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18.07.2006 - KULTURWISSENSCHAFT

Die Muse wollte gelesen werden

Ein Lüneburger Kulturwissenschaftler zur Geschichte des Lesens und Schreibens

von Josef Tutsch

 
 

In der Herzog-August-Bibliothek
Wolfenbüttel, im Vordergrund die
Rekonstruktion eines Leserads

1588 gelang dem italienischen Ingenieur Agostino Ramelli eine sehr praktische Erfindung: das "Leserad", eine Art rotierendes Lesepult. Wenn ein Gelehrter mehrere umfangreiche Folianten gleichzeitig benutzen musste, konnte er sie auf den Platten auslegen und sich durch Drehen am Rad bequem vorführen. Heutzutage behelfen wir uns damit, mehrere Bücher auf dem Schreibtisch nebeneinander zu platzieren. Oder, wenn das Material digital vorhanden ist, durch Tastenclick zwischen mehreren Fenstern auf dem Bildschirm zu wechseln.

Es ist ein beliebtes Thema intellektueller Talkrunden, wie sich unser Umgang mit den Kulturtechniken Lesen und Schreiben durch die neuen technischen Möglichkeiten verändert. Die Antworten reichen vom apokalyptisch ausgerufenen Tod des Buches ("Ende der Gutenberg-Galaxis") bis zur nüchternen Feststellung, dass auch eine CD-ROM gelesen werden will. Peter Stein, Kulturwissenschafter an der Universität Lüneburg, konzentriert sich lieber auf das, was in der Geschichte der Schriftkultur empirisch überprüfbar ist.

Zeitgenössische Darstellung
eines "Leserads"

Unvermeidlich scheint dabei zwischen oder hinter den Zeilen doch immer wieder die Frage nach der Zukunft auf. Das beginnt bereits bei der Erfindung der Schrift vor 5.000 oder 6.000 Jahren. Auch dieser kulturelle Fortschritt (vor allem, dass die Stimme der Toten nun über die Zeit hinweg zu den Nachgeborenen sprechen kann) hatte seinen Preis. Die enormen Gedächtnisleistungen, die in nicht-schriftlichen Kulturen bei Heldenepen oder heiligen Schriften erbracht wurden, können wir uns gar nicht mehr vorstellen.

Tiefer gehen die Zweifel, die bereits Platon an der Authentizität des geschriebenen Wortes vorbringt: Gegenüber der lebenden und beseelten Rede des wahrhaft Wissenden könne man die geschriebene Rede bloß "wie ein Schattenbild" ansehen. In einem Paulusbrief ist der Gedanke auf eine griffige Formel gebracht: "Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig."

Schade, dass Platon und Paulus die Erkenntnisse der modernen Geschichtswissenschaft zu den frühesten Hochkulturen nicht gekannt haben. Danach wurde die Schrift in Ägypten und Mesopotamien nicht erfunden, um Ideen festzuhalten, sondern um Güterverkehr und Dienstleistungen in der Tempelwirtschaft kontrollieren zu können. Stein macht plausibel, warum ein Übergang zur konsequent phonetischen Alphabetschrift, wie sie uns so praktisch und selbstverständlich vorkommt, damals gar nicht gewollt war: Die Anbindung der Schrift an die sich wandelnde Sprechsprache wäre eine Konzession an die Vergänglichkeit gewesen.

Imhotep, der ägyptische
Gott des Schreibens

Mitten hinein in aktuelle Debatten stößt Stein mit seinen Thesen über den "Sonderweg griechischer Kulturentwicklung". Kurz zusammengefasst: Dem Lüneburger Kulturhistoriker zufolge war das Entscheidende nicht das Alphabet selbst, das von den Phöniziern übernommen und um Vokalzeichen ergänzt wurde. Die Schrift erhielt ihre besondere Funktion in der Tradierung des kulturellen Gedächtnisses. Da sie nicht für Herrschaftszwecke in Staat und Religion reserviert war, wurde sie frei für Dichtung und Wissenschaft. Stein zitiert den amerikanischen Altphilologen Eric A. Havelock: "Die singende Muse übersetzt sich selber in eine schreibende; sie, die von den Menschen gehört werden wollte, fordert sie jetzt zum Lesen auf." Und den Heidelberger Kulturhistoriker Jan Assmann: "Nicht mehr Sprecher reagieren auf Sprecher, sondern Texte reagieren auf Texte."

Ob das der geeignete Weg ist, das griechische Wunder, wie es gerade in Deutschland Jahrhunderte lang empfunden wurde, zu verstehen, wäre lange zu diskutieren. Sicher ist, dass im Athen des 5. Jahrhunderts vor Christus mindestens die männlichen Vollbürger, etwa ein Viertel der gesamten Bevölkerung, Lesen und Schreiben gelernt hatten – eine Zahl, die in manchen Ländern der Welt bis heute nicht erreicht wird. Was uns von der antiken Schrift- und Lesekultur trennt, ist vor allem die Praxis des – fürs eigene oder auch fremde Ohr – hörbaren Lesens. Die scheinbare Selbstverständlichkeit, dass die Schrift eine sichtbare Sprache ist, die durch das Auge unmittelbar das Denken anspricht, muss sich in den Klöstern des hohen Mittelalters verbreitet haben.

