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12.07.2006 - LEBENSMITTELTECHNOLOGIE

Nano hält Einzug in Nahrungsmitteln

Lebensmittelindustrie will statt natürlicher Nahrung "gesundes" Nanofood produzieren

Marion Busch

 
 

Kommt nach Genfood nun Nanofood?

In der Chemie-, Elektronik-, Textil-, Medizin- oder Materialindustrie gehört die Nanotechnologie schon zum Alltag. Dort werden die winzigen Partikel z.B. in Form von Kohlenstoff-Nanoröhrchen, Nano-Lasern in DVD-Laufwerken oder als Nanochips in der medizinischen Diagnostik vermarktet. Nun wollen Nanotechniker auch in die Lebensmittelbranche vordringen. Die Befürworter von Nano-Nahrung argumentieren mit dem alt bekannten Argument, sie wollten die Gesundheit der Menschen verbessern. Genau das bezweifeln aber diejenigen, die dem Einsatz von Nanopartikeln in Lebensmitteln skeptisch gegenüberstehen.

Langzeitfolgen von Nanonahrung sind nicht bekannt Denn ähnlich wie bei der Grünen Gentechnik ist auch für die Anwendung der Nanotechnologie wissenschaftlich nicht geklärt, ob die winzigen Substanzen der Gesundheit schaden können. In den menschlichen Körper kann Nanofood z.B. über so genannte Nanocontainer gelangen. Das sind Transportmoleküle, die zwischen zehn und hundert Nanometer klein sind und meist aus Fettmolekülen bestehen.

Der modifizierte Apfel
Zusätze, die angeblich gesundheitsfördernd sind, enthält so genanntes Functional Food schon lange. Der Transport der Substanzen durch Nanocontainer erhöht nach einem Bericht der Zeitschrift European Food Research and Technology deren "Löslichkeit und Bioverfügbarkeit", bringt sie "an den richtigen Ort im Körper und schützt sie während der Verarbeitung und Lagerung". So gibt es Produkte, die ihre Nanobestandteile genau in dem Organ freisetzen, in dem sie wirken sollen.

Nano macht es möglich, Fischölbrot schmeckt nicht nach Fisch. In Israel wird ein Rapsöl angeboten, das die zugesetzten Cholesterinhemmer im Darm aus dem Nanocontainer entlässt. Ein australischer Konzern brachte ein mit Fischöl gebackenes Brot auf den Markt, dessen Omega-3-Fettsäuren sich erst im Magen entfalten, so dass das Brot nicht nach Fisch schmeckt. Eine andere Methode Nanopartikel ins Essen zu bekommen ist das Zerkleinern von Inhaltsstoffen. Dabei werden z. B. Mineralstoffe wie Magnesium oder Kalzium auf Nanogröße zermahlen, wodurch sie nach Angaben der deutschen Firma Neosino schneller vom Körper aufgenommen werden. Ob das Versprechen des Herstellers, dadurch werde sich das allgemeine Wohlbefinden verbessern, stimmt, weiß niemand.

Nanostrukturen
Wissenschaftlich erwiesen ist allerdings, dass Stoffe in Nanoform andere Eigenschaften haben können als in ihrem Ursprungszustand. So können ungiftige Stoffe giftig werden, wenn man sie verkleinert. Experten befürchten, dass sich das extrem kleine Nanopulver überall im Körper, in der Lunge, im Blut, ausbreiten und möglicherweise Krebs auslösen könne. Britische Wissenschaftler forderten daher eine Sicherheitsüberprüfung für künstliche Nanopartikel in Lebensmitteln oder Verpackungen.

Nach einem Bericht der Monde diplomatique von März 2006 wird die Entwicklung und Vermarktung der Nanotechnik weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutiert. Ausnahmen seien Großbritannien, die Niederlande und Teile der USA. In Frankreich formiere sich allmählich der Protest. In Deutschland beschäftigt sich seit dem Frühjahr 2006 ein Projekt im Auftrag des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) mit den Chancen und Gefahren nanotechnischer Anwendungen aus Verbrauchersicht. Ein Schwerpunkt ist die Risikobewertung für Lebensmittel. In Form einer Verbraucherkonferenz setzen sich 18 Konsumenten aus Berlin und Brandenburg mehrere Wochen lang mit dem Thema auseinander.

Nach Abschluss des Lern- und Diskussionprozesses formulieren die Teilnehmer ein Votum, das sie Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Industrie und Verbraucherverbänden überreichen wollen. Methodisch federführend bei dieser Bürgerkonferenz ist das Unabhängige Institut für Umweltfragen (UfU), für den inhaltlichen Teil zuständig ist das Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Erste Ergebnisse der Konferenz werden im November 2006 präsentiert.

Nach Angaben der National Nanotechnology Initiative in den USA wurden 2005 weltweit 9 Milliarden Dollar in die Nanoforschung und industrielle Anwendung von Nanotechnik investiert. Große Lebensmittelkonzerne erhoffen sich vor diesem Hintergrund ein gutes Geschäft mit Nanofood. Ob ihr Kalkül aufgeht, bleibt abzuwarten. Denn trotz guter Marktprognosen bleiben europäische Verbraucher/innen skeptisch: Eine Fallstudie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ergab für Nanobrot eine ähnliche Akzeptanz wie für genmanipuliertes. Der ökologische Anbauverband Bioland lehnt die Anwendung von Nanotechnik in der Nahrung ab, weil die Nanopartikel zu sehr in die Struktur des Lebensmittels eingreifen würden.


Mehr im Internet:
Unabhängiges Institut für Umweltfragen (UfU)
Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW)
Präbiotische Kekse sollen Darmbakterien helfen
Designer-Kochsalz rieselt besser
Bundesinstitut für Risikobewertung zu Nano in Lebensmitteln

 

 

 

 

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