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04.08.2006 - GESCHICHTE

Das Reich, das keines war

Vor 200 Jahren endete das Heilige Römische Reich Deutscher Nation

von Josef Tutsch

 
 

Die Krone des Heiligen Römischen
Reiches (10. Jahrhundert), in der
Wiener Weltlichen Schatzkammer

Am 6. August 1806 trat ein Herold auf den Balkon der Wiener Kirche zu den neun Engelchören und verlas eine Erklärung: Franz II., "von Gottes Gnaden erwählter Römischer Kaiser", legte die Kaiserkrone nieder und entband alle Fürsten und Stände von ihren Pflichten. Das Heilige Römische Reich hatte aufgehört zu bestehen.

Es war das Ende einer langen Tradition. Kaiser Franz hätte auf die Frage nach dem Begründer seines Reiches vermutlich Karl den Großen genannt, mit der Kaiserkrönung an Weihnachten 800. Vielleicht hätte er sich auch auf Konstantin berufen, den ersten christlichen Kaiser Roms, oder gleich auf Caesar und Augustus. Von alledem war kaum etwas geblieben. Bereits Jahrzehnte vor dem Totenschein von 1806 hatte Voltaire gespottet, dieses "Heilige Römische Reich" sei weder heilig noch römisch und auch kein Reich.

Karl der Große in St.Bartholo-
mäus, Frankfurt
Nicht heilig: Mit diesem Adjektiv, bezogen auf Politik, wussten die Zeitgenossen nichts mehr anzufangen. Als 1803 die deutschen Fürsten den Bischöfen und Äbten ihre weltliche Herrschaftsgewalt nahmen, bedauerte das kaum jemand. Nicht römisch: Es war Jahrhunderte her, dass zum letzten Mal ein deutscher König Rom betreten und sich dort vom Papst die Kaiserkrone hatte aufsetzen lassen. Und kein Reich: Macht hatte der Kaiser außerhalb seiner Erblande längst nicht mehr auszuüben; 1648 war im Westfälischen Frieden allen Ständen das Recht zur eigenen Kriegführung verbrieft worden.

Geblieben war eine altehrwürdige Tradition, der die Staatsrechtler keinen Begriff zu geben wussten. 1667 schrieb Samuel von Pufendorf, vom Standpunkt der Logik her gleiche dieses Reich einem "Monstrum". 1802 übte der junge Hegel sich in Dialektik: Deutschland sei kein Staat und doch ein Staat, nämlich ein Staat bloß in Gedanken, nicht in der Wirklichkeit. "Deutschland": So ließ sich das "Römische Reich" nämlich informell oder mündlich nennen. Der universale Anspruch war seit dem späten Mittelalter auf die Länder "deutscher Nation" reduziert.

Franz II., der letzte
Ob Kaiser Franz, als er die Abdankungsurkunde in Auftrag gab, an die biblischen Grundlagen seiner Herrschaft gedacht hat? Jahrhunderte lang wurde die Vision des Propheten Daniel im Alten Testament als Weissagung auf das Römische Reich gedeutet. Es sollte das letzte Reich der Weltgeschichte sein, danach konnte nur noch der Antichrist kommen. Da auch dieses Reich jedoch untergegangen war, wurde im Mittelalter die Theorie entwickelt, dass die römische Kaiserwürde durch göttlichen Willen auf die Franken und später auf die Deutschen übertragen worden sei.

In den Jahren um 1800 hatte der Antichrist bei vielen Zeitgenossen einen Namen: Napoleon. Am 2. Dezember 1804 krönte sich der General Bonaparte in Paris zum Kaiser der Franzosen, im Juli 1806 ließ er 16 deutsche Fürsten ihren Austritt aus dem Römischen Reich verkünden. Nach Wien erging das Ultimatum, die Kaiserkrone niederzulegen. Franz II. musste sich beugen, und er tat noch mehr: Offenbar in der Furcht, Napoleon könnte sich die freigewordene Krone aufs eigene Haupt setzen, erklärte er das "reichsoberhauptliche Amt" für erloschen. In Voraussicht der Dinge hatte er bereits im August 1804 für seine habsburgischen Erblande ein "Kaisertum Österreich" proklamiert.

