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21.07.2006 - LITERATUR
Die Destruktion der Romantik
zum 150. Geburtstag von George Bernard Shaw
von Josef Tutsch
 | | George Bernard Shaw
* 26. Juli 1856 Dublin
† 2. Nov. 1950 Ayot Saint Lawrence
| | | "Die Sozialisten und Unabhängigen applaudierten wütend aus Prinzip; die gewöhnlichen Premierenbesucher zischten aus demselben Grund wie rasend; und da ich zu jener Zeit einige Übung als Radauredner hatte, hielt ich vor dem Vorhang eine Ansprache ... Ich hatte keinen Erfolg erzielt, aber ich hatte einen Aufruhr verursacht; und diese Empfindung war so angenehm, dass ich beschloss, es noch einmal zu versuchen."
So erzählte George Bernard Shaw später über die Premiere der "Häuser des Herrn Sartorius" 1892, einer unerquicklichen Komödie, die sich um den Profit mit der Vermietung von Elendsquartieren dreht. Kein Zweifel, der junge Shaw sah sich gern als Radaudramatiker, und wenn er gelegentlich sagte, seine Werke "sollten das Publikum bestimmen, bei den nächsten Wahlen zum Londoner Grafschaftsrat für die Seite des Fortschritts zu stimmen", war das nur halb und halb Ironie. Der Sozialismus war seine Leidenschaft, auch noch Jahrzehnte später, als er in einer Rede an das sowjetische Volk erklärte: "Wenn Sie Ihr Experiment bis zum endgültigen Triumph durchführen, und ich weiß, dass Sie das tun werden, so werden wir im Westen, die wir den Sozialismus nur nebenbei betreiben, in Ihre Fußstapfen treten müssen, ob wir wollen oder nicht."
 | Major Barbara
| Intellektuelle und Politik ... 1928, im "Wegweiser für die intelligente Frau zum Sozialismus und Kapitalismus", plädierte Shaw dafür, sämtliche gesellschaftlichen Vorgänge zentral zu regulieren, einzige Ausnahme: die Wahl des Ehepartners. Gelegentlich kam er aber doch zu der Einsicht, dass er sich von seinen Wünschen hatte mitreißen lassen. 1944 schrieb er ahnungsvoll: "Es mag sich herausstellen, dass der Sozialismus in korrupten und dummen Händen viel korrupter ist als eine Plutokratie, die einfach nur selbstsüchtig ist."
Shaws Theaterkarriere (mit mehr als 50 Stücken!) muss ein langer Lehrgang in Resignation gewesen sein. Publikum und Literaturkritik genossen die witzige, im Plauderton vorgetragene Gesellschaftskritik, blieben von der Weltanschauung aber unberührt. "Es ärgert mich, Leute behaglich zu sehen, wenn sie sich unbehaglich fühlen sollten, und ich bestehe darauf, sie zum Denken zu zwingen." Manchmal brach wie in einem Aufschrei die Bitterkeit durch, so schon 1905 im Vorwort zu "Major Barbara": "Ich, der ich wie ein Enzyklopädist gepredigt und Flugschriften verfasst habe, muss bekennen, dass meine Methoden keinen Nutzen haben."
 | Caesar und Cleopatra
| Zum Glück war der immer wieder scheiternde Propagandist doch vor allem eine Künstlernatur. Schreiben machte ihm Spaß, das stellte auch der junge Bert Brecht fest, als er zum 70. Geburtstag eine Hommage schrieb. Sollte Shaw sie gelesen haben, wird er von mancher Passage sehr enttäuscht gewesen sein: "Was Shaws eigentliche Ideen betrifft, so könnte ich im Augenblick keine einzige aus dem Gedächtnis nennen, die für ihn bezeichnend wäre, obgleich ich natürlich weiß, dass er solche eine Menge hat ..." – der spätere Klassiker des Marxismus auf dem Theater über einen Kollegen, der sich seit Jahrzehnten als Marxist verstand. "Marx war eine Enthüllung. Er öffnete mir die Augen für die Tatsachen der Geschichte und Zivilisation. Er versah mich mit einem Lebenszweck, mit einer Mission."
