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31.08.2006 - SPORTSOZIOLOGIE

Der Schwindel mit dem Bohrhaken

Risikosteigerung und Risikominderung -
vom Extremsport im technischen Zeitalter

von Josef Tutsch

 
 

Die Achterbahn, das ganz all-
tägliche Extremerlebnis

Extremsport, erläutert das Lexikon, bedeutet, dass der Sportler sich besonderen Herausforderungen stellt, hohe Risiken eingeht, ganz allgemein seine sportlichen Grenzen überschreitet. Vielleicht standen, als der Begriff aufkam, sogar verblasste Erinnerungen an den Lateinunterricht im Hintergrund: "In Extremis" heißt soviel wie "im Angesicht des Todes".

"Riskante Erlebnisse am Rand der Katastrophe": Eine Gruppe von Sportsoziologen und Technikhistorikern aus Berlin hat sich der Frage angenommen, welche Form der Extremsport in unserem technischen Zeitalter angenommen hat. Es ist ja offenkundig: Heutzutage werden diese Spiele mit beträchtlichem Technikaufwand inszeniert. Ein schon alltägliches Beispiel ist die Achterbahn auf dem Rummel. Durch Industrienorm wurde die maximal zulässige Belastung auf das sechsfache der Erdbeschleunigung festgelegt. Für mehr als 9 g, warnen die Mediziner, ist der Mensch physisch nicht ausgelegt, es droht Exitus. Aber zweifellos würden sich ohne DIN viele Menschen freiwillig und mit Lust jenen 9 g noch ein Stück weiter annähern.

An der Steilwand
Natürlich kann Technik auch eingesetzt werden, um Risiken zu minimieren. Ein schlichter Fall sind die Bohrhaken, mit denen in Klettergärten und an Berghängen die Wege abgesichert werden. Der Soziologe Stefan Kaufmann berichtet jedoch, dass manchmal einbetonierte Haken abgesägt wurden, in einigen Fällen mit der Folge, dass sich wenig später tödliche Abstürze ereigneten. Kaufmann bringt bemerkenswerte Zitate aus diesen "Bohrhakenkriegen", etwa wurde argumentiert, wenn man sich mit Hilfe von Haken und Seil "über eine Wand hinaufschwindelt", könne man "weder den Wert der Gefühle noch den Wert der Leistung" verstehen. Ein anderer Autor schrieb, es sei ein wahres "Trauerspiel, wie ein Stück Eisen den Kletterer unmerklich versklavt und sein Tun würdelos macht".

Noch eine Probe, aus der Deutschen Alpenzeitung von 1911: "Mir kommt vor, dass der Gedanke, wenn du fällst, hängst du drei Meter am Seil, geringeren ethischen Wert hat als das Gefühl: ein Sturz und du bist tot ..." Die Logik dieser Wertschätzung wird anderen Menschen wohl ewig ein Geheimnis bleiben. Dieser sozusagen spielerische Heroismus "in extremis" ist jedenfalls nicht mit einer militärischen Zweck-Mittel-Rationalität zu verwechseln. Der Historiker Christian Kehrt stellte in seinen Forschungen zum wilhelminischen Kaiserreich fest, dass das Militär als maßgeblicher Förderer der Flugzeugtechnik gerade nicht "am spielerischen Umgang mit der Gefahr und dem Flugsport als solchem interessiert" war. "Es nutzte vielmehr den vorgegebenen Rahmen der Flugzeugwettbewerbe zur Erprobung geeigneter Flugzeuge und zum Sammeln wichtiger Flugpraxis im Hinblick auf den künftigen Krieg."

Pieter Corneliszoon Hooft (gest. 1647),
Betrachtung eines Schiffbruchs
 
Aufschlussreich ist eine Bemerkung des Technikhistorikers Stefan Poser zur Wortgeschichte. "Der Neologismus Risiko teht auf des italienische Wort risco zurück, was etwas aufreißt. Aus dem Bild der Klippe im Meer, die ein Schiff aufreißt, entstand das Risiko, dem eine Ware auf See ausgesetzt ist." Der römische Dichter Lukrez prägte vor über 2.000 Jahren das eindrucksvolle Bild, dass jemand vom festen Ufer aus die Not des Anderen auf dem vom Sturm aufgewühlten Meer betrachtet, im Genuss eigener Sicherheit.

Die Kulturwissenschafttlerin Katja Rothe berichtet von dem raffinierten Spiel, das mit dieser Situation im modernen Hörspiel getrieben wurde, am frühesten wohl 1924 in dem französischen Hörspiel "Marémoto". "Hallo! Hallo! Hier ist Radio Paris! Meine Damen und Herren, wir bringen eine Lesung der Novelle von Guy de Maupassant ..." Die folgende Lesung wurde jäh von einer Szene unterbrochen, in der in Sturm und Finsternis ein leckgeschlagenes Schiff untergeht. Die Autoren haben wohl vorausgesehen, dass viele Hörer bei der Marine anrufen würden, um ein Schiffsunglück zu melden. Im Hintergrund hörte man plötzlich ein lautes, anhaltendes Lachen. "Willst du wohl still sein, Ansagemädchen! – Entschuldigen Sie, wissen Sie, ich konnte einfach nicht anders, ich musste lachen."

Auf dem Motorrad
Aber offenbar kann auch die eigene Gefährdung Lustgefühl bereiten – vorausgesetzt, dass das Risiko kalkuliert, sozusagen versichert werden kann. Zum Beispiel das Motorradfahren, das vor allem bei Männern mittleren Alters zum Volkssport geworden ist. Der Sportsoziologe Thomas Alkemeyer: "Eine zentrale Triebkraft für die Faszination ist das Erlebnis einer Aussöhnung von Körper, High Technology und Landschaft." "Wie stark das Motorrad als gleichsam technisches Organ in das Körperselbstgefühl einbezogen wird, bemerkt man besonders dann, wenn man nach längerer Fahrt absteigt: man fühlt sich irgendwie amputiert." Aber eben auch: "Vor allem jüngere Motorradfahrer suchen riskante Situationen bewusst auf, um die Grenzen ihrer körperlichen wie mentalen Leistungsfähigkeit ausuzuloten."

Vor hundert Jahren mag der Automobilismus noch ähnliche Empfindungen hervorgerufen haben. Wie extrem gefährlich er war, macht der Technikhistoriker Wolfgang König mit einer fiktiven Umrechnung deutlich: Nach heutigen Verhältnissen würden die Unfallzahlen von damals 350.000 Verkehrstote im Jahr bedeuten! Amüsantes Detail am Rande: Einige der Hohenzollernprinzen taten sich als wahre Verkehrsrowdies hervor. "Man muss ernstlich fragen", war (wohlweislich anonym) in einer Berliner Tageszeitung zu lesen, "ob mit dem fürstlichen Automobilismus der mittelalterliche Geist wieder lebendig geworden ist, der es gestattete, bei allerhöchsten Parforcejagden den Bauer und Bürgersmann unter die Hufe der Rosse zu stampfen." 1913 verlangten der Berliner Polizeipräsident und der Landrat eines benachbarten Kreises vom Kaiser ein Machtwort gegen die "Automobilraserei der Prinzen" – Erfolg der Eingabe unbekannt.


Neu auf dem Büchermarkt:
Kalkuliertes Risiko. Technik, Spiel und Sport an der Grenze,
herausgegeben von Günter Gebauer, Stefan Poser, Robert Schmidt, Martin Stern
Campus Verlag, Frankfurt/New York 2006 (ISBN 3-593-38006-4), 29,90 €



Mehr im Internet:
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Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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