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20.09.2006 - SEXUALFORSCHUNG

Das Menschenmögliche - von den Bonobos bis zur Jugend von heute

Pädagoge legt den Entwurf einer "Sexualanthropologie" vor

von Josef Tutsch

 
 

Keramik der Moche-Kultur (Peru,
1. Jahrtausend n. Chr.)

Ein Blick ins Lexikon erleichtert manchmal die wissenschafts- geschichtliche Standortbestimmung. So stellte Norbert Kluge, emeritierter Professor für Sexualwissenschaft und Sexualpädagogik an der Universität Koblenz-Landau, fest, dass das Wort "Sexualanthropologie" in den allgemeinbildenden Nachschlagewerken nicht vorkommt. In der sexualwissenschaftlichen Fachliteratur war die Ausbeute nicht viel reichhaltiger: Gerade mal in 30 Prozent der ausgewerteten Grundlagenwerke fand sich dieser Begriff.

Sicherlich ist ein solcher Befund nicht über zu bewerten; aber die Vermutung liegt nahe, dass die Frage nach dem Geschlechtswesen Mensch mehr in den Spezialdisziplinen gestellt wird, von der Sexualbiologie über -psychologie und -medizin bis zu -ethik und -pädagogik. Oder in der thematisch umfassenderen Sexualwissenschaft, der aber wiederum der speziell anthropologische Blickwinkel abgeht. Dass gerade aus der Pädagogik der Ruf nach einer "Sexualanthropologie" kommt, bedarf keiner Begründung. Schließlich muss der Lehrer, der es mit "sexualerziehlichen Konzepten" und "sexualpädagogischen Curricula" zu tun hat, sich zunächst einmal Gedanken machen, was er den Kindern und Jugendlichen eigentlich nahe bringen will, und zwar nicht nur als Erkenntnis, sondern auch als moralische Norm.

"Venus von Willendorf"
(Österreich, um
25.000 v. Chr.)

Kluge will also, wie er selbst betont, "einen ersten Anfang" zu einer Sexualanthropologie machen, bloß "die Grundlinien einiger Themenschwerpunkte aus der Perspektive neuerer sexualwissenschaftlicher Forschungsbefunde exemplarisch aufzeigen". Kommt darin mehr Stolz zum Ausdruck oder mehr Bescheidenheit? Wahrscheinlich beides. Was der Autor sich abverlangt, macht bereits ein Blick ins Inhaltsverzeichnis deutlich. Das Spektrum der Aspekte reicht vom Verhalten der Primaten bis zur Morallehre der großen Weltreligionen, von altperuanischer Kunst bis zur Alltagssprache von Jugendlichen heute.

Verzeihlich, dass ein Forscher nicht in allen Gebieten gleichermaßen heimisch sein kann. Im einen oder anderen Fall ist aber zu bezweifeln, ob Kluge in der Auswahl seiner Gewährsleute gut beraten war. Zum Beispiel: "Die Frühzeit des Menschengeschlechts, in der Matriarchate in Ländern aller bekannten Kontinente das Sozialsystem dominierten, muss nach heutigem Erkenntnisstand eine Epoche der äußeren Friedfertigkeit gewesen sein ... Man konnte sich daher darauf konzentrieren, für das leibliche Wohl und den erhofften Nachwuchs zu sorgen sowie miteinander zu kommunizieren ..." Um einen derart intimen Einblick in die Rätsel der Vorgeschichte werden die Prähistoriker den Sexualpädagogen beneiden.

Päderastische Szene auf einer
attischen Vase (5. Jh. v. Chr.)

Zu Hause fühlt sich Kluge zweifellos in der Demoskopie. "Weniger als zwei Drittel der befragten Deutschen sind der Auffassung, dass die gleichgeschlechtliche Liebe in unserer Gesellschaft mehr und mehr toleriert wird und daher nichts Anstößiges mehr ist." Wenn der Nachsatz einen Sinn haben soll, ist gemeint "daher nicht mehr als anstößig empfunden wird", nämlich von der Gesellschaft, wie die Befragten sie wahrnehmen (schließlich ist nicht zu unterstellen, dass sich alle Befragten ihr Anstoßnehmen von der Gesellschaft diktieren lassen). Mit der Umfrage, erklärt Kluge, wollte man allerdings im Grunde gar nicht herausfinden, welchen Eindruck die Befragten von der Gesellschaft haben, sondern inwieweit heutzutage und hierzulande tatsächlich Toleranz praktiziert wird ... Man kann ja diese Art der Fragestellung (von hinten durch die Brust ins Auge) für besonders raffiniert halten (oder für ein bisschen chaotisch), jedenfalls lässt sich das real vorhandene Maß an Toleranz nicht umstandslos aus irgendwelchen Eindrücken interpretieren.

Sehr plausibel wirkt dagegen, wie Kluge die alte Frage, welchen Spielraum die biologischen Vorgaben für Kultur – und damit auch für die Individualität des Geschlechtswesens Mensch – lassen, umformuliert: Sexualität ist, anders als noch bei Freud gedacht, offenbar kein Trieb, der ebenso zwingen würde wie Hunger und Durst. Schließlich gibt es auch Menschen, die zölibatär leben. Die rasanten Veränderungen in der westeuropäischen Gesellschaft der letzten Jahrzehnte sind noch gegenwärtig. Als Beispiel für ein sehr ungeniertes Interesse an Sexualität in alten Kulturen führt Kluge die Keramik der Moche im Peru des 1. Jahrtausends vor Christus an. Vor nicht allzu langer Zeit hätte mancher Kadi hierzulande darin noch schlicht Pornographie gesehen.

