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kultur

07.08.2006 - KUNSTGESCHICHTE

Entmythologisierung eines Genies

Berlin präsentiert den Maler, Zeichner und Graphiker Rembrandt

von Josef Tutsch

 
 

Rembrandt, Mädchen am Fenster,
1645, Dulöwich Picture Gallery,
London

Museumsdirektoren, die einen Rembrandt im Hause haben, waren in den letzten Jahren nicht unbedingt zu beneiden. Immer mussten sie damit rechnen, dass eines Tages das Rembrandt Research Project sagte, das Bild sei in Wirklichkeit gar nicht von Rembrandt, sondern bloß von einem Schüler oder Nachahmer. Von früher einmal 600 Gemälden gelten heute noch gut 300 als "echt". Am schlimmsten traf es das Staatliche Kunstmuseum in Kopenhagen: Früher wurden zehn Rembrandts gezählt, von denen kein einziger übrig blieb.

Tröstlich, dass auch Experten sich manchmal irren. "Der Rembrandt-Corpus atmet, im Moment wächst er wieder", sagt Jan Kelch, lange Jahre Direktor der Berliner Gemäldegalerie. So nennt auch Kopenhagen inzwischen wieder zwei echte Rembrandt-Gemälde sein eigen. Etwa ein Sechstel der als eigenhändig anerkannten 300 Werke in der Welt ist in den nächsten Wochen in Berlin versammelt. Die Ausstellung war zuvor im Amsterdamer Rembrandthuis zu sehen und kam jetzt wenige Tage nach dem 400. Geburtstag nach Berlin. Auch der "Mann mit dem Goldhelm" ist dabei, der vielleicht prominenteste Fall, dass ein "Rembrandt" als Werkstattarbeit entlarvt wurde.

Rembrandt, Selbstbildnis mit Samt-
barett, 1632 (SMB, Gemäldegalerie:
Bild: Jörg P. Anders)

Aber im Mittelpunkt stehen zum Jubiläum natürlich die eigenhändigen Werke: immerhin 15 aus Berlin, dazu prachtvolle Leihgaben,  aus Amsterdam, wie sich versteht, aber auch aus St. Petersburg, Los Angeles, Melbourne usw. usf., übrigens Stücke, die in ganz unterschiedlichen Erhaltungs- und Konservierungszuständen glänzen. Das Berliner Kupferstichkabinett hat den Gemälden zwei weitere Ausstellungen aus eigenen Beständen zur Seite gestellt: zu Rembrandts Zeichenwerk (von insgesamt 126 Blättern werden heute noch 55 als eigenhändig angesehen) und zu seiner Druckgraphik.

Es sind unverkennbar Ausstellungen des Übergangs. Mit Stolz wird präsentiert, was die kunsthistorische Forschung von dem Genie aus Hollands Goldenem Zeitalter übrig gelassen hat; aber wissenschaftlich geht es nicht mehr um die Frage der Zu- oder Abschreibung, sondern – so Museumsassistentin Katja Kleinert – um "die Beschäftigung mit den Entstehungsprozessen von Gemälden und künstlerischen Erwägungen, die Rembrandts reiches Oeuvre prägen". Das klingt abstrakt und wird für die meisten Besucher, die sich nicht in die Kataloge versenken, auch abstrakt bleiben. Ausgerechnet bei der publikumswirksamsten der drei Teilausstellungen, den Gemälden, wurde auf Erläuterungen beinahe ganz verzichtet.

Rembrandt, Simson bedroht seinen
Schwiegervater, 1635 (SMB Gemälde-
galerie; Bild: Jörg P. Anders)

Das Anliegen wird deutlich, wenn man vor Bildern gleichen Motivs steht. "Die Verleumdung Josephs durch die Frau des Potiphar", gemalt 1655 von Rembrandt, heute in Berlin – und daneben eine Arbeit aus dem Schülerkreis, eine Kopie, heute in Washington. Irgendwie muss der Kopist es passender gefunden haben, Joseph gleich neben dem Bett und nicht hinter dem Vorhang zu platzieren. Oder das eigenhändige Berliner Bild "Simson bedroht seinen Schwiegervater" 20 Jahre früher, neben der Werkstattkopie aus Miami. In diesem Fall hat der Schüler die Vorlage mit Nebenfiguren pittoresk bereichert. Die beiden Fälle müssen nicht repräsentativ sein, aber es bleibt der Eindruck einer Übertragung ins Bürgerliche, Brave.

Die Forschung kann heute in Rembrandts Werkstatt rund 50 Schüler unterscheiden, zeitweise waren es wohl mehr, als die strenge Zunftordnung eigentlich zuließ. Der Ausdruck "Schüler" mag aber missverständlich sein. Es wird sich eher um ein Graduiertenkolleg gehalten haben: Ausgebildete junge Maler kamen, um sich den Stil des hochangesehenen Meisters anzueignen. Es wäre ein anderes Ausstellungsthema, abseits vom Jubiläum, Rembrandts Werkstattbetrieb mit dem seiner Zeitgenossen zu kontrastieren. Rubens etwa ließ seine Schüler an seinen Gemälden mitarbeiten, übertrug ihnen die weniger wichtigen Passagen. Im Falle Rembrandt stehen die weitgehend eigenhändigen Arbeiten des Meisters neben den ebenso eigenhändigen seiner Schüler, die sich in einer Art Mimikry übten.

