Was Bären, Schüler und Fußballfans gemeinsam haben (sollen)
Michael Klemm
Die Fankurve schlägt mit Ironie zurück
Edmund Stoiber hat mit seiner viel belächelten Differenzierung der Normalbären von Schad-, Problem- oder Risikobären letztlich nur eine Tendenz untermauert, die es schon längere Zeit zu beobachten gibt: In zahlreichen und höchst unterschiedlichen Diskursen sprießen zurzeit die "Problem"gruppen, werden nicht nur Bären, sondern auch Menschen als Probleme bezeichnet und entsprechend ausgegrenzt.
Die Polizei hatte sich zum Beispiel vor der WM, basierend auf der Studie eines Heilbronner Professors, ein klares Bild von ihrer Klientel Fußballanhänger gemacht. Der "statistische" Fan sei 40 Jahre alt, männlich, gut situiert, reise in Gruppe von Freunden, verweile ca. 10,3 Tage am selben Spielort und habe Interesse an multi-kultureller Party-Stimmung. Wie schön. Der "Problemfan" hingegen, auch je nach Gefährlichkeit B- oder CFan“ genannt, sei gewaltsuchend oder zumindest gewaltbereit, agiere in/aus der Gruppe und suche nach vergleichbaren Gruppen ausländischer Fans. Zwar gab es keine Aussagen zum typischen Aussehen des Problemfans, nehmen wir aber mal an, er hat (wenn überhaupt) kurze Haare. Wie gut, dass wir die Bösen und die Guten so treffsicher kennen und unterscheiden konnten.
Geradezu inflationär ist die Rede von "Problemschülern", die offenbar weniger Schüler als ein Problem sind. So interpretierte Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, die Ergebnisse der zweiten Pisa-Studie von 2003 dahingehend, "dass das deutsche Bildungsproblem im Kern ein Bildungsproblem von rund einem Fünftel der Schüler ist", da die anderen überdurchschnittlich abgeschnitten hätten. Diese Gruppe der Problemschüler seien zum Beispiel integrationsunwillige Migrantenkinder, woraus er folgert: "Vor diesem Hintergrund geht es nicht an, den Schulen die Schuld für schwache Schulleistungen der zwanzig Prozent umfassenden Problemklientel zuzuweisen."
So bebilderte Focus online einen Artikel über "Problemschüler"
Andere Politiker und Pädagogen sehen hingegen in "Problem- schülern" gewaltbereite und gewalttätige Jugendliche, die man von der Schule verweisen oder in Internate verbringen solle. Der Problembegriff wird allerdings gerade bei Schülern sehr heterogen gefasst, wie folgende Definition nach Rusch / Weineck (1998). zeigt: "Als Problemschüler wird häufig der Schüler bezeichnet, der leistungsmäßig unter dem Durchschnitt seiner Klasse liegt, weil er ängstlich, unmotiviert, störend, aggressiv, ungeschickt und nicht leistungsbereit ist." Was taugt aber eine Kategorie, die auf 'ängstliche' und 'aggressive' Schüler gleichermaßen zutrifft, außer Jugendliche in eine diffuse Randgruppe einzuordnen?
Kandidaten für die problemlösende Wortbildung gibt es reichlich: Wir kennen ja schon lange "Problemfamilien" oder "Problembezirke", auf Neudeutsch "No-go-Areas". Es gibt aber auch Problempolitiker wie Stoiber, den gerade beschlossenen Problemhaushalt (oder ist Verfassungsbruch gar kein Problem?), Problemradfahrer wie Jan Ullrich oder Problemfußballer wie der zum Faustrecht neigende Torsten Frings (was Problemmedien wie BILD allerdings völlig harmlos fanden). Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Warum nicht auch Problemausländer oder Problemreligionen?
Ein Problem könnte aber bei diesem Trend sein, dass die Produzenten nicht so recht durchschauen, was die Tücken des Problembegriffs sind. Im Alltag, sprich laut Wörterbuch, ist ein Problem eine „schwierige Aufgabe, die es zu lösen gilt“ oder eine "Sorge, die man sich macht" und die uns bedrückt, wenn wir "Probleme wälzen" und uns mit ihnen "auseinandersetzen". Trifft das auf unsere Problemgruppen noch zu? Hat man sich etwa mit den Problemen des Problembären auseinandergesetzt? Bei dieser Art von Problem-Bildung hat derjenige eben keine Probleme, sondern ist das Problem.
In der Wissenschaft bezeichnet man als Problem (von gr. problematon: "das, was [zur Lösung] vorgelegt wurde") die Abweichung eines geforderten Istzustandes vom Optimum. Gesellschaftliche Probleme wie die beschriebenen sind demnach Abweichungen von erwünschten Zuständen der Gesellschaft. Die Lösung eines Problems ist folglich die Beseitigung dieser Abweichung. Nur: Geht es den Problemgruppen-Schöpfern wirklich um eine Lösung?
Probleme – und hier treten die Unterschiede zu unseren "Problemfällen" deutlich zu Tage – sind zudem in der Wissenschaft der Ausgangspunkt für Forschung. Nach Sokrates ist ein Problem das "Wissen vom Nichtwissen". Für ein echtes Problem gibt es gerade keine regelhafte Lösung, denn sonst wäre es nur eine Aufgabe, Frage oder bloße Schwierigkeit. Probleme erfordern hingegen beständiges Arbeiten, das mögliche Nicht-Erreichen des Ziels liegt schon im Problem begründet, etwa bei der viel zitierten "Quadratur des Kreises". Nur sog. "wohldefinierte" Probleme besitzen eine klare Vorgabe, einen eindeutigen Zielzustand, etwa in der Informatik oder Physik. Dies trifft auf die meisten gesellschaftlichen Probleme und die genannten Problemgruppen gerade nicht zu, zumal hier schon die Problemwahrnehmung je nach Perspektive variiert.
Das Prinzip der grassierenden Problemitis ist so simpel wie suggestiv: Die Welt ist in Ordnung, alles im Griff, der Mensch ist gut, es gibt nur leider ein paar Ausnahmefälle, die man halt aus unserem idyllischen Gesellschaftsgemälde ausgrenzen muss, damit die Welt auch in Ordnung bleibt. Wenn wir mit einer Gruppe nicht mehr zurechtkommen, ernennen wir sie flugs zur Problemgruppe und das Problem ist zwar nicht gelöst, aber gut verdrängt.
Sah eigentlich wie ein normaler Bär aus und ist nun seine Prob- leme los: Bruno
Nun kann man nicht jedes "Problem" einfach nächtens abschießen. Was also tun mit unseren "Problemkindern"? Die Diagnose ist ja nur die eine, recht einfache Seite der Medaille. Was etwa mit Problemschülern geschehen könnte, zeigen die Aussagen Stoibers über die "Gewaltexzesse ausländischer Schüler": Wer nicht Deutsch könne, werde nicht eingeschult. Wer an der Schule randaliere, fliege aus der Klassengemeinschaft. Wer sich dauerhaft nicht integriere, müsse Deutschland wieder verlassen.
Ist der Problem-Mensch erst einmal ausgegrenzt, sind radikale Forderungen nicht mehr weit. Der Marginalisierung, wenn nicht gar Diskriminierung durch die herrschende Mehrheit folgt selten eine Lösung des Problems, geschweige denn eine Beschäftigung mit den Ursachen. Aber vielleicht reicht manchen ja schon die Ausgrenzung als Lösung. Doch auch das zeigt die Wissenschaft: Nicht selten erzeugen Problemlösungen neue Probleme. Das Problemproblem wird nicht lange auf sich warten lassen.
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