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31.07.2006 - WISSENSCHAFTSBETRUG

Schwindler im Elfenbeinturm

Wissenschaftliche Ideologie im Geflecht von Politik und Wirtschaft

Isabelle Bareither

 
 

Wirtschaftlichkeit als die neue
Ideologie der Welt?

Manch filmreife, verworrene Betrugs-Geschichte hat sich schon in der Welt der Wissenschaft zugetragen. Von Professoren die gar keine sind, über das ganz alltägliche Schönen und Manipulieren von Daten in Forschungslabors, bis hin zu handfesten Skandalen, die den Elfenbeinturm der Wissenschaften erschüttern. Natürlich stehen die fälschenden Forscher als Hauptdarsteller des Wissenschafts-Krimis im Mittelpunkt der Anschuldigungen. Dennoch gibt es auch andere Faktoren, die im Sinne des Weiterbestehens wissenschaftlicher Strukturen gerne übersehen werden. Dazu gehören sicherlich politische Machtverhältnisse, die – passend zur jeweiligen Ideologie des Landes – Forscher zu Ruhm und Reichtum, aber auch zum Fall bringen können. Und dazu gehört das moderne Dogma der Wirtschaftlichkeit, welchem auch die forschende Zunft untersteht.

Ein Held vor Gericht
Der koreanische Stammzellen-Forscher Hwang Woo-Suuk steht derzeit vor Gericht. Er muss sich wegen eines groß angelegten Betruges verantworten, bei dem nicht nur Eispenden von Mitarbeiterinnen scheinbar erzwungen wurden, sondern auch riesige Mengen an Daten gefälscht worden sein sollen. Hwang hatte 2004 angegeben, erstmals mit Hilfe eines Zellkerntransfers einen geklonten menschlichen Embryo konstruiert zu haben und maßgeschneiderte Stammzelllinien abgeleitet zu haben. Die Stammzellinien sollten das Erbgut der Spender enthalten und in baldiger Zukunft zum Beispiel kranke Organe ersetzen. Der Star des koreanischen Fortschritts, bejubelt von Südkorea und der gesamten Welt, scheint jedoch die gesamte wissenschaftliche Gemeinde über den Zeitraum von zwei Jahren hinweg hinters Licht geführt haben. Seine Artikel erschienen in den angesehen Magazinen Nature und Science, waren geprüft und anerkannt von anderen Forschern und dennoch wohl zu großen Teilen gefälscht. Wie es zu diesem Betrugsfall kommen konnte ist immer noch nicht richtig nachvollziehbar. Viele Faktoren wirren sich in die Geschichte ein. Fest steht jedoch, dass auch dem Umfeld,  in dem Hwang seine Forschungsarbeit leistete, ein wichtiger Stellenwert zugesprochen werden muss.

Koreanische Briefmarken als
Loblied auf Hwang
Den großen Plan bis 2010 zu den Top-Biotechnologie-Ländern zu gehören, lässt sich die koreanische Regierung innerhalb des Bio-Tech-2000 Programms 15 Milliarden Dollar kosten. Und auch in die Schlüsselfigur Hwang wurden Millionen investiert. Zudem bekam er alle erdenklichen Rechte zur Ausführung seiner Experimente in der undurchsichtigen Gesetzeslandschaft Koreas. Es gab keine Gesetze, die in Korea Stammzellenforschung regulieren und so verstieß Hwang wohl zunächst gegen bioethische Grundregeln bei der Eizellspende, um dann immer dreister zu fälschen. Und da der Klonkönig die große Hoffnung Koreas darstellte, dauerte es besonders lange, bis erste Kritiker erhört wurden. Erst als der Skandal perfekt war, schritt die Regierung ein, um ihren ehemaligen Hoffnungsträger nun vor Gericht zu stellen.

