|
|
| |
| |
24.07.2006 - ROMANTIK
Begierden wie ein Mann, ohne Männerkraft
Vor 200 Jahren machte die Dichterin Karoline von Günderode ihrem Leben ein Ende
von Josef Tutsch
 | | Karoline von Günderode
* 11. Februar 1780 in Karlsruhe
† 26. Juli 1806 in Winkel am Rhein
| | | "Warum ward ich kein Mann! Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit. Nur das Wilde, Große, Glänzende gefällt mir. Es ist ein unseliges, aber unverbesserliches Missverhältnis in meiner Seele; und es wird und muss so bleiben, denn ich bin ein Weib und habe Begierden wie ein Mann, ohne Männerkraft. Drum bin ich so wechselnd und so uneins mit mir."
Es wird um 1800, zwischen Aufklärung und Romantik, viele Frauen gegeben haben, die so empfanden. Dass eine es auszudrücken wagte, war selten. Karoline von Günderode hatte poetisches Talent, im Alter von 24 Jahren machte sie sich mit einem Gedichtband in der literarischen Welt einen Namen. Geistesgeschichte schrieb sie jedoch nicht mit ihrem schmalen Werk, sondern durch ihr Ende. Am 26. Juli 1806, Karoline weilte bei einer Freundin in Winkel am Rhein, brach sie allein zu einem Abendspaziergang auf. Am Flussufer erstach sie sich mit einem Dolch. "Eine tiefe Wunde, nicht ganz ein Zoll lang; der Stich zwischen 4. und 5. Rippe in die linke Herzkammer eingedrungen", vermerkt das ärztliche Protokoll, nachdem man ihre Leiche im Wasser gefunden hatte.
 |
Friedrich Creuzer
| Es war eine traurige Liebesgeschichte. Karoline von Günderode (oder "Günderrode", mit zwei "r", wie die Familie den Namen zumeist schrieb) hatte zwei Jahre zuvor den Heidelberger Historiker und Philologen Friedrich Creuzer kennen gelernt. Sie erwiderte die Zuneigung des verheirateten Mannes, der aber nicht daran dachte, seine Ehefrau zu verlassen. Einen Augenblick spielte der Gelehrte mit dem Gedanken einer ménage à trois, ganz wie der junge Goethe es in seinem Skandaldrama "Stella" auf die Bühne gebracht hatte. Aber je länger, je mehr war Creuzer von dem "Wilden" an seiner Freundin befremdet: "Lina schickt sich zur Ehe nicht ..." Zu diesem Schluss war vor Creuzer schon der junge Rechtsgelehrte Friedrich Karl von Savigny gelangt: Er gab Karoline nach kurzer Werbung auf, heiratete dann die Schwester von Karolines Freundin Bettina von Arnim, Kunigunde.
Über ihre Idee, in Männerkleidern seine Vorlesungen zu besuchen, um ihm nah zu sein, konnte Creuzer wohl nur den Kopf schütteln. Im Sommer 1806 erkrankte er schwer, seiner Frau, die ihn gesund pflegte, schwor er, sich von der Geliebten zu trennen. Ob er geahnt hat, welche Konsequenzen "Lina" ziehen würde?“ "Den Verlust Deiner Briefe könnte ich nicht ertragen", hatte sie ihm geschrieben. "Wenn dem innigsten heiligen Leben Verderben droht, soll man es sicherstellen um jeden Preis." Um jeden Preis ...
 |
Bettina von Arnim
| Ein Gedicht lässt ahnen, wie sie sich ihren letzten Schritt romantisch ausgemalt haben mag: "In die heitre freie Bläue, in die unbegrenzte Weite will ich wandeln, will ich wallen. Nichts soll meine Schritte fesseln. Leichte Bande sind mir Ketten und die Heimat wird zum Kerker. Drum fort und fort ins Weite aus dem engen dumpfen Leben." Den Zeitgenossen muss die Günderode eine merkwürdige Erscheinung gewesen sein. Was von einer schriftstellernden Frau zu halten war, drückte der Freiherr von Knigge klipp und klar aus: „"ch tadle nicht, dass ein Frauenzimmer ihre Schreibart und ihre mündliche Unterredung durch einiges Studium und durch keusch gewählte Lektüre zu verfeinern suche, dass sie sich bemühe, nicht ganz ohne wissenschaftliche Kenntnisse zu sein; aber sie soll kein Handwerk aus der Literatur machen."
