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kultur

05.08.2008 - GESCHICHTE

Mit eingedrückter Nase und Ölzweig auf dem Haupt

Sportfans und Sportmuffel in der klassischen Antike - ein Blick auf die Spiele von Olympia

von Josef Tutsch

 
 

"Höher als alle Kraft der Männer und der Rosse steht Weisheit. Was nützt einer Stadt ein Wettsieg ihrer Söhne?“ schrieb um 500 vor Christus der griechische Philosoph Xenophanes. Man sieht, auch die alten Griechen hatten ihre Sportskeptiker. Repräsentativ für das klassische Altertum sind eher die Verse des Dichters Pindar, gerichtet an den Ölbaum, dessen Kranz bei den olympischen Spielen die Goldmedaille vertrat: "Nimmer verlöschenden Ruhm hat, wer deine herrliche Zierde als Krone trägt!

In der Tat, vor unserer Moderne hat es niemals eine Kultur gegeben, die ihre Sportler derart verschwenderisch mit Ehrungen überhäufte wie die Griechen. Die Sieger hätten am äußersten Ziel des Glücks den Anker geworfen“, "die Säulen des Herakles erreicht“, sang Pindar, und hielt die Warnung für angebracht, der Mensch möge nicht versuchen, ein Gott zu werden. Das war kein leeres Gerede. So verehrte die Stadt Segesta auf Sizilien einen ihrer Olympioniken nach dem Tod als Heros und bedachte ihn generationenlang mit Opfern. Die Siegerstatuen im Heiligen Bezirk von Olympia kündeten noch nach Jahrhunderten von den Triumphen. Als der Reiseschriftsteller Pausanias im 2. Jahrhundert nach Christus die Sportstätten besuchte, fand er ein riesiges Freiluftmuseum vor, eine vollständige Sammlung der Portraitplastiken in Erz und Marmor über fast ein Jahrtausend, von der Archaik bis in seine Gegenwart.

Ob die "Helden“ zu Lebzeiten immer ganz glücklich geworden sind mit ihrem Beruf? Eingedrückte Nasen und zerquetschte Ohren waren das Schicksal jedenfalls der Kampfsportler; in der berüchtigten Disziplin des Pankration war nämlich alles und jedes erlaubt. Die älteste Wettkampfart – den Siegerlisten zufolge seit 776 – soll das Laufen, mit oder ohne Waffen, gewesen sein; seit 708 galt ein "klassischer“ Fünfkampf mit Laufen, Weitsprung, Diskus- und Speerwurf sowie Ringen. Später kam noch ein Faustkampf nach Regeln hinzu. Und bereits seit 680 – ein Höhepunkt für das schaulustige Publikum - das Wagenrennen mit dem Viergespann.Wagenrennen

Alter Sage zufolge wäre das Wagenrennen sogar der Ursprung dieser olympischen Spiele gewesen: Der Ostgiebel des großen Zeustempels zeigte die Wettfahrt des mythischen Helden Pelops mit König Oinomaos – Brautwerbung als Kampf zwischen Bräutigam und Schwiegervater, ein verbreitetes Märchenmotiv. Kulturhistoriker vermuten heute, dass am Anfang Leichenspiele standen, also ein Begräbnisritual; wenn Blut floss, mochte das dem Toten im Jenseits Genugtuung verschaffen. Natürlich waren die Spiele zunächst Privileg reicher Adelscliquen, deren Dasein auch sonst in Krieg und Jagd und Gelage aufging.

Der Historiker Jacob Burckhardt hat dieses Kampfspiel als spezifischen Grundzug des frühen Griechentums gedeutet: "Stets sich als Bester bewähren und trefflicher sein als die andern“, wie es in einem Homer-Vers heißt. Man darf vermuten, dass diese Mentalität, an sich für alle aristokratischen Gesellschaften typisch, angesichts der demokratischen Umgestaltung vieler Stadtstaaten nochmals ideologisch gesteigert wurde. Sich den Lebensunterhalt mit seiner Hände Arbeit zu verdienen, galt als entwürdigend. Das 19. Jahrhundert hat daraus das Ideal des "Amateurs“ abgeleitet.