Hwang steht nun vor Gericht
Um den moralischen Elfenbeinturm der Wissenschaft in den Köpfen der Menschen bestehen zu lassen, stellen positive Geister den Fall Hwang gerne in das Licht der speziellen Strukturen koreanischer Gesetze und Regelungen. Sie verweisen darauf, dass in den USA oder Europa niemals politisch richtig positionierte Forscher unantastbar und mit frei verfügbaren Forschungsgeldern so unkontrolliert handeln könnten, wie in Korea. Doch auch in der Geschichte dieser Länder finden sich ähnliche Fälle, in denen Forscher durch die Verwirrungen politischer Machtverhältnisse zu Ruhm und Ehre gelangten, bevor sie wieder fallen mussten.

Den großartigen Aufstieg und Fall mit den Interessen der Politik erlebte auch Friedrich F. Friedmann. Der studierte Mediziner glaubte um 1900 ein Mittel gegen Tuberkulose entdeckt zu haben.  Aus tuberkulosekranken Schildkröten isolierte er Bakterien und entwickelte ein Serum gegen die oft tödliche Krankheit. Zwar wurde der Impfstoff zunächst von Arzneimittelfirmen abgelehnt, doch fand Friedmann bald Unterstützung unter den Politikern seiner Zeit. Vor allem dass in Frankreich auch Louis Pasteur Erfolge in der Tuberkulose-Behandlung erzielte, passte nicht mit dem ausgeprägten Nationalstolz Deutschlands seiner Zeit zusammen. Politiker ignorierten die Bedenken der Schulmedizin und ernannten Friedmann kurzerhand zum Professor für Tuberkulose-Forschung an der Universität Berlin. Dort konnte er einige Behandlungserfolge erzielen, die unter Medizinern aber den typischen Spontanheilungen der Krankheit zugeschrieben wurden. Im Sinne der nationalen Politik jedoch hatte Friedmann eine Front von einflussreichen Politikern hinter sich und konnte seine Behandlung bis 1934 fortführen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und dem Fakt das Friedmann Jude war, brach dieser Rückhalt jedoch zusammen und der Forscher wurde entlassen. Dank seiner propagandistischen Fähigkeiten und der Unterstützung berühmter Persönlichkeiten, schreibt Heinrich Zankl in seinem Buch „Fälscher, Schwindler, Scharlatane – Betrug in Wissenschaft und Forschung“, konnte Friedmann über mehrere Jahrzehnte einen wahrscheinlich vollkommen nutzlosen Impfstoff hunderten von Kranken geben.

Prof. Peter Weingart
Ob eine derartige Geschichte unter heutigen politischen Verhältnissen wieder passieren könnte, mag bezweifelt werden. Doch während Wissenschaftler gegenwärtig kaum noch politische Marionetten darstellen, unterstehen sie dennoch einem anderen Dogma: der Wirtschaftlichkeit. Sie erfahren den immensen Druck, Leistung zu erbringen oder Fördergelder zu verlieren. „Die Forscher orientieren sich zunehmend an der Wirtschaft“, erklärt auch Prof. Peter Weingart, Leiter des Instituts für Wissenschaft und Technikforschung an der Universität Bielefeld in einem Gespräch mit „Der Zeit“. Je mehr Studien die Forscher veröffentlichten, desto besser würden sie bezahlt. Da wundert es kaum, dass Mitautoren wissenschaftlicher Artikel oft keine Ahnung haben, für was sie ihren Namen einsetzen und kleine Fälschungen und Betrügereien an der Tagesordnung zu stehen scheinen.