Albrecht Dürer, Adam und Eva
(1507)

Was hat solche Kunst mit "Anthropologie" zu tun? Im christlichen Abendland gab bekanntlich das erste Menschenpaar die früheste Rechtfertigung, menschliche Körper nackt darzustellen: Adam und Eva im Paradies "schämten sich nicht". Kluge steuert die wichtige Beobachtung bei, dass oft nicht zu unterscheiden ist, ob der Künstler die Ureltern vor oder nach dem Sündenfall gemeint hat: Die Künstler scheuten zumeist davor zurück, die Geschlechtsteile einschließlich der Schambehaarung unverhüllt zu zeigen. Nur am Rand geht Kluge auf das Bildthema des nackten Christus ein. "Damit sollte insbesondere die menschliche Existenz Christi unter Beweis gestellt werden, was jedoch nicht von allen Zeitgenossen akzeptiert wurde und teilweise zu heftigen Protesten und vereinzelt sogar zu Ausschreitungen in der Bevölkerung führte."

Bemerkenswert breiten Raum nimmt die Stellung der drei monotheistischen Weltreligionen zur Sexualität ein. Die Religionsgemeinschaften "haben bis heute den Fruchtbarkeitsgedanken zum Leitziel ihrer Einschätzung menschlicher Sexualität erhoben". Ob viele Theologen in allen dieser Gemeinschaften ihren Standpunkt damit nicht doch reichlich verkürzt wiedergegeben sehen? Immerhin macht Kluge bei der Darstellung der römisch-katholischen Morallehre deutlich, dass es im Zentrum nicht um die vielberedete "Pille" geht, sondern darum, dass "die Geschlechtlichkeit des Menschen nach dem katholischen Glaubensverständnis allein auf die Ehegemeinschaft eingeschränkt wird."

Die sexfreudigen Bonobos

Kluge führt die Betonung des Fruchtbarkeitsgedankens – und damit die Abwehr vor allem von Selbstbefriedigung und Homosexualität – in den monotheistischen Weltreligionen auf die Präformationstheorie zurück, derzufolge jeder Organismus sozusagen en miniature bereits fertig im Spermium vorhanden hätte und sich in der Schwangerschaft noch zu entfalten hätte. Nun ist richtig, dass diese Theorie im 17. und 18. Jahrhundert gern in der Argumentation gegen die "Samenvergeudung" angeführt wurde; aber "geht zurück auf" klingt doch sehr gewagt. Kluge wird uns nicht im Ernst weismachen wollen, dass der griechische Philosoph Anaxagoras im 5. Jahrhundert vor Christus, dem die Lehre zugeschrieben wird, ins Alte Testament mit seinen Androhungen der Todesstrafe wegen Homosexualität eingegangen wäre.

Hoffen wir, dass solche Saloppheiten in den Passagen zur Biologie, wo sie manchem Leser nicht auffallen würden, vermieden sind. Besonderes Interesse wecken die Ausführungen über unsere nächsten Verwandten im Tierreich. Mindestens bei einer Gruppe, den Bonobos, konnten Forscher feststellen. dass sexuelle Aktivitäten oft "Selbstzweck" haben, ein Punkt, der ansonsten nur bei Menschen auffällt (und dort manchem engen Sexualmoralisten bis heute ein Ärgernis bildet). Merkwürdigerweise wirft Kluge die Frage nach der Tragweite solcher Tiervergleiche nicht auf.

"Moralischer" Protest in den USA

Überhaupt spielen wissenschaftstheoretische Probleme in diesem Entwurf einer Sexualanthropologie nur am Rand eine Rolle. Wie hat man sich – gerade als Pädagoge – das Verhältnis zwischen dem, was der Mensch biologisch, soziologisch, statistisch ist oder tut, einerseits, moralischen Normen andererseits zu denken? Ein Blick in die Kriminalstatistiken zeigt, dass sexuelle Nötigung ein durchaus menschenmögliches Verhalten darstellt; niemand kommt auf die Idee, es tolerieren zu wollen. Kluge begnügt sich mit einem allgemeinen Hinweis auf Immanuel Kants kategorischen Imperativ: "Handle so, das du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest."

"Sexuelle Identitätsfindung als lebenslange Aufgabe", sagt der Pädagoge Kluge. Ganz sicher lässt sich die ethische Frage nicht durch den Verweis auf demoskopische Befunde erübrigen. Neun von zehn Befragten, referiert Kluge, "sehen in der Liebe eine zentrale Voraussetzung für den Beischlaf. Somit wird sie zugleich in den Rang einer sozialen Norm menschlichen Sexuallebens erhoben." Eine "konkrete Sittlichkeit", wenn man so will, die anthropologisch betrachtet nicht immer und überall gegolten hat und auch heutzutage offenbar nicht für einen von zehn Befragten. Übrigens wissen wir spätestens seit Kinsey, dass Menschen nicht nur ausnahmsweise mal anders handeln, als es ihre Normen vorgeben.


Neu auf dem Büchermarkt:
Norbert Kluge, Sexualanthropologie. Kulturgeschichtliche Analysen und empirisch-analytische Erkenntnisse,
Peter Lang, Frankfurt am Main 2006 (ISBN 3-631-55188-6), 49,80 €


Mehr im Internet:
Sexualität





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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