"O welche schwere Verdammnis, die angeschaffenen Flügel nicht bewegen zu können!" schrieb Karoline, die sich eingezwängt fühlte. Es war die Zeit der "Salonkultur": Auch in Deutschland (wie längst schon in Frankreich) wurde schöngeistigen Damen aus Adel und gebildetem Bürgertum nun eine kulturelle Rolle zugestanden, aber, bitte schön, mehr anregend denn selbst schöpferisch. Die Kaufmannfamilie Brentano aus Frankfurt am Main versammelte in Winkel im Rheingau einen solche Kreis. In Bettina von Brentano (ihr Porträt stand bis vor ein paar Jahren auf dem 5-DM-Schein) fand Karoline eine Freundin, die ebenfalls mehr wollte. Auch die Distanz zur vorgegebenen Frauenrolle verband die beiden. Bettina schilderte der Günderode den Kummer ihrer Familie: "Wo ich einen Mann hernehmen will, wenn ich Hebräisch lern? So was ekelt einen Mann ..."
 |
Goethes Mutter, Catharina Elisabeth
| Der Mann fand sich später doch, es war der Freund von Bettinas Bruder Clemens, Achim von Arnim. Bettina war die Lebensklügere der beiden Freundinnen, und nach fünf Jahren zerbrach die Freundschaft. Genauer: Karoline brach die Beziehung ab, erklärte, "dass wir uns ineinander geirrt haben und dass wir nicht zusammengehören". In dem Briefwechsel, den die Brentano später herausgab, ist der Bruch ausgelassen, ebenso wie der Tod am Rheinufer. Offenbar konnte Bettina Karolines Leidenschaft nicht verstehen. Sie muss sich deshalb Jahrzehnte lang ein Versagen vorgeworfen haben. Und zugleich machte sie der toten Freundin Vorwürfe: "Sie hätt’ noch lernen müssen, dass die Natur Geist und Seele hat und mit dem Menschen verkehrt und sich seines Geschickes annimmt."
Bettinas Bericht von dem traurigen Geschehen hat das Bild der Rheinromantik für zwei Jahrhunderte geprägt: "Da lag der herrliche Rhein mit seinem smaragdnen Schmuck der Inseln, da sah ich die Ströme von allen Seiten dem Rhein zufließen ... da fragte ich mich, ob mich die Zeit über diesen Verlust beschwichtigen werde, und da war auch der Entschluss gefasst, kühn mich über den Jammer hinauszuschwingen ..." Die Erschütterung ist vor dem Hintergrund des turbulenten Zeitgeschehens zu sehen. Gut ein halbes Jahr vor Karolines Tod hatte Napoleon die verbündeten Truppen Österreichs und Russlands besiegt, knapp drei Monate später brach Preußen zusammen. Auch ein Rückzug ins Private, das war die Lektion, die die Frühromantiker aus der traurigen Geschichte zu lernen hatten, vermochte nicht, vor Katastrophen zu bewahren.
 |
Zeitgenössische Illustra- tion zu Goethes "Leiden des jungen Werthers"
| Goethe muss es anders empfunden haben, in seinen beiläufigen Tagebuchnotizen glaubt man ein Ungehaltensein zu spüren. 11. August 1810 in Teplitz: "Mit Bettinen im Park spazieren. Umständliche Erzählung von ihrem Verhältnis zu Fräulein Günderode. Charakter dieses merkwürdigen Mädchens und Tod." 6. September 1814 im Rheingau: "Man zeigte mir am Rheine zwischen einem Weidicht den Ort, wo Fräulein von Günderode sich entleibt. Die Erzählung dieser Katastrophe an Ort und Stelle, von Personen, welche in der Nähe gewesen und teil genommen, gab das unangenehme Gefühl, was ein tragisches Lokal jederzeit erregt. Wie man Eger nicht betreten kann, ohne dass die Geister Wallensteins und seiner Gefährten um uns schweben."
Der Dichterfürst fühlte sich wohl erinnert, auch die Zeitgenossen fühlten sich erinnert. "Du sollst die Geschichte von der Günderode aufschreiben“, meinte Goethes Mutter in einem Brief an Bettina, große und seltene Begebenheiten solle man begraben in einem schönen Sarg der Erinnerung. „Das hat der Wolfgang gesagt, wie er den Werther geschrieben hat." Die Leiden des jungen Werthers ... Wie Goethe selbst inzwischen die Wirkung seines frühen Romans von der "Grille des Selbstmords" beurteilte, lässt eine unwirsche Bemerkung ahnen, die Benjamin de Constant 1804 überliefert hat: "Wenn es Narren gibt, denen das Lesen dieses Buches übel bekommt, nun – meinetwegen!" Ob er mitbekommen hat, wie todessüchtig Karoline selbst sich im Gespräch mit Bettina über seinen Bestseller äußerte? "Recht viel lernen, recht viel fassen mit dem Geist, und dann früh sterben; ich mags nicht erleben, dass mich die Jugend verlässt."
 |
Das Brentanohaus in Winkel am Rhein
| Den Professor aus Heidelberg plagten derweil andere Sorgen. Er hatte es übernommen, einen neuen Dichtungsband von Karoline in den Druck zu geben. Nach dem Tod der Freundin glaubte er, sich selbst in dem Buch wiederzuerkennen, und zog die Druckfahnen aus Furcht vor einem Skandal ein. Die Furcht war nicht aus der Luft gegriffen: Noch 1840, als Bettina von Brentano, inzwischen verheiratete und verwitwete von Arnim, den Briefwechsel herausgab, beschwor sie Bruder Clemens, um der Familie willen davon abzusehen. Bettinas Sohn Siegmund äußerte sich dagegen gelassen: "Ich sehe mit Sehnsucht der Zeit entgegen, wo ich Tausende von Exemplaren kreuzweise benutzen werde."