Verstand? Eher wohl missverstand. Shaw ging auf die Probleme der Gesellschaft mit einem unverwüstlichen Optimismus los ("geistige und körperliche Gesundheit", sagte Brecht). Alle Konventionen wurden mit den Maßstäben der Vernunft gemessen und in blitzenden Apercus lächerlich gemacht. Der Teufel, sagte Shaw gelegentlich, sei "die Ersetzung intellektueller Tätigkeit und Ehrlichkeit durch die sinnliche Ekstase". Das Böse war im Grunde bloß ein Defizit menschlicher Erkenntnis, tragische Ausgänge brauchte es nicht zu geben, wenn nur – ja wenn die ganze Gesellschaft rational organisiert wäre.
 | Helden
| Dieser Optimismus trennte Shaw von den Tragödien seines großen Lehrmeisters Hendrik Ibsen. Und er trennte ihn von Shakespeare, dem er vorhielt, das Leben realistisch zu sehen, aber "romantisch" darüber zu denken. Eine von Shaws "Helden"-figuren, der Caesar von 1901, wurde ausdrücklich im Widerspruch zu Shakespeare gestaltet: ein Politiker, der von Illusionen und Vorurteilen frei ist. Darin deutete sich allerdings bereits eine Kehrseite der Shawschen Aufklärung an, die in den späten Dramen zum Ausbruch kommt: die Vorliebe für die "großen Männer".
Von diesem Problem ist Shaws erstes Erfolgsstück, "Helden" von 1898 mit einem Schweizer, der die Sentimentalitäten von Krieg und Patriotismus destruiert, noch gänzlich frei. Welche Attacke auf eine ganze abendländische Bildungstradition darin steckt, wird von dem deutschen Titel leider verschleiert. "Arms and the Man" heißt es im Englischen; das persifliert die Gründungsgeschichte Roms, die ersten Worte von Vergils Heldengedicht "Aeneis", "Waffen sing ich und Mann ..."
 | Shaw am Schreibtisch
| Die Destruktion konnte eben nur von jemandem kommen, der in dieser Bildungstradition zu Hause war. "Ich konnte die Hauptwerke von Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, Rossini, Bellini, Donizetti und Verdi von vorn bis hinten singen und pfeifen, ich war gesättigt mit englischer Literatur von Shakespeare und Bunyan bis Byron und Dickens" – was den Musik- und Theaterkritiker Shaw nicht davon abhielt, für das Neue einzutreten. Shaw war begeisterter Wagnerianer, wenngleich sich Wagner weniger gut pfeifen ließ als Rossini.
Ironie des Schicksals: Dem breiten Publikum ist Shaw heute vor allem durch eine musikalische Verarbeitung geläufig, die er selbst kaum gebilligt hätte. Das Musical "My Fair Lady" bietet, was der Dramatiker in seiner Komödie "Pygmalion" sorgsam vermieden hat, ein "romantisches" Happy-End. Ist ein größerer Kontrast denkbar? Zwischen den letzten Takten von Fredrick Loewe einerseits, dem Dialog zwischen Professor und ehemaligem Blumenmädchen über den Kauf von Schinken, Käse, Rentierlederhandschuhen und Krawatte andererseits? "Liza verachtungsvoll: Kaufen Sie sich die Sachen selber."
 | Die heilige Johanna
| Seinen ausgefeiltesten Stückschluss hat Shaw in der dramatischen Chronik von der "Heiligen Johanna" vorgelegt. "Soll ich vom Tode auferstehen und als lebendiges Weib zu euch zurückkehren?" fragt die Heilige, Die Reaktion ihrer Zuhörer: "Alle springen entsetzt auf die Beine". "Oh, kehre nicht zurück", antwortet einer der Peiniger. "Du darfst nicht wiederkehren. Ich muss in Frieden sterben." "Wir sind noch nicht gut genug für dich", sagt ein anderer. "Noch nicht": Der Dichter hatte seinen Optimismus nicht etwa aufgegeben, die schöpferische Evolution, von der Shaw träumte, mit ihrer Befreiung der Intelligenz von den Fesseln der Materie, dauerte nur ziemlich lange. "Oh Gott, der du diese wundervolle Erde geschaffen hast, wie lange wird es dauern, bis sie bereit sein wird, deine Heiligen zu empfangen, wie lange, oh Gott, wie lange?" fragt Johanna.
Mehr im Internet: George Bernard Shaw Love Story einer künstlichen Herzogin
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur |
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