schrieb Napoleon an seinen Bruder Jérome, den er zum König von Westphalen eingesetzt hatte, "sollen sich einer Freiheit, einer Gleichheit, eines Wohlstandes erfreuen, wie sie den Bewohnern Deutschlands bislang unbekannt sind." Hand aufs Herz, das wird mit Blick auf das "alte" Deutschland nicht einmal unrealistisch gewesen sein. Aber unvermeidlich erweckten Jérome und sein Anhang den Eindruck, mehr an Herrschaftssicherung interessiert zu sein als an Gesellschaftsreform.
 |
Wappen des neuge- schaffenen König- reichs Westphalen
|
Im nachhinein, nach zwei Jahrhunderten Nationalismus, wissen wir, dass die Probleme noch viel tiefer lagen. Der Historiker Heinrich August Winkler: "Selbst wenn Napoleon konsequent als politischer und gesellschaftlicher Reformer aufgetreten wäre, hätte ihn das in den Augen vieler Deutscher nicht von dem Makel befreit, Herrscher einer fremden Universalmonarchie zu sein." Gerade im Jahr der Rheinbundgründung verbreitete in Nürnberg der Buchhändler Johann Philipp Palm eine anonyme Schrift unter dem Titel "Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung". Palm wurde standrechtlich erschossen, die Schulbücher verherrlichten ihn später als den ersten "Märtyrer" des deutschen Nationalismus. Die antifranzösische Stimmung im Volk zeigte sogar realpolitische Wirkung. 1813 konnten die Fürsten Napoleons Herrschaft abschütteln.
Geblieben ist die Flurbereinigung,die Frankreich in den Jahren 1805/06 durchführte: Die Mittelstaaten wurden vergrößert, viele Städte und Grafschaften in ihrer staatlichen Existenz ausgelöscht. Diese von Napoleon geschaffenen deutschen Staaten, zieht Golo Mann die Bilanz, "haben sich im 19. Jahrhundert auf mannigfache Weise bewährt: als Verwaltungseinheiten, Schulen der Regierung und des Parlamentarismus, Zentren der Kulturpflege." Nur, fügt Mann hinzu: "Echte Staaten waren sie nicht, in dem Sinn, in dem die Schweiz oder Holland es sind. Keiner hat für seine Existenz gekämpft, keiner je in einer Krise seinen eigenen Weg zu gehen gewagt." Eine Schwäche, die dem deutschen Föderalismus bis heute eigen ist. Auch Napoleon selbst haben seine Staatsschöpfungen kein Glück gebracht. Als die kaiserliche Sonne sank, fielen alle ihre "Planeten" nacheinander ab, um die eigene Existenz zu retten. Sie alle waren – Golo Mann – "Gut-Wetter-Staaten".
Mehr im Internet: Rheinbund scienzz artikel Regionen Mittelaueropas scienzz artikel Französische Revolution und Napoleon
 |
Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur |
|
|