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14.08.2006 - ANTHROPOLOGIE
Als die Natur ihre Geschichte erhielt
Vor 150 Jahren wurde der Neandertaler entdeckt
von Josef Tutsch
 | | Phantasie eines Künstlers: der
Neandertaler vor dem Neanderthal-
Museum in Mettmann
| | | "Die organische Natur hat keine Geschichte", stellte Georg Wilhelm Friedrich Hegel 1807 in seiner "Phänomenologie des Geistes" lapidar fest. Gut ein halbes Jahrhundert später erhielt diese Geschichte, die es nicht geben sollte, mit Charles Darwins "Entstehung der Arten" ihre klassische Darstellung. Zum eigentlich heiklen Punkt äußerte sich Darwin zunächst sehr vorsichtig: "Licht wird fallen auf den Ursprung des Menschen und seine Geschichte". Er konnte nicht wissen, dass zu diesem Zeitpunkt, 1859, der "klassische" Beleg für die Naturgeschichte des Menschen bereits entdeckt war. Manche wollen es auch heute noch nicht glauben.
Mitte August 1856 hatten Steinbrucharbeiter im Tal des Flüsschens Düssel zwischen Erkrath und Mettmann ein paar Menschenknochen gefunden. Bei Wanderfreunden war das Tal unter dem Namen eines Düsseldorfer Lateinschulrektors Joachim Neander aus dem 17. Jahrhundert bekannt, der sich dort vielleicht die Inspiration für sein Kirchenlied "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren" holte. Wie mögen die Arbeiter auf die Idee gekommen sein, dass es sich bei diesen Knochen um etwas Besonderes handelte? Jedenfalls gerieten die Stücke an den Lehrer Johann Carl Fuhlrott in Elberfeld, und Fuhlrott, ansonsten in der Geschichte der Wissenschaft ein unbeschriebenes Blatt, erkannte: Das war eine urtümliche Form des Menschen. Hermann Schaaffhausen, Anatom an der Universität Düsseldorf, bestätigte den Befund.
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Johann Carl Fuhlrott
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Die Idee der Evolution lag sozusagen in der Luft. Seit dem späten 18. Jahrhundert häuften sich die Stimmen, die der organischen Natur, anders als Hegel, eine "Geschichte" zugestehen wollten. Bereits 1809 hatte Jean Baptiste Lamarck offen ausgesprochen, dass auch der Mensch und sein Bewusstsein Produkte dieser Evolution seien. Darwin war bloß der erste, der eine mechanistische, also für die Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts schlüssige Theorie vorlegen konnte.
Aber nach der Entdeckung im Neandertal dauerte es noch Jahre, bis sich die Fachwelt der Meinung von Fuhlrott und Schaaffhausen anschloss. Als die beiden im Juni 1857 den Schädel vor dem Naturhistorischen Verein der Rheinlande präsentierten, zuckten die gelehrten Herren mit den Achseln. Noch 1872 kam die große Koryphäe der medizinischen Wissenschaft in Deutschland, Rudolf Virchow, zu dem Schluss, hier sei der Kopf eines modernen Menschen krankhaft deformiert.
Heute gehen die Wissenschaftler davon aus, dass der Mensch aus dem Neandertal vor 42.000 Jahren gelebt haben dürfte. Inzwischen wurden in halb Europa sowie in Nordafrika und im Nahen Osten eine Menge "Verwandte" gefunden. Unsere Vorfahren waren sie wohl nicht; die beiden Abstammungslinien sollen sich vor mehreren hunderttausend Jahren getrennt haben. Eine Zeitlang lebten Neandertaler und "moderner" Mensch nebeneinander, wie friedlich oder unfriedlich auch immer.
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Karikatur auf Charles Darwins Theorie der Entstehung der Arten
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Ob es zu geschlechtlichen Paarungen gekommen ist, womöglich auch zu erfolgreichen "Kreuzungen"? Die Urmenschenforscher wissen es nicht, und ebenso ist die Frage offen, warum der Neandertaler am Ende ausgestorben ist. Den Knochen nach muss er viel kräftiger gewesen sein als unsere Vorfahren, aber auch weniger beweglich. Konnte der "moderne" Mensch sich aus irgendwelchen Gründen besser an die harten Lebensbedingungen der Eiszeit anpassen? Hatte er mehr Nachkommen?
"Struggle for life" hat Darwin den Mechanismus formuliert, nach dem sich in der Evolution entscheidet, welche Gruppe überlebt und welche nicht. Darwins Optimismus, dass sich in der Auseinandersetzung mit allerlei Widerwärtigkeiten in der Umwelt unbedingt die "Besten" durchsetzen, wurde von seinen Anhängern ins Triumphalistische gesteigert. Bald galt das Aussterben des Neandertalers als Paradefall, in dem Sinn, den der amerikanische Reverend Josiah Strong 1885 meinte: "Es scheint, als ob die minderwertigen Rassen nur die Verkünder des Kommens der höherstehenden Rasse seien, Stimmen, die in der Wildnis rufen: Bereitet dem Herrn den Weg!"
