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kultur

14.07.2006 - KUNSTGESCHICHTE

Die Reise der Kunst ins Innere

Zu Rembrandts 400. Geburtstag

von Josef Tutsch

 
 

Rembrandt Harmenszoon van Rijn
(* 15. Juli 1606 in Leiden,
+ 4. Oktober 1669 in Amsterdam)

"An meinen Bildern müsst ihr nicht schnüffeln, die Farben sind ungesund", soll Rembrandt gesagt haben. Es ist eine der ganz wenigen Aussagen, die wir von dem Maler kennen, und man sieht dem harmlosen Satz nicht an, dass er mitten hineinführt in die kunsttheoretischen Debatten der Zeit. Die Bilder seien "mit groß hingeworfenen Pinselstrichen und Farbflecken derart ausgeführt, dass man aus der Nähe überhaupt nichts sieht, obwohl sie aus der Ferne vollkommen erscheinen", so hatte 1568 der Kunstkritiker Vasari über die späten Werke des Venezianers Tizian geschrieben. Dessen frühe Gemälde dagegen seien derart ausgeführt, "das sie sowohl ganz von der Nähe als auch aus der Entfernung betrachtet werden können".

Um 1600 übernahm der Holländer Carel van Mander Vasaris Darstellung in sein Lehrgedicht über die Malerei. Er wolle, so van Mander, "angehenden Malern zeigen, dass es zwei gleichwertige Manieren gibt, denen ihr euch zuwenden könnt, je nach dem, was euch besser liegt". Als der junge Rembrandt ein Vierteljahrhundert später mit dem Malen begann, zeigte sich bald, dass er beide "Manieren" gleich virtuos beherrschte. Der reife Künstler setzte jedoch immer stärker darauf, die Phantasie des Publikums zur Mitarbeit am Bild herauszufordern. Man mache in einer Gemäldegalerie das Experiment: Ein Bild von Raffael lässt sich im Sitzen betrachten, ein Rembrandt will "erwandert" werden, durch Vor- und Zurück- und Beiseitetreten.

Das Emmausmahl (1648, Paris)
Rembrandt als das einsame Genie abseits aller Traditionen? Das ist Mythologie, begünstigt durch diese virtuos gehandhabte Malweise des scheinbar bloß Andeutenden, Ungefähren, vom Betrachter zu Ergänzenden, die den Bildern die Aura des Geheimnisvollen gibt. Das späte 19. Jahrhundert hat dem Mythos noch eins draufgesetzt: Rembrandt als Inbegriff des "germanischen" Geistes, der sich italienischen Einflüssen verweigerte und unverstanden zugrunde gehen musste. In der Tat, anders als fast alle seine Kollegen in Holland absolvierte Rembrandt keine Studienreise nach Italien. Aber dass er sich den Einflüssen des italienischen Manierismus und des Frühbarock hätte verschließen wollen, ist pure Legende. Das wichtigste seiner Vorbilder hat gleich zu Beginn des aktuellen Ausstellungsmarathons in diesem Jahr das Rijksmuseum Amsterdam gewürdigt: Caravaggio, den jungen Wilden der römischen Malerei um 1600 mit seiner kühnen Vergegenwärtigung der heiligen Gestalten. Caravaggios Stilmittel: hellbeleuchtete Figuren vor tiefem Dunkel, mit Übergängen und Abstufungen, die im einzelnen sanft und oft kaum merklich sein können, das Bild insgesamt aber dramatisch und geheimnisvoll, oft grell machen.

Das kam den Bedürfnissen der katholischen Gegenreformation in Italien nach starken religiösen Eindrücken entgegen. Aber ausgerechnet im calvinistischen Holland wurde dieser effektvolle "Caravaggismus" zur beherrschenden Mode. Rembrandts Eigenart ist, dass er alle äußere Theatralik daran abstreift, die heiligen Geschichten ins rein Menschliche und Persönliche überträgt. Den Höhepunkt dieser Reise der Kunst ins Innere bringen die späten Selbstbildnisse, wo die Malerei von jeder Bindung an einen kirchlichen oder gesellschaftlichen oder dekorativen Zweck befreit ist. Das scheinbar so banale eigene Gesicht wird zur Vision, der Betrachter glaubt, in eine Sphäre zu schauen, wo die Seele keine Faxen mehr macht.

Selbstbildnis mit Saskia im
Gleichnis vom verlorenen Sohn
(um 1636, Dresden)
 
Rembrandts Weg dorthin ging, gut protestantisch, über die Versenkung in die Bibel. Wenn man heute vor das berühmte Dresdner Bild mit dem fröhlich feiernden Paar tritt, sieht man zunächst den jungen Rembrandt mit Frau Saskia. Die Kunsthistoriker haben längst herausgefunden, dass der Künstler sich hier in einem Gleichnis aus dem Lukas-Evangelium dargestellt hat: Der verlorene Sohn verprasst sein väterliches Vermögen im Bordell. Und ebenso wird in den Bildern aus der antiken Mythologie alles Überalltägliche abgestreift. Wieder ein Gemälde in Dresden, der Adler des Zeus, wie er den Knaben Ganymed gen Himmel entführt. Frühere Künstler, zum Beispiel Correggio, wandten all ihre Kunst auf, um den erotischen Reiz des Jünglings auf die Leinwand zu bannen. Bei Rembrandt handelt es sich um einen kleinen Jungen, dem vor Angst etwas sehr Menschliches widerfährt.