Hendrik Schön
Wie immer die Umstände, auch heute noch werden Daten gefälscht oder sogar frei erfunden, wie der Fall des Physikers Hendrik Schön zeigt. Der als Anwärter auf den Nobelpreis gehandelte, wurde 2002 wegen massiver Datenfälschung in mindestens 16 Fällen aus den angesehen Bell Labs der Firma Lucent in den USA entlassen. Promoviert hatte Schön an der Universität Konstanz, war dann nach Amerika gegangen, wo er im Jahr 2001 etwa 50 wissenschaftliche Artikel im Bereich der Nanotechnologie und Festkörperphysik publiziert hatte, davon zahlreiche in den renommierten Zeitschriften Nature und Science. Gerade sollte Schön zum jüngsten Direktor am Stuttgarter Max-Planck-Institut für Festkörperphysik berufen werden, als auffiel, dass mehrere Grafiken in verschiedenen Publikationen identisch waren. Weder die Mitautoren noch die Prüfer der Wissenschaftsmagazine hatten etwas von den Fälschungen bemerkt, geschweige denn  Verdacht geschöpft auf Grund der hohen Zahl von Veröffentlichungen. Heute ist Schön untergetaucht und die Frage bleibt, was diesen charismatischen Erfolgstypen dazu getrieben hatte, die scientific community  so systematisch zu hintergehen.

Prof. Klaus Petermann
Diese Frage stellt sich auch Prof. Klaus Petermann, ehemaliger Vize-Präsident der Technischen Universität Berlin und Sprecher der Untersuchungskommission „Wissenschaftliches Fehlverhalten“ an der TU. Er hat Schön innerhalb des Untersuchungsausschusses der Deutschen Forschungs-Gemeinschaft (DFG) kennen gelernt und kann dessen Verhalten nicht wirklich verstehen. „Schön scheint noch heute überzeugt davon, dass alles richtig war, was er tat. Er wollte seine Botschaft mit der Manipulation der Daten wohl nur klarer machen.“  Wie er davon ausgehen konnte, dass die dreisten Fälschungen nicht auffliegen würden, ist Petermann ein Rätsel. „Schön verneinte einen Druck aus der Umgebung, aber ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt. Es gibt ja auch subtilen Druck.“ Das heutige Gutachter-System wissenschaftlicher Kontrolle stellt der Berliner Professor für Elektrotechnik und Informatik aber nicht in Frage. Seiner Meinung nach sollten allerdings die Vorgesetzten mehr Verantwortung zur Kontrolle übernehmen. „Selbstkontrolle der Arbeitsgruppe an Sich ist wichtig.“ Und genau hieraus würden seiner Erfahrung nach die meisten Probleme in der Wissenschaft entstehen. Es gäbe immer Neider, die Druck schafften und anderen Erfolge nicht gönnten. „Wir stehen in einem harten Wettbewerb,“ so der Professor, „wodurch natürlich Druck entsteht. Allerdings bedeutet Wettbewerb auch Kontrolle“, so seine Argumentation.

Auch Siegfried Großmann, Mitglied der so genannten „Wahrheitskommission“ des DFG nennt die Wirtschaftlichkeit der Forschung als einen der Gründe für Betrug. Da Wissenschaft sehr wettbewerblich geworden sei, entwickelten manche Forscher „Existenzsicherungsstragien“ und suchten mit unterschiedlichen Methoden ihre Chancen  zu verbessern. Andere Ursachen lägen darin, dass Fälschungen gesellschaftlich nicht ausreichend geächtet würden. Als Kavaliersdelikte würden viele Betrügereien verharmlost. Fehlverhalten habe damit „sowohl strukturelle als auch menschliche Schwächen zur Ursache“, so Großmanns Position.

Petermann jedenfalls ist froh, dass in Deutschland Untersuchungsgremien eingerichtet wurden und Wissenschaftler nun Ansprechpartner haben für den Fall eines Betrugsverdachtes. Er glaube zwar, dass Betrugsfälle wie der des Stammzellenforschers Hwang oder des Physikers Schön Einzelfälle sind, doch wisse man nie, ob sie nicht nur die Spitze eines Eisberges darstellen. Denn „unter’s Eis kuckt man ja so schlecht“, lacht der Professor. Und fügt dann ernster hinzu „Verantwortung ist aber wichtig, und die beginnt in den eigenen Reihen“.


Mehr im Internet:
Ombudsman der DFG
Prof. Klaus Petermann, TU Berlin
Prof. Peter Weingart, Universität Bielefeld

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