Die Kirche zu den neun Engelchören in
Wien, Am Hof
Der 6. August 1806 war nur der Abschluss eines langen, sehr langen Sterbens. Bereits neun Jahre zuvor hatte der Publizist Joseph Görres eine ironische Urkunde formuliert: "Am 30. Dezember 1797, nachmittags um 3 Uhr, starb im blühenden Alter von 995 Jahren, 5 Monaten, 28 Tagen sanft und selig an einer gänzlichen Entkräftung und hinzugekommenem Schlagflusse, bei völligem Bewusstsein und mit allen heiligen Sakramenten versehen, das Heilige Römische Reich schwerfälligen Andenkens." Es war der Tag, an dem die Stadt Mainz, der Sitz des Reichserzkanzlers, von französischen Truppen besetzt wurde.

Spätere Historiker haben andere Daten genannt, an denen das Reich am Ende war, etwa den Juli 1792. Im Mainz versammelten sich die geistlichen und weltlichen Fürsten um den neugekrönten Kaiser, eben Franz II., und während dessen verhandelten insgeheim die Abgesandten Österreichsund Preußens, wie sie nach dem erhofften Sieg über das revolutionäre Frankreich Mitteleuropa unter sich aufteilen wollten ... Oder den Frieden von Hubertusburg im Februar 1763: Seit sich Preußen im Siebenjährigen Krieg endgültig als zweite deutsche Großmacht etabliert hatte, war mit dem Römischen Reich oder mit Deutschland, wie auch immer, kein Staat mehr zu machen. Seinen letzten Rückhalt gab der Kaiser in Wien auf, als 1803 viele Dutzend kleine und kleinste Territorien von den mittleren und großen Staaten ohne viel Federlesens annektiert wurden.

Die letzte Kaiserkrönung in Frnk-
furt, St. Bartholomäus, 1792
"Das liebe Heilge Römsche Reich, wie hälts nur noch zusammen?", ließ Goethe seine Studenten in Auerbachs Keller singen. Aber er selbst wie viele Zeitgenossen nahm es gleichmütig hin: "Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche vergebens; bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus." "Wenn auch das Imperium unterginge", argumentierte Schiller 1801, "so bliebe die deutsche Würde unangefochten. Sie ist eine sittliche Größe, sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation, die von ihrem politischen Schicksal unabhängig ist. Indem das politische Reich wankt, hat sich das geistige immer fester und vollkommener gebildet." Abwendung von allem Politischen: Das schien die einzig mögliche Lektion, die aus dem desolaten Zustand zu lernen war. "Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied, ein leidig Lied!" In den 1860er Jahren fasste Richard Wagner das Desinteresse in seine Meistersinger-Verse: "Zerging in Dunst das heilge römsche Reich, uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!"

Inzwischen allerdings machte sich einer der deutschen Staaten, Preußen, daran, große europäische Politik zu betreiben. Noch auf dem Wiener Kongress nach Napoleons Sturz zeigte niemand daran Interesse, das alte Reich wiederherzustellen, die deutschen Fürsten, die gerade erst ihre Souveränität errungen hatten, am allerwenigsten. Aber die napoleonische "Fremdherrschaft" hatte in Deutschland, wie der Berliner Historiker Heinrich August Winkler es ausdrückt, einen "kompensatorischen Nationalismus" hervorgerufen. In diesem Fall bewies sogar sein deutschnationaler Kollege Heinrich von Treitschke vor über 100 Jahren einmal klaren Blick. "Ein durch unbestimmte historische Bilder erhitzter Enthusiasmus", schrieb er über Deutschlands Geisteszustand im 19. Jahrhundert, "berauschte sich für die Idee eines großen Vaterlandes in den Wolken, das irgendwie die Herrlichkeit der Ottonen und der Staufer erneuern sollte."

Fortlebende Tradition: Schwarz,
rot und gold beim Adler Kaiser
Heinrichs VI. in der Manessi-
schen Handschrift
Fieberträume, die sich mit modernen Ideen von Nation und Volksherrschaft, auch von Nationalismus und Weltherrschaft, unentwirrbar und explosiv vermischten. Bismarcks Neuschöpfung, das "kleindeutsche" oder auch großpreußische Reich, hat sich zeit seines Bestehens immer wieder mit der Kaiserherrlichkeit des Mittelalters verwechselt. Das Kaisertum Österreich, das durch Bismarck aus Deutschland hinausgedrängt wurde, bewahrte noch bis 1918 einen Rest vom universalen, wenn man so will "heiligen" Anspruch dieses "Römischen Reiches". Der Kaiser trug in der Nachfolge aller Römischen Kaiser seit Friedrich II. im 13. Jahrhundert den ganz und gar märchenhaften Titel eines Königs von Jerusalem.



Mehr im Internet:
Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation  
Der Rheinbund - Flurbereinigung im Westen








Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur


 

 

 

 

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