Rembrandt, Interieur mit geschlachtetem
Ochsen, Federzeichnung, um 1655 (SMB
Kupferstichkabinett, Bild: Jörg P. Anders)

"Genie auf der Suche" ist die Berliner Gemäldeausstellung überschrieben. Ein zwiespältiger Titel. Zum Geniekult des 19. Jahrhunderts will die Ausstellung keineswegs zurück, ist vielmehr, wie das Wort "Suche" andeutet, auf Entmythologisierung aus. Kurator Ernst van de Wetering, Leiter des Rembrandt Research Project, betont, dass Rembrandts Entwicklung in erster Linie als Arbeit an künstlerischen Problemen zu verstehen ist. Der skizzenhafte, andeutende Spätstil resultierte nicht, wie die Rembrandtlegende uns weismachen will, aus persönlichen Krisen, sondern aus einem sehr genau kalkulierten Arbeitskonzept: Der Betrachter sollte angeregt werden, das Bild sozusagen selbst zu vollenden.

In Amsterdam feiert die Legende zurzeit im Musical fröhliche Urstände. van de Wetering will da einiges zurecht rücken. Der Bankrott von 1656 war ein ganz banales Ergebnis wirtschaftlicher Fehlentscheidungen: Statt die Hypothek für sein Haus abzubezahlen, hatte sich Rembrandt eine kostspielige Kunstsammlung zugelegt. Eine emotionale Krise nach dem Tod der Frau? van de Wetering zuckt die Achseln: Das ist bloß eine Projektion romantischer Vorstellungen, wie es im Künstlerleben zugehen müsste. Real sind Rembrandts Gemälde, Zeichnungen und Graphiken, und indirekt eben auch die Arbeiten seiner Schüler, die er als Lehrer und Vorbild mitgeprägt hat.

Rembrandt, Nackte Frau auf einer
Bank sitzend, 1658, Radierung
und Kaltnadel (SMB Kupferstich-
kabinett; Bild: Jörg P. Anders)

Ein ganz frühes Gemälde, "Die Steinigung des heiligen Stephanus" aus Lyon, lässt erkennen, dass Rembrandt, als er 18 oder 19 Jahre alt war, "unrembrandtesk" angefangen hat, noch ganz in der Art seines Lehrers Pieter Lastman. Wahrscheinlich war es gerade die Intensität der "Suche" , des Ringens mit den künstlerischen Problemen, die Rembrandt aus dem Kollegenkreis heraushob. Da sind die Zeichnungen auf Papier, die immer im Schatten der Ölgemälde gestanden haben, vielleicht sogar das größere Erlebnis. Mit ihrem freien, skizzenhaften Stil sind sie, wie Holm Bevers, Hauptkustos am Kupferstichkabinett, feststellt, untypisch für die holländische Zeichnung des 17. Jahrhunderts, die sonst an genauer und naturgetreuer Wiedergabe interessiert war

Nur selten hat Rembrandt in der Zeichnung seine Gemälde oder Druckgraphiken skizziert – offenbar fanden seine Vorarbeiten hauptsächlich im Kopf statt, das macht auch nachvollziehbar, warum seine Zusammenarbeit mit den Schülern so anders ablief als bei vielen Kollegen. Eines dieser raren Beispiele ist in Berlin ausgestellt: die wohl berühmteste Radierung, das "Hundertguldenblatt", eine komplexe Komposition von Szenen aus dem Leben Jesu, und dazu eine Vorzeichnung. Man sieht auch ein Blatt, das Rembrandt nach einer Reproduktion von Lenonardo da Vincis Mailänder "Abendmahl" gezeichnet hat – Beleg, dass dieser Künstler keineswegs der große Einsame war, der sich gegen Einflüsse aus dem klassischen Italien abschließen wollte.

Kompliment an das Kupferstichkabinett: Die Ausstellungen zu Zeichnung und Druckgraphik sind gut beschriftet. So erfährt man auch, dass ein zeitgenössischer Kritiker an einem Frauenakt Anstoß nahm, das sei keine Venus, sondern vielmehr eine Wäscherin ...So las es sich wohl, wenn man die "Lebendigkeit der Emotionen", die ein anderer Kunstkenner Rembrandt nachrühmte, negativ formulieren wollte. Schade, dass die Gemäldegalerie sich didaktisch radikal zurückgehalten hat. Von dem Maler Gerrit Lundens ist eine Kopie der "Nachtwache" zu sehen, angefertigt bevor Rembrandts Original auf allen Seiten beschnitten wurde. Der Betrachter würde also gern vergleichen; aber anscheinend ist niemand auf die Idee verfallen, eine Photographie des weltberühmten Gemäldes, wie es sich heute im Amsterdamer Rijksmuseum präsentiert, daneben zu setzen


Ausstellungen:
"Rembrandt – Genie auf der Suche"
"Rembrandt. Der Zeichner"
"Rembrandt. Ein Virtuose der Druckgraphik"
bis 5. November 2006 in der Gemäldegalerie und im Kupferstichkabinett, Kulturforum, Potsdamer Platz/Matthäikirchplatz, Berlin- Tiergarten
geöffnet Dienstags bis Sonntags 10 bis 18 Uhr, Donnerstags bis 22 Uhr



Mehr im Internet:
Rembrandt van Rijn  
Rembrandt-Block am Kulturforum Potsdamer Platz        
Kartenbestellung online (mit "Zeitfenster" für den Eintritt)






Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur

 

 

 

 

 

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