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01.08.2006 - LITERATURWISSENSCHAFT

"Hat alle Voraussetzungen für eine gute Ehefrau"

Ernsthaftes und weniger Ernsthaftes aus der Kulturgeschichte der Grabschrift

von Josef Tutsch

 
 


Kluge Menschen sorgen bekanntlich vor, für die Rente, für den Nachlass, fürs Begräbnis. Vielleicht sollte man sich auch rechtzeitig um eine angemessene Grabschrift bemühen, sonst geht es einem noch wie Richard Hind in Cheshunt, Herfordshire, dem die Hinterbliebenen aufs Grab setzten: "Der war weder schlau noch nüchtern noch nett." Man ahnt ja gar nicht, wozu Angehörige fähig sind. Auf dem Stein eines gewissen Chesley C. Sutton in Paris, Tennessee, ist ein Telefon eingemeißelt und dazu die Worte: "Jesus hat angerufen, und mein zuckersüßer Liebling hat geantwortet." Kinder können sich nicht einmal per Testament gegen dergleichen verwahren. In Hays, Kansas, steht auf einem Kindergrab: "Herr, hilf mir, daran zu denken, dass mir heute nichts geschehen kann, das du und ich nicht zusammen ertragen könnten." Der englische Ausdruck für "ertragen", "bear", wird mit einem Teddybär illustriert.

Karl S. Guthke, Literaturwissenschaftler an der Harvard University, hat sich mit "sprechenden Steinen" befasst. Vorwissenschaftlich ist das Interesse an Grabschriften bereits Jahrhunderte alt. In der Anthologia Graeca, die byzantinischer Philologen aus der griechischen Lyrik zusammenstellten, ist ein ganzes Buch den "Grabepigrammen" gewidmet, mit 748 Gedichten. Ende des 18. Jahrhunderts kam unter reisenden Engländern die Gewohnheit auf, nicht nur Kirchen und Burgruinen zu besichtigen, sondern auch die Inschriften auf den Friedhöfen zu entziffern. Die Idee einer wissenschaftlichen Disziplin ("Epitaphologie" sagen Fachkreise heute) formulierte 1870 der französische Architekt Eugène Emmanuel Viollet-le-Duc: "Man könnte anhand von Grabschriften eine Geschichte der Menschheit schreiben."

Auf dem Pére Lachaise,
Paris

Zunächst allerdings ergibt das Material eine Sammlung von Kuriositäten und Exzentrizitäten, und oft ist kaum zu glauben, dass eine angebliche Steinmeißelei nicht doch bloß aus einem Witzbuch stammt. Auf dem Grab von Jared Bates, gestorben am 6. August 1800 in Lincoln, Maine: "Seine Witwe, 24 Jahre alt, die trauert, sich aber trösten ließe, wohnt am Ort in der Elm-Street Nr. 7 und hat alle Voraussetzungen für eine gute Ehefrau." Die folgende Inschrift über die Verdienste von Professor Joseph W. Holden in East Oatisfield, Maine, wird dagegen sehr im Sinne des Verblichenen gewesen sein: Er "entdeckte, dass die Erde flach ist und unbeweglich und dass die Sonne und der Mond sich doch bewegen".

Guthke entnimmt seine Beispiele großenteils dem angelsächsischen Bereich. Das liegt nicht nur an der eigenen Biographie, sondern auch an den Friedhofssatzungen deutscher Gemeinden, die um der Würde des Ortes willen keinen Spaß verstehen. 1999 kam es zu einem kleinen Skandal, als ein Kneipenwirt testamentarisch angeordnet hatte, seinen Grabstein auf dem Berliner Hugenotten-Friedhof mit einem Bierfass-Zapfhahn auszustatten. Die Verwaltung fand das ungehörig und ließ den Zapfhahn entfernen. Was wäre in Deutschland aus der Ruhestätte von Archie Arnold (Fort Wayne, Indiana) geworden? Dort stehen zwei echte Parkuhren, die durch die Metallflagge anzeigen, dass die Zeit abgelaufen ist.

Grabmal von Nikos Kazantzakis,
Iraklion, mit der berühmten Inschrift:
"Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts.
Ich bin frei".

Ein Glück, dass im Deutschen Sprachspiele wie mit dem englischen "Here lies ..." (hier liegt – hier lügt) nicht möglich sind ... Aber genug der Kuriositätenschau. Wenn Guthkes Streifzug durch die Kulturgeschichte der Grabschrift nicht ermüdend wirkt, dann weil dieser Literaturwissenschaftler auch über stilistische Qualitäten verfügt, bei deutsch schreibenden Gelehrten eine rare Fähigkeit. Die Erkenntnisaufgabe kommt dabei nicht zu kurz, vor allem zu jener Fragestellung, die bereits Viollet-le-Duc ansprach: "Wenn ein Volk die Individualität der Toten nicht mehr durch ein Monument verewigt, hat die Gesellschaft aufgehört zu existieren."