Ein Beispiel dafür, dass die alte Leitwissenschaft Theologie den Darwinismus nicht unbedingt abwehren musste; sie konnte ihn auch als Beweis von Gottes Wirken in der Welt integrieren. Argumentationen wie bei Strong erhielten das Signum "Sozialdarwinismus", obwohl Darwin selbst gar nicht in diese Richtung verstanden werden wollte. Heute bringen die Wissenschaftler an der Vorstellung, dass homo sapiens ganz einfach intelligenter gewesen wäre (oder umgekehrt der Neandertaler irgendwie "primitiver"), ihre Zweifel an: Die Hinterlassenschaften könnten eher auf eine ebenbürtige Entwicklung der Technik hindeuten.
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Die Schädelkalotte aus dem Neandertal, heute im rheinsichen Landesmusem Bonn |
Der Wandel macht sich auch in der Vorstellung vom Äußeren der Neandertaler bemerkbar. Fliehende Stirn, hervor- springender Kiefer, sehr kräftiges Gebiss – soviel zwar lässt sich aus den Schädeln ablesen. Bei den weichen Partien ist aber auch Phantasie gefragt. Zum Jubiläum werden die Forscher der Öffentlichkeit ihren allerneuesten Rekonstruktionsversuch vorstellen. Durchaus möglich, dass der Neandertaler, modisch rasiert und frisiert, in unseren Fußgängerzonen nicht weiter auffallen würde.
| Verwirrend, aber keine Setzfehler: Neandertal und Neandertaler schreiben sich ohne "h", homo Neanderthalensis und das Nean- derthal-Museum entsprechend der alten Schreibweise des Wortes "Tal" (1901/02) mit "h". |
Erst recht ist bei den beliebten Spekulationen zu Gesellschaft und Weltanschauung der Neandertaler Vorsicht geboten. Aus der Anordnung von Bärenknochen in einer Schweizer Höhle wurde auf einen Höhlenbär-Kult geschlossen; aber es könnte sich um Zufall handeln. An einem Skelett im Irak zeigten sich schwere Verletzungen, die verheilt waren, anscheinend bei guter Pflege – gab es so etwas wie soziale Sicherung für Alte und Schwache? Zumindest gehen die Paläanthropologen heute nicht mehr wie selbstverständlich davon aus, dass es bei den Neandertalern "sozialdarwinistisch" zugegangen sein muss. Das war einmal ganz anders. In den ersten Jahrzehnten nach Darwins Buch und nach der Entdeckung im Neandertal wurde nicht nur die Natur historisiert, sondern auch die Geschichte naiv naturalisiert.
Der Mensch stammt vom Affen ab, wie man Darwins Lehre gern populär zusammenfasste? Nachdem die Ausgrabungen der letzten 150 Jahre einen ganzen Stammbaum von Ur- oder Vormenschen erwiesen haben, ist es zu einem Streit um Worte geworden, ob es sinnvoll sein kann, die gemeinsamen Vorfahren heutiger Menschen und heutiger Affen als "Affen" zu benennen. Zweifelsfrei gehört der Neandertaler in die Menschenlinie, sogar, ebenso wie Homo sapiens, als ein relativ später Vertreter. Aber die Vorbehalte, die damals von religiösen Dogmatikern oft vorgebracht wurden, sind bis heute aktuell geblieben.
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Rekonstruktionsversuch im Neanderthal-Museum
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Das Argument, vor einigen zehn- oder hunderttausend Jahren könne es keine Menschen gegeben haben, weil die Welt laut Bibel erst 6.000 Jahre alt sei, ist immerhin selten geworden. Dagegen ist die Meinung, mit Zuchtwahl und Auslese wären die "Sprünge" in der Evolution nicht zu klären, man müsse deshalb ab und zu ein direktes göttliches Eingreifen unterstellen, in den USA unter dem Schlagwort "Kreationismus" gang und gäbe. Zufällig war es gerade im Jahr nach der Entdeckung des Neandertalers, zwei Jahre vor Darwins Buch, dass der englische Zoologe Philipp Henry Gosse mit einer aparten Theorie zur Vereinbarkeit von Bibel und Naturwissenschaft an die Öffentlichkeit trat: Als Gott 4004 vor Christus die Welt erschuf, hat er die Fossilien, die ein höheres Alter vortäuschen, eben miterschaffen.
Inzwischen hat der Neandertaler noch einmal eine Karriere gestartet, nämlich als Fernsehstar, in einer Reihe mit Napoleon und der Päpstin Johanna und Pinocchio. Homo sapiens sapiens von heute kann sich einfühlen in Homo neanderthalensis, wie das in "historischen" Filmen und Romanen nun einmal sein muss. Aber nicht erst in der "fiction", sondern bereits im streng sachlichen Dokumentationsgenre sehen sich die Forscher vor kühne Forderungen gestellt: Sie sollen, wie in einer Programmankündigung zu lesen war, "die Sprache des Neandertalers untersuchen und ihm ins Gehirn sehen". Nun ja, aus der Form eines Zungenbeins schließen die Anthropologen, dass dem Neandertaler Sprache möglich gewesen sein wird. Und es wurden Farbreste gefunden. Vielleicht hatte der Neandertaler ja künstlerisches Talent, das er am ehesten vermutlich auf der Haut seiner Stammesgenossen anbrachte.
Mehr im Internet: Neandertaler Neanderthal-Museum Rheinisches Landesmuseum Bonn, Ausstellung 150 Jahre Neandertaler Neandertaler wird entschlüsselt, scienzz 21.07.2006 Neandertaler erhält Gesicht, scienzz 16.03.2006 MPG-Film "Der virtuelle Neandertaler"
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
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