Mangel an Idealität, haben klassizistische Kritiker dazu gesagt. Am Ende schreckte Rembrandts Kunst – radikales Beispiel: die letzten Selbstporträts – auch vor ausgesprochener Hässlichkeit nicht zurück. Dass potentielle Kunden nicht in dieser Weise porträtiert werden wollten, ist nachvollziehbar. Die Aufträge ließen in dem Maße nach, wie Rembrandts Malerei "innerlicher" wurde. Offenbar war der Künstler auch nicht bereit, seinen Auftraggebern Konzessionen zu machen. Vergleicht man die großen Gruppenbilder mit denen seiner Kollegen, ahnt man, dass manche Besteller unzufrieden gewesen sein werden: Mit weniger Kunst, peniblerem Eingehen auf individuelle Repräsentationsbedürfnisse hätte Rembrandt das bessere Geschäft machen können.

Raub des Ganymed (1635,
Dresden)
Dabei stand der Ruhm des Malers auch im letzten Lebensjahrzehnt hoch, nur – von mehr Aufträgen hätte sich besser leben lassen. Die Kirche war im calvinistischen Holland seit mehr als einem Jahrhundert als Kunstmäzen ausgefallen, ein höfisches Leben wie in den großen Monarchien Europas konnten die Statthalter aus dem Haus Oranien kaum in Ansätzen ausbilden. Gemälde waren vor allem als eine Art Möbel für den privaten Haushalt gefragt. Es muss ein Überangebot an Kunst gegeben haben und demzufolge ein Künstlerproletariat. Durch die Organisation waren die Künstler sogar genötigt, das Proletariat der nächsten Generation selbst mit heranzuziehen: Die Schüler bezahlten ein hohes Lehrgeld, die Meister lebten nicht nur von Aufträgen, sondern auch von ihren Schülern.

Bei Rembrandt scheint der Werkstattprozess jedoch anders abgelaufen zu sein als bei vielen seiner Kollegen. Ansonsten pflegte der Meister den Entwurf und erste Ölstudien zu liefern, das Gemälde selbst wurde großenteils von den Schülern ausgeführt, die wichtigeren Teile und dann vor allem die Endredaktion übernahm wieder der Meister. An Rembrandts Bildern haben moderne Techniken, die den Untergrund sichtbar machen, dagegen gezeigt, dass der Figurenumriss erst in einem späten Stadium den Licht- und Farbwerten aufgeprägt wurde. Da muss es schwierig gewesen sein, die Schüler an einem Bild mitarbeiten zu lassen.

Christus heilt die Kranken
("Hundertguldenblatt", um 1648)
Kurzum: Rembrandts Werke sind – anders als zum Beispiel bei Rubens – weitgehend eigenhändig. Und andererseits: Die Zahl dieser eigenhändigen Werke ist in den letzten Jahren drastisch geschrumpft. Von früher einmal 600 Gemälden gelten heute gut 300 als "echt", von 1.500 Zeichnungen noch 1.000, nur die 300 Radierungen sind weitgehend unbestritten geblieben. Rembrandts Schüler arbeiteten weniger mit dem Meister als neben ihm, nach seinem Vorbild. Viele Gemälde – berühmtestes Beispiel: der Berliner "Mann mit dem Goldhelm" – zählen heute als Schülerarbeiten, man kann von "Mimikry" sprechen.

Es war die Geringschätzung der zeichnerischen Linie, die absolute Herrschaft des Malerischen, von Licht und Farbe, die manche Kritiker wie etwa Jacob Burckhardt zu Rembrandt auf Distanz gehen ließen. Carel van Mander hätte das verstanden, er empfahl jungen Malern dringend, mit der "sorgfältigen Manier" zu beginnen, mit der präzisen Zeichnung. Und Vasari warnte unbegabte Nachahmer vor der Annahme, Tizians "groß hingeworfene Pinselstrichen und Farbflecken" wären ohne Mühe gemalt. Zu welcher Vollendung Rembrandt diese scheinbar sorglose Malweise einmal führen würde, konnte er freilich nicht ahnen. Der Kunsthistoriker Ernst H. Gombrich zitiert ein chinesisches Sprichwort, um Rembrandts künstlerische Ökonomie verständlich zu machen: "Wo die Idee gegenwärtig ist, kann sich der Pinsel die Arbeit sparen."


Mehr im Internet:
Rembrandt van Rijn









Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

 

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