Wenn der französische Architekt recht hätte, müsste man sagen, dass die Gesellschaft in Mitteleuropa zu existieren aufhört. Guthke führt eine Statistik an, wonach zum Beispiel in Kiel 56 % der Toten eine anonyme Bestattung gewählt haben. Man kann das unter "Entchristlichung" abbuchen, aber Vergleichbares hat es in der Geschichte des Abendlandes schon einmal gegeben. Guthke: "Im Lauf des fünften bis siebten Jahrhunderts verschwinden Grabschriften in der christlichen Welt, abgesehen von denen zu Ehren von Persönlichkeiten von hervorragendem weltlichem oder geistlichem Rang. Die Gräber werden namenlos."

Anonyme Bestattung im Mittelalter:
Das Beinhaus in Naters, Wallis

Offenbar stand das frühe Christentum mehr, als vielfach bewusst ist, in der Tradition der antiken Überzeugung, "dass der Ruhm den Toten überleben und ungezählte Generationen zur Nachahmung anspornen werde", nur dass die Tugenden nunmehr neu bestimmt wurden, in Richtung auf das Jenseits. Warum diese Erinnerungskultur im frühesten Mittelalter dahinschwand, muss Guthke offen lassen. Plausibel ist aber, dass das Ende der "Anonymität" im 11. und 12. Jahrhundert mit dem Aufkommen einer neuen theologischen Doktrin zusammenhängen muss. Die Gebete, um die auf den Grabsteinen nachgesucht wurde, sollten die Qualen der Seele im Fegefeuer abkürzen.

Klar, dass die Grabinschriften sich mit der Reformation erneut ändern mussten. "Die Bitte um ein Gebet für die Seele des Dahingegangenen wäre in protestantischen Ländern geradezu ketzerisch gewesen, wo weder an das Fegefeuer noch an die Möglichkeit der Fürsprache der Heiligen geglaubt wurde." Es wäre zu diskutieren, inwieweit der Rückgang traditioneller Religiosität, der in den letzten Jahrhunderten – und zwar zuerst im protestantischen Bereich – zu beobachten war, vielleicht auch eine Langzeitwirkung dieser gewandelten Ideen vom Jenseits ist.

Aber bereits früh seit dem 15. Jahrhundert gibt es wieder Grabmäler, die beteuern, sie wollten bei der Nachwelt die Erinnerung an den Toten wach halten, und umgekehrt finden sich noch Jahrhunderte später die Mahnungen, sich auf den eigenen Tod vorzubereiten, zum Beispiel 1712 in Fowlia Easter, Grafschaft Angus: "O du bemaltes Stück lebendiger Ton, Mensch, sei nicht stolz auf deinen kurzen Tag." Ein ganz und gar weltliches Gegenbeispiel, auf den Cambridger Gelehrten John Caius, 1573: "Ich war Caius. Die Tugend überlebt den Tod." Guthke hat aber auch eine ganze Reihe von Epitaphen gefunden, die gleich beiden Vorstellungssystemen, dem christlichen und dem humanistischen, gerecht werden wollten. Besonders hübsch das auf den neunjährigen Meneleb Rainsford, 1633 in Henfield, Sussex. "Der große Jupiter hat seinen Ganymed verloren", heißt es in Anspielung auf die griechische Mythologie und gleich danach, der kleine Meneleb sei nun "ein Heiliger im Himmel".

Rätsel gibt der Grabstein von William Symons 1758 in Wood Ditton, Cambridgeshire, auf: Seine einzige Lebensfreude sei der Verzehr von in Fett gebratenen Brotstücken gewesen, noch auf dem Sterbebett habe den Achtzigjährigen danach verlangt – anstelle der sakramentalen Speise Brot und Wein, soll der Leser sich dabei wohl denken. Unwahrscheinlich, dass das als offene Blasphemie gemeint war. Und noch unwahrscheinlicher, dass viele von den Hundefreunden, die ihren Liebling unter der Grabschrift "Getreu bis in den Tod" beisetzen ließen, sich des biblischen Ursprungs dieser Formel bewusst waren. Offenbarung Johannis 2, 10: "Sei getreu bis in den Tod, und ich werde dir den Kranz des Lebens geben."


Neu auf dem Büchermarkt:
Karl S. Guthke, Sprechende Steine. Eine Kulturgeschichte der Grabschrift,
Wallstein Verlag, Göttingen 2006 (ISBN 3-89244-867-1), 39,- €



Mehr im Internet:
Grabinschriften





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

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