Bei Bonobos ist Sex der Schlüssel zu einem friedlichen, sozialen Zusammensein.
Isabelle Bareither
Friede durch Sex bei den Bonobos
Eine besonders glückliche Affen-Bande erwartet den Besucher im Berliner Zoo. Die Bonobos scheinen den Schlüssel zu sozialem Glück in der Ausführung zahlreicher sexueller Aktivitäten gefunden zu haben. So gab man ihnen auch bald den Namen "Kamasutra-Affen". Doch auch mit dem Titel "Hippie-Primat" dürfen sie sich schmücken. Denn ganz nach der Ideologie der 70er Jahre scheinen sie nach einem bestimmten Motto zu leben: Make Love Not War.
Klatschend empfängt Simon, der älteste von fünf Bonobos im Berliner Zoo den Besucher. Inmitten einer glücklichen Affen-Bande erfreut er sich hier täglich seines Lebens, denn die drei Männchen und zwei Weibchen der Gruppe sind besonders friedliebende Tiere. Wann immer Streit aufkommt, kompensieren die Bonobos diesen mit Sex. „Dadurch kommt es nicht zu aggressiven Handlungen wie bei anderen Menschenaffen. Es beruhigt die Gruppe“, so Dr. Peter Rahn, Kurator für Menschenaffen im Berliner Zoo. „Alttiere kopulieren mit Jungtieren, Männchen mit Weibchen und die Geschlechter untereinander“ – es scheinen keine Tabus gesetzt. „Allerdings kommen homosexuelle Handlungen doch deutlich seltener vor“ ergänzt Chef-Tierpfleger Reimon Opitz. „Ich bin aber auch immer wieder erstaunt über die tollen Stellungen. Sex kopfüber am Zaun sieht doch sehr lustig aus.“
Entspannung durch verschiedenste sexuelle Interaktionen
Die „Kamasutra-Affen“ erfinden ständig neue Techniken. Zum Standard-Programm gehören, neben dem Geschlechtsverkehr, das „GG-rubbing“ – Genito-Genital-rubbing zwischen den Weibchen der Gruppe und das „Penis-Fechten“ der Männchen wobei die Geschlechtsteile aneinander gerieben werden. Die Bonobos sind eine Unterart der Schimpansen in der Familie der Menschenaffen. Im Gegensatz zur gängigen Meinung, scheinen die kleinen Bonobos und nicht der allgemein bekannte „Gemeine Schimpanse“, mit 98 Prozent genetischer Übereinstimmung die nächsten Verwandten des Menschen zu sein. So überrascht es kaum, dass sie die einzigen Primaten neben dem Homo Sapiens sind, die Zungenküsse austauschen und sich auch „hominum“, also mit zugewandten Gesichtern paaren.
Yala genießt das Leben im Zoo Berlin Foto: Isabelle Bareither
„Die Bonobos sind auch die intelligentesten der Menschen-Affen“ weiß Opitz. Besonders Simon scheint ein schlauer Affe zu sein. „Er weiß ganz genau, dass der Tierarzt ihm bei Verletzungen helfen kann. Er hat sich gemerkt, dass der Doktor ihm helfen kann und streckte ihm bereits nicht nur einen verletzten Fuß entgegen sondern ließ sich auch mühelos eine Salbe auftragen.“ Nach einer solchen Behandlung lief Simon den ganzen Tag wie auf Krücken durch den Zoo, um ja nicht mit dem eingecremten Fuß den Boden zu berühren und damit der Heilung entgegenzuwirken, erzählt der Tierpfleger. Wie bei anderen Menschenaffen wurde auch bei den Bonobos Werkzeuggebrauch beobachtet. Zum Beispiel würden sie Termitenangeln benutzen, um an die nahrhaften Insekten in ihren einbruchsicheren Festungen zu gelangen. Und auch eine gewisse Art von Selbstbewusstsein scheinen die kleinen Affen zu haben. So erkennen sie sich selbst im Spiegel, eine Fähigkeit, die sie nur mit Schimpansen, Orang Utans, Delfinen, Elstern und dem Menschen gemeinsam haben.
Die Intelligenz der Tiere brachte die Pfleger auch dazu, sie mit dem sogenannten „Klicker-Training“ auf ärztliche Behandlungen vorzubereiten. Durch Belohnung nach gewünschten Handlungen wurden Simon, Santi, Vifijo, Yala und Opala einiges an Kunststücken beigebracht. Das Konditionierungs-Training machte die Tiere sogar schon zu kleinen Fernseh-Stars. In der Serie Panda, Gorilla & Co zeigte das rbb-Fernsehen, wie die Affenbande auf Kommando Hände, Füße oder Ohren präsentiert . Selbst in den Mund schauen lässt sich Simon, was die Arbeit der Pfleger natürlich wesentlich erleichtert.
Knutschen gerne: Bonobo-Kuss
Überraschenderweise ist Simon als der intelligenteste und älteste Affe der Gruppe, trotzdem nicht deren Chef. „Bonobos sind matriarchalisch organisiert“, erklärt Rahn. Die Weibchen sind die Chefs. Sie bestimmen nicht nur wer wann zu fressen bekommt, sie sind auch die Initiatoren sexueller Handlungen. „Oft bieten sie sich an, wenn mit viel Geschrei Streit zwischen den Männchen aufkommt“, erzählt Opitz. Sex ist ihre Art, um Konflikten vorzubeugen und Stress zu kompensieren. Vor allem in Situationen, welche die Aufmerksamkeit mehrerer erregen - wie die Anwesenheit von Futter – werden häufig sexuellen Handlungen beobachtet. Danach wird das Essen konfliktfrei brüderlich bzw. schwesterlich geteilt.
Die niedlichen Bonobos werden auf Grund ihres Verhaltens auch oft als Hippie-Primaten bezeichnet. Mit der Kompensation von Aggressivität durch sexuelle Handlungen, die tabulos in den verschiedensten Stellungen mit wechselnden Partner ausgeführt werden, scheinen sie den Schlüssel zu einem friedlichen sozialen Leben gefunden zu haben – ganz nach dem Hippie-Ideal „Make Love not War“.
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