Natürlich lief die Realität auch damals schon anders. Die "Demokratisierung“ des Sports brachte (ganz ähnlich wie in der Politik) den Typus des "Professionellen“ hervor. Berühmtestes Beispiel: der Ringer Milon aus Kroton, sechsmal Olympiasieger und mehrfach Gewinner auch in den drei anderen panhellenischen Wettspielen – offenbar mehr als ein Vierteljahrhundert Berufssport. Das Einfallstor für das große Geld bildeten vor allem die Wagenrennen; da nämlich wurden nicht nur die Sportler, sondern auch die Rennstallbesitzer gefeiert. Das gab selbst Frauen, die ansonsten ausgeschlossen waren, die Möglichkeit, als "Sieger“ in die olympischen Annalen einzugehen.

Der Ausschluss des weiblichen Geschlechts: Das war einer der drei Punkte, die nach unserem Verständnis der Universalität dieser Spiele im Wege standen. Alle Teilnehmer mussten männlich sein, griechisch sprechend und von freier Geburt. Platon erntete mit seinem Vorschlag, im Idealstaat auch die Frauen den sportlichen Übungen zu unterziehen, nur Kopfschütteln. Auch die sportlichen Wettkämpfe im antiken Griechenland waren eben Teil einer durch und durch männlich geprägten Kultur. Frauen wurden nicht einmal als Zuschauer zugelassen. Eine Sportmode gab es übrigens auch nicht: Alle Athleten waren nackt, angeblich, damit keine Frau Gelegenheit hätte, sich heimlich hineinzustehlen.

Ein Fest der freien griechischen Männer: Sonst gab es nicht viel, was die Griechen über ihre kleinen Stadtstaaten hinaus miteinander verband. Für die Spieltage mitsamt An- und Abreise verkündeten die Herolde des Staates Elis in ganz Griechenland eine Waffenruhe – bis Faustkämpferauf wenige Ausnahmen mit Erfolg. Es muss alle vier Jahre eine kleine Völkerwanderung gewesen sein. Das Stadion fasste 40.000 Zuschauer. Sehr früh gab es auch ein kulturelles Rahmenprogramm: Pindar trug seine Siegeshymnen vor, Herodot las aus seinem Geschichtswerk. Die politische Prominenz verhandelte über Krieg und Frieden, schloss Staatsverträge und Bündnisse ab.

Vor allem aber war Olympia eine religiöse Veranstaltung. So war es nur konsequent, dass der christliche Kaiser Theodosius 395 die Spiele verbot: Sie standen von jeher unter dem Schutz des Göttervaters Zeus. Sein 13 Meter hohes Standbild, das Phidias um 430 vor Christus aus Gold und Elfenbein geschaffen hatte, galt als eines der sieben Weltwunder; es sei ein Unglück, sagte die Antike später, wenn man dieses Werk vor dem Tod nicht gesehen habe. Eine Reihe weiterer Zeusbilder befanden sich am Eingang des Stadions; sie waren aus den Bußgeldern finanziert, die der eine oder andere Athlet wegen eines Bestechungsversuchs zu erlegen hatte.

Sport und Geld, Sport und Politik ...   Einmal musste die Veranstaltung verschoben werden, weil Kaiser Nero verhindert war. Zwei Jahre darauf ging er aus dem Wagenrennen, wie erwartet, als Sieger hervor und trat auch im Beiprogramm als umjubelter Schauspieler auf. Bereits ein halbes Jahrtausend zuvor hatte ein junger Mann aus der athenischen High society demonstriert, dass ein olympischer Ölzweig in politisches Kapital zu münzen war: Alkibiades ließ gleich sieben Viergespanne auf einmal antreten und errang prompt den ersten, zweiten und vierten Platz. – "zum Nutzen der Stadt vor ganz Griechenland“, so seine Propaganda, die uns heute reichlich vertraut klingt. In weniger gut betuchten Familien muss das Beispiel als Alptraum gewirkt haben. "Das ist grad mein Ruin! Von nichts als Rossen spricht er selbst im Traum!“ jammert in einer Komödie des Aristophanes ein Vater über die Zukunftsträume seines hoffnungsvollen Sprösslings.


Mehr im Internet:
Die olympischen Spiele der Antike 
scienzz artikel Sport
Geist in den Beinen und Football in der Hand, scienzz 06.06.2008

 




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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