In einem mittelalter-
lichen Scriptorium

Da drängen sich dem Laien allerlei Fragen auf, die nur spekulativ zu beantworten sind. Ob die alten Griechen und Römer in der Lage waren, einen Text "diagonal" zu lesen? Immerhin ist das die Art, wie wir heutzutage einen großen Teil unserer Lektüre absolvieren, wenn es sich nicht gerade um große Dichtung handelt, die wie Musik genossen werden wollen. Diese Parallele deutet Stein nur an: Dem gewöhnlicher Leser der Antike dürfte das stumme Lesen von Texten "ähnlich schwer erschienen sein, wie dem heutigen das stumme Lesen von Musiknoten". Noch weitergehend gefragt: Wie verändert es den Schreibstil eines Autors, dass seine Texte gar nicht Wort für Wort, sondern bloß im Überflug zur Kenntnis genommen werden?

In Büchern – oder vielmehr Schriftrollen – blättern konnte man bis in die Spätantike hinein jedenfalls nicht. Warum die Lesewelt dann zum gebundenen Kodex überging, muss Stein offen lassen, die Entwicklung scheint mit dem Aufstieg des Christentums zusammenzuhängen. Ähnlich offen ist bis heute die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Erfindung des Buchdrucks und der Reformation. Dass die neuen Ideen durch die neue Technik rasant zu verbreiten waren, ist jedenfalls viel zu einfach. Stein macht auf einen subtileren Gleichklang aufmerksam: das protestantische Prinzip von der einzigen Autorität des heiligen Buches einerseits, die Typographie, die jedem Lesekundigen – ohne Umweg über die Kirche – den Zugang zur Schrift ermöglichte, andererseits.

Gutenbergs Bibel, um 1453

Wer heute mit den neuen Computertechniken seine Not hat, mag sich mit einem Vorkommnis aus der Zeit des frühen Buchdrucks trösten. Stein kolportiert die Anekdote, dass 1487 in Freising fünf Mönche beauftragt waren, 400 gedruckte Exemplare eines Messbuchs auf Fehler hin durchzusehen –und zwar einzeln: "Noch immer musste der Augenschein bestätigen, was dem Verstand nicht einleuchten sollte: dass nämlich der Druck identische Exemplare erzeugte." Durch Vervielfältigung auf dem vergänglichen Papier hatte Gutenbergs Erfindung der Schrift eine im Vergleich zu den Produkten der klösterlichen Schreibstuben beinahe mühelose Unsterblichkeit gesichert.

Wie die Entwicklung heute, im Zeitalter der "Medienkonkurrenz", weiter geht, deutet Stein bloß an. So stehen denn widersprüchliche Tendenzen nebeneinander. Bücher sind heute offenkundig weiter verbreitet denn je zuvor, aber großenteils als Wegwerfware, auf Papier, das binnen weniger Jahrzehnte zerfällt. Compact Discs sollen 10 Jahre halten; nur glaubt niemand, dass es dann noch die Geräte geben wird, mit denen sie zu lesen wären. Aber gemach – der Vorgang des Kopierens und Umkopierens ist in der Kulturgeschichte gewohnt, zum Beispiel in der späten Antike, als viele klassische Texte von den Papyrusrollen in die Pergamentkodices übertragen wurden – und viele andere verloren gingen.

Der gute alte Buchdruck

Schwer zu interpretieren sind auch die Statistiken zur Lese- und Schreibfähigkeit. Anscheinend steigt zum Beispiel in Deutschland die Zahl derer, die regelmäßig und viel lesen (28 % nach einer Erhebung um die Jahrtausendwende); umstritten ist jedoch, ob gleichzeitig die Zahl der Nichtleser zurückgeht oder vielmehr ebenfalls ansteigt (zwischen 20 und 30 %). Ende der Schriftkultur? Vor mehr als 150 Jahren malte Victor Hugo in seinem Mittelalter-Roman vom "Glöckner von Notre-Dame" einen solchen Untergang: "Dieses wird jenes töten. Das Buch wird das Gebäude töten ... Eine Macht ist in der Gefahr, von einer anderen Macht verdrängt zu werden; die Buchdruckerpresse wird die Kirche töten."

Verkneifen wir uns die Frage, wie historisch oder unhistorisch der Romancier den Übergang vom Mittelalter zur Moderne gesehen hat. Apokalypsen sind jedenfalls nicht die Sache des Lüneburger Kulturwissenschaftlers. Er führt lieber Loriot an, der "den gut angezogenen Verächtern der Buchkultur mit einer Karikatur, in der einen Mann einem Buch einen lässigen Buchtritt versetzt, ein ironisches Denkmal gesetzt" habe: "Der Tritt gegen das Buch trifft den, der tritt."


Neu auf dem Büchermarkt:
Peter Stein. Schriftkultur. Eine Geschichte des Schreibens und Lesens,
Primus Verlag/Wissenschaftliche Buchgesellschaft (ISBN 3-89678-564-0) 2006,  34,90 €


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Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

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