Der jungen Generation war der romantische Gefühlsüberschwang fremd geworden. Das späte 20. Jahrhundert hat die Geschichte der Günderode wiederentdeckt, wiederum mit anderem Blickwinkel: Die frühromantischen Autorinnen wurden zum Exempel für den Umbruch der Frauenrolle im Übergang zur modernen Welt. Christa Wolf konfrontierte in der Erzählung "Kein Ort. Nirgends" die Dichterin mit einem anderen tragischen Außenseiter dieser Epoche, Heinrich von Kleist, der fünf Jahre nach Karoline von Günderode seinem Leben ein Ende machte.
Mehr im Internet: Karoline von Günderode
 |
Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur |
|
|
|
|
| |
|
 |
Die EU-Kommission erwägt, den Mitgliedsstaaten freie Hand für Verbot oder Zulassung des Anbaus genetisch manipulierter Pflanzen zu geben. Dies teilte die Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel in Brüssel mit.
Amerikanische Ärzte glauben, ei- nem Impfstoff gegen AIDS näher gekommen zu sein. Sie modifizierten ein menschliches Protein, das in abgewandelter Form auch bei Nachtaffen vorkommt und die Ausbreitung des HI-Virus bremst, derart, dass es die gleiche hemmende Wirkung entwickelt.
Ab sofort soll die Meteorologische Organisation der UNO (WMO), ein weltumspannendes Informationssystem über Klimadaten aufbauen. Dies beschloss die Weltklimakonferenz der WMO in Genf.
Die Spucke einer südamerikani- schen Zeckenart könnte die Krebsbe- kämpfung revolutionieren. Ärzte vom Butantan-Institut in Sao Paulo stellten fest, dass die Spucke Krebszellen abtötet.
Bei geschlossener Schneedecke fressen Kohlmeisen Zwergfledermäuse, die sich im Winterschlaf befinden. Diese flexible Anpassung an das Futterangebot haben Max-Planck-Ornithologen in einer Höhle in Ungarn beobachtet. Sobald anderes Futter verfügbar war, verloren die Meisen ihr Interesse an den Fledermäusen.
28.08.2009 - ÖKOLOGIE
Wissenschaftler und das Bundesamt für Naturschutz fordern ökonomische Wertung ökologischer Leistungen. > mehr
 |
Gesichter der Goethezeit > mehr
|
 |
Ungleiche Geschwister - Philosophie und Religion > mehr
|
 |
Klassische Denker der Politik und Soziologie > mehr
|
 |
Das Papsttum - Glanz und Elend einer zweitausend- jährigen Geschichte > mehr
|
 |
Charles Darwin und der Streit um die Evolutions- theorie > mehr
|
 |
Bilder, Worte, Wirklich- keiten > mehr
|
Weitere Scienzz Dossiers > mehr
Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.
Im Dschungel von Papua-Neugui- nea entdeckten Wissenschaftler vom Smithsonian Nationalen Museum für Naturkunde in Washington ein Nagetier, das die Größe eines Dackels erreicht. Die Riesenratte misst gut 80 Zentimeter und wird anderthalb Kilogramm schwer.
Der Schwanz, den Geckos auf der Flucht vor Verfolgern abwerfen, kann noch bis zu einer halben Stunde lang tanzende Bewegungen vollführen und den Feind auf diese Weise ablenken, so Zoologen der Clemson University in South Carolina.
Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.
In einem erloschenen Vulkan auf der Osterinsel entdeckten Forscher der Universität von Manchester einen Steinbruch. Aus dieser Quelle könnten auch die roten Hüte stammen, die viele der legendären Riesenfiguren tragen, vermuten die Wissenschaftler.
Der deutsche Bundestag hat alle im Zweiten Weltkrieg gegen "Kriegsverräter" ausgesprochenen Urteile mit den Stimmen aller Fraktionen aufgehoben. Die Anlässe für diese Urteile reichten von politischem Widerstand und der Hilfe für verfolgte Juden über kritische Äußerungen über Krieg und Nazis bis hin zu Schwarzmarktgeschäften.
... LEUTE in scienzz |
03.08.2009 - MATHEMATIK Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin
"Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr
17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE
EVIDENCE how do we know what we know?
"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr
Anzeigen

|